BerlinDie meisten dürften sich Ludwig van Beethoven (1770–1827) als entschlossen grimassierendes Musikgenie mit Charakterkinn und Haartolle vorstellen. Das Bild des Komponisten wird bis heute von einem Gemälde des Malers Joseph Karl Stieler (1781–1859) geprägt, der sich vor allem darauf verstand, das Klischee des wilden Klangwerkers zu bedienen, eines vom Wahnsinn getriebenen, von Taubheit geschlagenen Berserkers. In etwa so, wie man sich in unserer Zeit wohl immer noch einen Rockstar herbeifantasiert, nämlich als Hotelzimmer verwüstenden Psychopathen.

Nehmen wir einmal kurz an, daran sei alles wahr. Dann stellt sich im Falle Beethovens sofort die Frage nach seiner Kindheit: Wie konnte es dazu kommen? Der Zeichner Mikael Ross legt mit dem Comic „Goldjunge. Beethovens Jugendjahre“ eine Antwort vor. Sie ist ihm sehr überzeugend gelungen. Seine Bildergeschichte entfaltet in ihren stärksten Momenten ein nur mühsam im Rahmen gehaltenes Tableau aus flirrenden Farben und Strichen und lässt etwas von der zerstörerischen Schöpfungskraft Beethovens ahnen, einem Zustand fortgesetzter Selbstgefährdung.

Avant-Verlag/Mikael Ross
Der Comic

Mikael Ross:
„Goldjunge. Beethovens Jugendjahre“.

Avant-Verlag, Berlin 2020.
189 Seiten, 25 Euro

Ein Albtraum, der nicht aufhört. Und das hat vor allem mit Ludwigs Vater zu tun, Johann van Beethoven, einem mittelprächtigen Tenorsänger bei der kurfürstlichen Hofkapelle in Bonn, dessen historisches Verdienst wohl vor allem darin besteht, die außerordentliche Begabung seines Sohnes irgendwie erkannt und für eine solide Musikausbildung gesorgt zu haben. Bei Ross erscheint er als alkoholabhängiger, andauernd verschuldeter Haustyrann, der in Ludwigs Talent die Rettung vor dem finanziellen und sozialen Abstieg sah – den „Goldjungen“ der Familie.

Bonn 1778, mitten in der Nacht: Es rumpelt und scheppert im Haus der Beethovens. Johann hat den siebenjährigen Ludwig aus dem Bett gezerrt: Der Junge soll einem Gast für kleines Geld auf dem Klavier vorspielen. Der übernächtigte Ludwig weigert sich zuerst, aber sein Vater kennt keine Gnade. Also setzt sich der Sohn ans Klavier. Ross lässt auf den folgenden Seiten die Farben aus dem Klavier wirbeln, sie sind größer und mächtiger als die irdische Erbärmlichkeit, die ihn zumeist umgibt. Eine Rettung in die Schönheit und Ewigkeit. Eine Flucht vor dem Vater.

Abb.: Avant-Verlag/Mikael Ross
Der Haustyrann Johann Beethoven hat das Haus verlassen …
Abb.: Avant-Verlag/Mikael Ross
 … und die Kinder laufen zur Mutter. Der kleine Ludwig …
Abb.: Avant-Verlag/Mikael Ross
… setzt sich ans Klavier und spielt zum Trost.

Nun ist Ross' Comic aber kein küchenpsychologisches Attest über eine verkorkste Kindheit. Der Zeichner hält sich mit voreiligen Wertungen zurück. Er stützt sich bei seiner Bildergeschichte auf eine von der Beethoven-Forschung lange vernachlässigte Quelle, den Bericht eines Bonner Bäckermeisters, der als Nachbar der Beethovens aufgewachsen ist – die sogenannten „Fischerschen Manuskripte“. Ross' Comic erweist sich vor diesem Hintergrund eher als ein sorgfältig recherchiertes, dabei überaus einfühlsames und bisweilen krachkomisches Sozialdrama. 

