Irre Falter kreisen durch die Luft, während über „morschem Grund“ der „Wind das sterbende Laubgewirr“ aufwirbelt. Wir befinden uns im Gedicht „Der sterbende Wald“, einem protypischen Text des Fin-de-Siècle-Dichters Georg Trakl. Während manche seiner Zeitgenossen am Vorabend des 20. Jahrhunderts die Utopie des neuen, durch Fortschritt allmächtig werdenden Menschen preisen, nimmt der 1887 in Salzburg geborene Poet in seinen morbiden Miniaturen die Schrecken der Moderne vorweg. Noch vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs klirrt in seinen Gedichten das Metall, verkehrt sich die Landschaft in leblose Wüsten. Gespart wird dabei nie an Pracht. Ganz im Gegenteil: Um die Denaturierung der Welt zu zeigen, bildet Trakl sie als ästhetisch stilisiertes Kunstprodukt ab. Wer seine Lyrik im Zeichen der Décadence in der heutigen Zeit, die so manche Ähnlichkeit zur damaligen Umbruchsphase aufweist, noch einmal selbst kennenlernen will, dem sei die monumentale Kompilation „Dichtungen und Briefe“ empfohlen. Gegenüber der historisch-kritischen Ausgabe bereichern nicht nur zeitgemäße Ergänzungen, sondern auch wenige bislang unbekannte, erst vor einigen Jahren entdeckte Gedichte und Briefe den Band. Er ist ein durchweg lohnenswertes Zeugnis voller Weltschmerz und finsterster Abgesänge. Doch selbst die Hässlichkeit zeigt sich bei Trakl in ungemeiner Opulenz.

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