Die Dame auf dem Schiff erklärt den Passagieren im Sommer 1989 die Insel Hiddensee: 17 Kilometer lang, an der schmalsten Stelle nur 250 Meter breit. Noch wichtiger aber ist ihre Ansage: „Die gesamte Insel ist Grenzgebiet der Deutschen Demokratischen Republik.“ Ein Mann, der wissen will, ob man Dänemark sehen könne und wie viele es nach dorthin geschafft haben, wird von Uniformierten in Empfang genommen.

Die Verfilmung von Lutz Seilers Roman „Kruso“ beginnt faktisch-profan, als Einstieg für Zuschauer, die weder Hiddensee kennen noch das Buch gelesen haben. Dabei ruft dieser Roman nicht nach einer TV-Adaption: Zu wenig fernsehgerechte Handlung, zu viel Fantasie, Poesie und Utopie. Doch der MDR, der zusammen mit der Ufa-Fiction von Nico Hofmann schon Bücher wie „Der Turm“ erfolgreich für das ARD-Publikum aufbereitet hat, wagte sich auch an „Kruso“. Das Ergebnis ist ein Film, der das Buch strafft und konzentriert, manches eindeutiger macht – aber den Kern des Originals trifft und ihm nichts von seiner einzigartigen Atmosphäre nimmt. Auf Hiddensee könne man das Land verlassen, ohne eine Grenze zu übertreten, heißt es im Buch.

Freiheit beginnt im Abwasch

Thomas Kirchner, der auch Tellkamps „Turm“ in ein Drehbuch verwandelt hatte, verzichtet sowohl auf die Vorgeschichte des Helden als auch auf seine späteren Recherchen über die in der Ostsee Ertrunkenen. Die Handlung beginnt mit Eds Ankunft auf Hiddensee im Juni 1989 und endet im November des Jahres. In Rückblicken wird angedeutet, warum der 24-jährige Germanistik-Student (Jonathan Berlin) auf die Insel flieht: Seine Freundin war gegen eine Straßenbahn gelaufen – ob mit Absicht oder nicht, das bleibt in der Schwebe.

Auf der Insel trifft der herumirrende Ed einen Mann, der ihn vor weiteren Fluchten schützt und in eine ungewöhnliche Runde holt – in die „Besatzung“ des Ausflugslokals „Zum Klausner“. Alexander Krusowitsch, von allen „Kruso“ genannt (Albrecht Schuch), Sohn eines russischen Generals, hat eine Mission: Er will alle, die den Boden unter den Füßen verloren haben, auf der Insel in ein Reich der Freiheit führen. Er sagt wie im Buch: „Das Maß der Freiheit in unseren Herzen muss die Unfreiheit der Verhältnisse übersteigen.“ Erstmal beginnt die Freiheit im Abwasch: Wie Kruso und Ed hier fast nackt mit Geschirr und Speiseresten kämpfen, besitzt viel Komik.

Silly-Song „Bataillon d’Amour“

Der Regisseur Thomas Stuber war 1989 gerade mal acht Jahre alt, wie er die allgemeine Stimmung des Sommers und die besondere Stimmung auf Hiddensee hier einfängt, ist schon daher mehr als erstaunlich. Die Einfühlung geht bis ins Detail, also sogar bis zur Achselbehaarung, derer man sich damals nicht schämte. Hier passt alles zusammen, von den Kostümen, der liebevoll ostigen Ausstattung des „Klausners“ bis zur Musik. Angespielt werden „Wir woll’n immer artig sein“ von Feeling B, einer Punkband, die selbst häufig auf der Insel war und spielte und deren charismatisches Bandmitglied Aljoscha Rompe als Vorbild für die Titelfigur des Romans diente.

Der Silly-Song „Bataillon d’Amour“ wiederum untermalt ein rauschhaftes Aussteiger-Fest mit viel süßem Wein. Dass der Film den letzten DDR-Sommer feiert, war gar nicht so einfach zu inszenieren, erinnert sich Stuber. Denn bei den Dreharbeiten regnete es auf der Kurischen Nehrung in Litauen meistens, wo gedreht werden musste, weil auf Hiddensee der Fahrzeugverkehr bekanntlich stark eingeschränkt ist.

Auf Flucht in der Ostsee ertrunken

Im Spätsommer 1989 erfasst die Fluchtwelle über Ungarn selbst die bisher so unerschütterliche Besatzung des „Klausners“. Ob Oberkellner Rimbaud (Peter Schneider) oder Chefkoch Mike (Thomas Lawinky), einer nach dem andern geht über Bord. Zurück bleiben Kruso und Ed. Der Film erzählt die Annäherung zweier Außenseiter, die beide einen nahen Menschen verloren hatten und, ohne zu reden, über Gedichte miteinander kommunizieren. Albrecht Schuch und Jonathan Berlin mögen vielleicht anders aussehen, als man sie beim Lesen vor Augen hatte. Sie spielen diese Geschichte einer Freundschaft mit viel Herz.

Der Film entwickelt dabei eine Wehmut, die packt und die selten ist, erst recht bei diesem Thema. Denn die Grenzöffnung 1989 wurde im Fernsehen bislang stets mit „Wahnsinns“-Jubelei in Szene gesetzt. In „Kruso“ aber trifft sich die Trauer über die Menschen, die auf der Flucht in der Ostsee ertrunken sind, mit der Trauer über das Ende einer Utopie oder der Illusion, man könnte mit der Freiheit im Herzen der Unfreiheit der Verhältnisse entfliehen. Schließlich muss Ed den immer stärker leidenden Beschützer beschützen. Deutlicher als im Roman gibt der fiebernde Kruso eine denkwürdige Botschaft aus: „Viele, die drüben geboren wurden, empfinden ihr Unglück gar nicht mehr. Aufgabe des Ostens wird es sein, dem Westen einen Weg zur Freiheit aufzuzeigen.“