Der Prinz dort, wo er als Prinz zu sein hat: auf Rettungsmission.
Foto: Zwerchfell/Lukas Kummer

BerlinDie neongrelle Düsternis von „Prinz Gigahertz“ erregt sofort Aufmerksamkeit. Die leeren Gegenden, die sich in Lukas Kummers Bildergeschichte ausbreiten, erinnern an einige der kosmischen Irrsinnslandschaften des französischen Zeichners Moebius und verbreiten die gleiche postapokalyptische Seelenlosigkeit. Die wilde Mischung aus Hightech und Mittelalter, aus Cyberpunk und Ritterlegende scheint sich William Gibsons dystopische Digitalutopie vom „Neuromancer“ zum Vorbild genommen zu haben und erhebt die technisch angeleitete Fremdbestimmung zum Erzählprinzip. In jedem Fall aber ist „Prinz Gigahertz“ eine unverhohlene Reminiszenz an den Genre-Klassiker „Prinz Eisenherz“ von Hal Foster.

Erst einmal Luft holen. Kummers Comic bietet allerhand. Auf den ersten Blick aber erzählt er eine hübsche Abenteuergeschichte. Eigentlich ein Märchen: „Es waren einmal, vor langer Zeit, in einer anderen Welt, ein Ritter und ein Dämon, der ihn durch die Wüste jagte.“ Diese Sätze über einer karg gezeichneten Wüstenlandschaft mit dem sie durchquerenden Titelhelden eröffnen das Geschehen. Die Leere füllt sich alsbald mit absonderlichen Gestalten, unheimlichem, zumeist bösartigem Personal, Kannibalen, Mutanten, Untoten und Geistern, die nach einer Atombombenexplosion im Zustand des ewigen Zerfall dahinleben. Eine Hölle, ein entropischer Endpunkt ohne Ausflucht oder Hoffnung.

Zwerchfell
Das Buch

Lukas Kummer: Prinz Gigahertz. Graphic Novel. Zwerchfell Verlag, Stuttgart 2020. 116 Seiten, 18 Euro.

In diese Tristesse fällt Prinz Gigahertz. Hier war einmal sein Zuhause, 30 Jahre ist das her. Das einst stolz emporragende Schloss ist zerfallen, der Hofstaat besteht nur noch aus zerlumptem, radioaktiv verstrahltem und entstelltem Gesindel. Das Ambiente könnte eine sagenhafte König-Artus-Welt sein, auch gibt es ein Schwert mit Namen Excalibur, doch zugleich tauchen etliche Hightech-Accessoires auf, nicht zuletzt ist Excalibur eine elektroschockerartige Energiewaffe. Und dann wäre da noch der eingangs erwähnte Dämon, der 30 Jahre nach seinem Erstschlag nichts von seinem Schrecken verloren hat und ein künstlich-intelligenter Kampfroboter ist, dessen Laserstrahl seine Gegner reihenweise durchschneidet.

Im vergangenen Jahr startete der 1988 in Innsbruck geborene, heute in Kassel lebende Lukas Kummer eine Kickstarter-Kampagne, um sein neues Comic-Projekt zu finanzieren. Damals fanden sich 97 Unterstützer, sie gaben insgesamt 3579 Euro, deutlich mehr, als Kummer veranschlagt hatte. Der Künstler begann mit seiner Arbeit und veröffentlichte die ersten Kapitel im Internet, und zwar auf der Plattform Falotten Comics, die er und sein Kollege Adrian Richter für die kostenlose Verbreitung ihrer Bildergeschichten im Netz eingerichtet haben. Schließlich erschien im Zwerchfell Verlag eine Papierversion des Comics, die hier mit dem üblichen Etiketten-Gedöns als Graphic Novel angepriesen wird.

Verkehrte Welt, Zwischenwelt: Prinz Gigahertz verliert sich in virtuellen Räumen.
Foto: Zwerchfell/Lukas Kummer

Erstaunlich an diesem Comic ist die stilistische Souveränität, mit der Kummer sich durch die verschiedenen Genres bewegt. Mühelos gelingt ihm der Wechsel zwischen den Zeitaltern, König Artus oder Cyberpunk – die Unterschiede werden gleichgültig und verschwimmen zu einer unheimlichen Allgegenwart. Der rasende Stillstand wird hier zum erzählerischen Formprinzip, nichts kommt wirklich voran, alles wiederholt sich in mythischen Endlosschleifen, aber das in irrer Umdrehungszahl. Auch die Ironie, mit der etwa Hal Fosters „Prince Valiant“ alias „Prinz Eisenherz“ herbeizitiert und weiter modifiziert wird, ist atemraubend. Es zeugt von hoher Könnerschaft und ausgeprägtem Formbewusstsein.

All das verdichtet sich bei Kummer zu reduktionistisch schraffierten, einfach konturierten Bildertableaus, auf denen allerdings feinnuancierte Farbübergänge ein hochdynamisches Spiel treiben und ein kontrast- und affektreiches Ambiente schaffen. Das ist ziemlich großartig. Kommt aber nicht von ungefähr: Kummer hat mit „Die Verwerfung“ (2015) und „Gotteskrieger“ (2017) bereits zwei Comics vorgelegt, die für ihre schwierigen Sujets – den 30-jährigen Krieg und die Reformation – effiziente Erzählformen fanden. Die anschließende Beschäftigung mit dem österreichischen Autor Thomas Bernhard in „Die Ursache“ (2018) und „Der Keller“ (2019) zeigte dann schon Kummers hohe Kunst der Reduktion.

Mission erfüllt, vielleicht: Prinz und Prinzessin in trauter Eintracht.
Foto: Zwerchfell/Lukas Kummer

Der Comic „Prinz Gigahertz“ lässt eine High-Fantasy-Rittergestalt in einer postapokalyptischen Sci-Fi-Trümmerwelt herumirren oder, umgekehrt, einen Cyberpunk durch ein Mittelalter stolpern, das von einer unheilvollen Künstlichen Intelligenz beherrscht wird – einer Schicksalsmacht, die alles mit Vergeblichkeit schlägt. Aber das hält den Prinzen nicht davon ab, seine Prinzessin zu suchen und – selbstredend – zu retten. Vielleicht. Auch möglich, dass der Prinz selber nur ein KI-Bot ist und seine Prinzessin eine elektromagnetische Anomalität in einer der verschiedenen Dimensionen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Jeder Impuls, alles Begehren bleibt gefangen in einer eigenen Welt. Lukas Kummers Comic ist düster und grell zugleich.