Überhaupt ist der Zeichner voller Bewunderung für seinen Protagonisten: „Wenn man bei Beethoven aber auf die tatsächlichen Verhältnisse schaut, ist es um so erstaunlicher, was er alles geschafft hat. Speziell interessiert mich die Frage, ob genau in diesen ungünstigen Umständen der Keim für sein Werk zu finden ist.“ Die familiären Belastungen, so Ross, haben erst zu Ludwigs aufbrausendem Temperament geführt: „Er war ein anstrengender Zeitgenosse … Alle Menschen in seinem Umfeld kommen immer wieder darauf zurück, dass es mit ihm kompliziert gewesen sein muss.“

Mit komplizierten Charakteren kennt sich Ross aus. Seit seinem Umzug nach Berlin und einem Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, seiner ersten längeren Erzählung „Herrengedeck“, die er 2008 im Eigenverlag veröffentlichte, hat sich der Künstler zu einer der wichtigsten deutschen Comicautoren für „schwierige Themen“ entwickelt. Das hat Ross zuletzt mit seinen Comics „Lauter Leben!“ (2014) über die Berliner Hausbesetzerszene und „Der Umfall“ (2018) über die Lebensgeschichte eines Jungen mit geistiger Behinderung eindrucksvoll bewiesen.

Dabei erfindet Ross auch schon mal Episoden. Historisch verbürgt ist die folgende Begegnung Beethovens mit dem anderen Wunderkind der Zeit, dem großen Vorbild Wolfgang Amadeus Mozart, jedenfalls nicht: 1786 reist der 15-jährige Ludwig nach Wien. Er möchte dort bei Mozart Unterricht nehmen … Der Junge irrt durch die Stadt und hält bei einem Buttenweib mit Eimer, zu der Zeit eine öffentliche Toilette. Bei ihr war er schon öfter, denn er hat, mal wieder, Durchfall. Plötzlich ruft eine Stimme: „Scheiß Prinzessin! Den Deckel auf! Avanti!“ Es ist Mozart.

Abb..: Avant-Verlag/Mikael Ross
Johann Beethoven verkauft die Kunst seines „Goldjungen“ Ludwig an seine Gläubiger.

Solchen Episoden dienen offensichtlich der Unterhaltung, indem sie die Geschichte um eine fäkal-humoristische Dimension erweitern. Aber Ross nutzt die – erfundene – Begegnung von Beethoven und Mozart noch für einen anderen, aufschlussreichen Kontrast: „Die Quellen, die eine solche Begegnung beschreiben, sind nicht besonders glaubwürdig. Aber ich fand allein die Möglichkeit einer solchen Begegnung einfach zu reizend. Die derbe ironische Sprache, die man in den Briefen Mozarts wiederfinden kann, ist ein zu schöner Gegensatz zu dem deutschernsten Beethoven.“

Und damit nähert sich Ross' Sozialstudie ihrem eigentlichen Anliegen: „Beethoven war für mich einer der ersten großen Künstler der Moderne und der Aufklärung. Er hatte nicht die Feinheit des Ausdrucks, die es benötigt, um mit dem Adel umzugehen. Man war zwar irgendwie angetan von ihm in der hohen Gesellschaft, aber dann doch irgendwie wieder abgestoßen, nach dem Motto: Wer ist denn dieser Prolet?“ Die Figur Beethovens erscheint bei Ross in ihrer ganzen Zerrissenheit als modernes Künstler-Subjekt, das aus einem Klassenwiderspruch hervorgeht: der (Klein)Bürger gegen den (Hoch)Adel, Bourgeoisie versus Aristokratie.

Expressive Farb- und Linienwolken von großer Schönheit

Vor allem aber überzeugt der „Goldjunge“ durch seine Zeichnungen. Ross übersetzt Beethovens Kompositionen in expressive Farb- und Linienwolken von großer Schönheit. Es sind die klangfarbenen Ausbrüche in einer sonst eher gedecktfarbenen Bildergeschichte. Hier verlassen seine Seitentableaus das Gegenständliche und weichen ins Abstrakte aus. Denn wie soll Musik in einem „stummen“ Medium wie dem Comic anders dargestellt werden? Ross lässt die Musik leuchten, sie strahlt in ihrem ganzen Überfluss und erscheint als systemsprengende Urgewalt.

Abb.: Avant-Verlag/Mikael Ross
Wild, aufbrausend, hochbegabt: der junge Ludwig in seinem Element.

Der Comic endet mit dem Beginn der großen Karriere, dem Durchbruch Beethovens bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Wien, 1795. Mikael Ross hat mit dem „Goldjungen“ einen originären, fantasievollen wie eigenwilligen und vor allem eindringlichen Beitrag zum offiziellen Beethoven-Jahr vorgelegt: Am 17. Dezember jährt sich Beethovens Taufe zum 250. Mal  – sein eigentliches Geburtsdatum ist nicht überliefert. Nachdem die meisten der geplanten Konzerte und Ausstellungen coronabedingt abgesagt wurden, bietet der Comic auf seinen „stumme“ Weise doch einigen Trost.