Zwei Schatten hetzen durch die Wälder von Georgia. Hundegebell hallt. Die Männer sind in der Dunkelheit kaum auszumachen, nur ihr  Atem ist deutlich zu hören. Dann erhellt eine Fackel den Wald und zeigt, dass die scheinbare Flucht in ein Varieté-Zelt führt. Die Einblendung der Jahreszahl gibt endgültig Entwarnung: 1927. Die Männer sind keine Gejagten, keine entflohenen Sklaven, sie sind Konzertbesucher. Ihre „Flucht“ ist Teil des Ansturms, den ein Auftritt der „Mother of Blues“ Ma Rainey auslöst. Die ersten Bilder von „Ma Rainey's Black Bottom“ dienen Regisseur George C. Wolfe nicht allein als Erinnerung an die Wurzeln des Blues, sie sind auch emblematisch für die schwarze Lebensrealität in den 1920ern, die noch immer im langen Schatten von Sklaverei und gewalttägigem Rassismus steht.

Gertrude „Ma“ Rainey (Viola Davis) ist zu dieser Zeit bereits zur Ikone aufgestiegen. Als Pionierin der professionellen Bluesmusik blickt sie 1927 bereits auf eine über 30 Jahre währende Karriere zurück. Ma kennt das Musikgeschäft und weiß, dass sie für die weiße Musik-Bourgeoisie von Produzenten und Managern nur so lange die Mutter des Blues ist, bis ihre Stimme in den Schellack der Schallplatte eingeritzt wurde. „Ma Rainey's Black Bottom“ ist um die Aufnahme einer solchen Platte herum konstruiert, die von den Proben der Band im fensterlosen Keller bis zum Einspielen des letztes Songs reicht. Anders ausgedrückt: Für die gesamte Laufzeit des Films gibt Ma den Ton an. Viola Davis’ Performance lässt daran nicht für eine Sekunde Zweifel. Mit vergoldetem Lächeln, zerflossenem Make-up und vor Wut glühenden Wangen regiert sie über den Produzenten, ihren Manager und nicht zuletzt ihre Band.

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