Macbeth auf der Freilichtbühne: Die vernachlässigte Lady

Am Beginn des modernen Theaters stand die Wanderbühne. Sie zog von Dorf zu Dorf, war die Keimzelle späterer klassischer Bühnenkunst. Kurz: Am Anfang war das mobile Volkstheater. Und Volkstheater im besten Sinne verspricht auch die Berliner Shakespeare-Company.

Zwar nicht mobil, aber doch mit dem Charme des Provisorischen verströmt die Freilichtbühne im Naturpark Schöneberger Südgelände einen Hauch von Wanderbühne, wo sich Publikum und Darsteller ziemlich nahe kommen. Wie. Doch es gibt. Bei aller Volksnähe – volkstümelnd möchte man hier keinesfalls sein. Eine klassische Inszenierung ist die Premiere auch nicht, kein Macbeth im Schottenrock, keine klirrenden Schwerter, keine Hexen. Stattdessen ein sechsköpfiges Ensemble in Militäroutfits, die Gesichter leichenblass geschminkt, als wären die Figuren die Vorboten ihres eigenen Schicksals. Lippenstifte dienen als Dolche, Wasserpistolen als Schwerter und Macbeths Visionen werden im Schaukasten vorgeführt.

Das Team um Regisseur Uwe Cramer modernisiert nicht gerade behutsam, aber intelligent. Die Hexenschwestern sind optisch verschwunden. Ihren Text spricht das Ensemble als Chor. Ein Trick, auf den im Stück noch einige Male zurückgegriffen wird, etwa um Monologe auszulagern. Das nimmt den Hauptfiguren zwar etwas von ihrer psychologischen Tiefe, ist aber zweckdienlich. Denn letztlich geht es Cramer und Weiland weniger darum, das Psychogramm des zum Tyrannen mutierenden Macbeth zu zeichnen oder sich gar Lady Macbeth anzunähern.

Stattdessen werden beide Figuren als sich gegenseitig verstärkende Komponenten desselben Systems aufgefasst. Konsequenterweise werden dann im Schlussakt auch die Rollen getauscht und auf dem Throne Schottlands sitzt Elisabeth Milarch, die bis eben noch Lady Macbeth mimte, während Macbeth-Darsteller Benjamin Plath den Off-Stage Suizid begangen hat, der eigentlich ihr zugedacht war. Eine legitime Interpretation auch wenn dafür das eigene Drama der Lady Macbeth geopfert werden muss.

Elisabeth Milarch entfaltet als laute, übergriffige, machttrunkene Lady größte Bühnenpräsenz, während Benjamin Plath einen fast devoten und eher dezent in den Wahnsinn gleitenden Macbeth gibt. Beide machen ihre Sache gut. Doch bleibt beim Zuschauer der Eindruck, dass die Lady die treibende Kraft hinter Mord und Totschlag am schottischen Hofe ist. So erscheint es folgerichtig, wenn sie am Ende tatsächlich seinen Platz einnimmt. Ein dramaturgischer Lapsus, der sich aber der Interpretation der machtgeilen Lady öffnet, die vermieden werden sollte.

Die Verhältnisse auf der Bühne sind also ähnlich ungeordnet wie die schottische Thronfolge. Dass das Stück dennoch sehenswert ist, verdankt es einigen überraschenden visuellen Einfällen und einer starken Ensembleleistung. Macbeth kann vorerst im Quartier bleiben. Kein Grund zum weiterziehen.

Macbeth! Shakespeare-Company. 26., 28., 29.6. Freilichtbühne Schöneberger Südgelände, Priesterweg. Tel. 2175 30 35