Preisträger Lutz Seiler. 
Foto: dpa/Hendrik Schmidt

BerlinDass in diesem Jahr der Roman, der die Bezeichnung eines alten Radios zum Titel hat, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wird, scheint folgerichtig. Wegen der Ansteckungsgefahr fällt die Messe aus, die sonst einstündige feierliche Preisverleihung am Donnerstag ab 16 Uhr in der Glashalle ist zu einer Radiosendung auf Deutschlandfunk Kultur geschrumpft, von 9 bis 10 Uhr am Donnerstagmorgen. 

Lutz Seilers „Stern 111“ steht also auf dem Blatt, das der Moderator Joachim Scholl raschelnd aus einem Umschlag befreit, als es um den Preis in der Kategorie Belletristik geht. Für das beste Sachbuch ausgezeichnet wird Bettina Hitzer mit „Krebs fühlen“, als beste Übersetzerin geehrt wird Pieke Biermann für die Übertragung von „Oreo“ von Fran Ross. Aus der siebenköpfigen Jury sitzen Wiebke Porombka, Jens Bisky und Tobias Lehmkuhl im Studio.

Wir sind mit Kopf und Herz bei den Autorinnen und Autoren.

Messedirektor Oliver Zille

„Wir sind mit Kopf und Herz bei den Autorinnen und Autoren, die hier in Leipzig ihre Bücher vorstellen wollten“, sagt der Messedirektor Oliver Zille in einem eingespielten Grußwort. Man hört ihm die eigene Enttäuschung nicht an, dass seine Arbeit von einem Jahr nun ins Leere gelaufen ist. Die Juroren aber haben nicht umsonst 402 Titel gelesen und diskutiert, um auf eine Nominierungsliste mit 15 Büchern zu kommen. Jedes auf der Shortlist platzierte Buch wird mit 1.000 Euro bedacht, die Gewinner in der jeweiligen Kategorie erhalten dazu 15.000 Euro.

Jens Bisky als Jurysprecher lobt die Gemeinschaft der Nominierten. Die Konkurrenz war beachtlich, nicht nur in der Belletristik, wo auch Ingo Schulzes Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ zur Vorauswahl gehörte, und Maren Kames’ poetisches Kunstwerk „Luna Luna“. Beim Sachbuch standen etwa Armin Nassehi mit „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“ oder die Collage „Das Jahr 1990 freilegen“ zur Wahl. Die Jury spricht statt Laudationes, kurze Begründungen ihrer Wahl.

Lutz Seiler saß während der Sendung beim Frühstück 

Über den Roman „Stern 111“ sagt Wiebke Porombka, er leuchte „auf jeder Seite, und das mit menschenfreundlichem Humor“. Sie lobt die „Verquickung von Geschichtsschreibung und Privatmärchen“. Wie um sich der erzählten Zeit des grandiosen Buches anzupassen, das um 1990 spielt, verkündet der Moderator, dass die Telefone schon „heiß liefen“ und schaltet Lutz Seiler dazu. Am Frühstückstisch habe er die Sendung verfolgt. Das hat etwas Rührendes, in Leipzig hätte er mit einem Blumenstrauß auf dem Podium gestanden.

„Warum schreibt man was, das ist eine überwältigend unbeantwortete Frage“, sagt er, angesprochen darauf, dass er zwanzig Jahre Lyriker war, bis er für seinen ersten Roman „Kruso“ den Deutschen Buchpreis bekam. Sein Übergang zur Prosa sei natürlich gewesen, er habe Melodie, Rhythmus, Syntax mitgenommen: „Das alles ist vom Ohr her geschrieben.“ Pieke Biermann nutzt das Gespräch, eine andere Person zu loben: die Schriftstellerin Fran Ross und deren Buch „Oreo“ über eine 16-Jährige in New York, Tochter einer schwarzen Mutter und eines jüdischen weißen Vaters.

Einen „Genrehopper“ nennt sie diesen Roman, der zwischen „hoher Sprache und Gassenjargon und amerikanischem Jiddisch“ wechselt. 1974 war das Buch kaum beachtet erschienen, 2018 wurde es wieder aufgelegt. Pieke Biermann hatte eine Rezension im englischen Guardian entdeckt und sich für das Buch eingesetzt. Tobias Lehmkuhl fragt, wie sie es geschafft habe, dass die deutschen Leser oft schallend lachen müssten. So sei es ihr auch gegangen, „in jeder Phase der Arbeit“, so gut sei es geschrieben.

Emotionsgeschichte ist ein junges Feld

Bei dem Titel „Krebs fühlen“ mag man an ein Ratgeberbuch denken, doch Bettina Hitzer ist Historikerin. Sie erzählt, wie die Wahrnehmung von Gefühlen die Gesellschaft verändert. So passen die Friedensbewegung der Siebzigerjahre zum gewandelten Umgang mit Krankheiten: dass man auch Angst und Verzweiflung therapiere. Emotionsgeschichte, darauf macht Jens Bisky die Hörer aufmerksam, ist noch ein junges Feld. Bettina Hitzer schickt einen Gruß an ihre Kollegen am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.   Dann folgen im Programm von Deutschlandfunk Kultur die Nachrichten. In der Leipziger Glashalle hätte es jetzt Sekt gegeben.