Jeden Moment kann die Injektionsnadel zustechen. Bleigrau spannt der Gummihandschuh über der Hand, die die Spritze hält. Gleich wird die Nadel eine Haut durchdringen, das kosmetische Füllgift in die Blutbahn drücken und dann den Körper verändern. Botox oder Restylane, vielleicht dringt es direkt in die DNA ein, lässt den Körper von innen mutieren. Das suggeriert das großformatige Doppelfoto „Twin Syringe“ der Medienkünstlerin Lynn Hershman Leeson in der Galerie Aanant & Zoo. „How to disappear“ ist der Titel der Ausstellung, das Verschwinden ist Thema – nicht nur im Sinn des normalen biologischen Vorgangs von der Geburt bis zum Tod.

Mischwesen

Denn der Ansatz in den Video- und Fotoarbeiten, den Installationen und Performances der Amerikanerin ist radikaler. In der Zwillingsinjektion nimmt der fremde Saft den Körper in Besitz, hackt ihn quasi wie ein Computervirus und erschafft den Betroffenen als künstliche Identität neu. Den eigentlichen Menschen lässt sie verschwinden. Oder sie gebiert „Cyborgs“, Mischwesen wie etwa die Frau auf der Digitalcollage „Cabbage Cropped“ von 2014. Die Beine übereinander geschlagen sitzt sie auf einem Hocker, ihr Rumpf und Kopf sind hinter einem riesigen Kohlkopf verschwunden. Die Injektionsnadel ragt noch daraus hervor.

Seit 50 Jahren operiert Lynn Hershman Leeson, 1941 in Cleveland, Ohio, geboren, auf dem interdisziplinären Experimentierfeld zwischen Mensch und Maschine mit dem Seziermesser der Kunst. Sie ist eine Pionierin der kritisch-feministischen Video- und Performance-Kunst, eine Schwester im Geiste der fast gleichaltrigen Österreicherin Valie Export. Hershmans großes Interesse an Technik – traditionell eine Männerdomäne – zeigt sich schon in ihren frühen Arbeiten, und die Metapher des Verschwindens taucht bereits in ihren „Suicide Objects“ auf. Aus dieser Serie bezeugen nun die verblichenen Filmstill-Farbfotos „Burned Bride“ von 1966 und „Abortion“ von 1967 die oft brutalen und traumatischen Methoden der Ausradierung: In einer Schachtel liegt der traurige Kopf der „verbrannten Braut“, die Locken sind vom Brautschleier verdeckt.

Der Körper verschwindet, indem er mutiert – vom Subjekt zum Objekt, von der fiktiven zur virtuellen Existenz, zum Alter Ego. So erinnern Schnappschüsse einer etwa 30-jährigen, offenbar depressiven Frau auf einem Fotokontaktbogen an „Roberta Breitmore“. Mit der Krankengeschichte und dem Transkript eines aufgezeichneten Gesprächs zwischen ihr und einem Mann, ist sie eine voll entwickelte Persona. Zwischen 1970 und 1979 hat Hershman sich die Rolle der blonden Roberta zugeeignet, machte sie zur Inhaberin eines Bankkontos und Führerscheins. Roberta traf sich mit Männern, die nicht ahnten, welche Identität diese Frau wirklich hat.

Die Entwicklung der Medien und digitalen Technologien ist Hershmans Werk immanent. So hat sie ihr Werk in B.C. (Before Computers) und A.D. (After Digital) unterteilt. „Roberta“ fällt in die B.C.-Ära. Aber schon die fernsehsüchtige „Lorna“, Hybrid aus Frauenporträt und Computerspiel, bedeutet die Zeitenwende. Die interaktive Arbeit aus Performance und technischem Gerät, erstmals 1984 ausgestellt, ist eine A.D.-Geburt. Das Schwarzweißfoto zeigt Lorna hingestreckt auf dem Bett, sinnfällig ist ihr Kopf ein Monitor. Zur Ikone der Medienkunst aber mutierte Hershmans Video „Seduction of a Cyborg“ von 1994. Es ist eine poetische Allegorie darauf, wie die kybernetische Absorbtion des Körpers durch Technologie das Immunsystem zerstört. Und neue Identitäten schafft.

Aanant & Zoo, Bülowstr. 90, (Schöneb.). Bis 6. September, Mi–Sa 11–18 Uhr.