Die ärztliche Weisung lautet „Viel Liegen“, wurde der Nation mitgeteilt. Und dass Angela Merkels schmerzhaft beim Skilauf lädierte Hüfte nicht ihre Arbeit, also die Machtausübung behindere. Sie werde sogar die Sternsinger empfangen. Allerdings wohl kaum im Liegen. Stürzt doch auch im Schach, dem Spiel der Mächtigen schlechthin, der König nur dann, wenn er keine andere Bewegungsmöglichkeit mehr hat oder der Spieler ungeschickt war. Kein Mächtiger herrscht im Liegen.

Wirklich keine/r? Königinnen, königliche Nebenfrauen und Mätressen jedenfalls verstanden es alten Legenden zufolge prächtig, ihre Länder und Interessen vom Bett aus zu dirigieren. Kleopatra VII. Philopator etwa, jene Dame, die laut Asterix einen schwierigen Charakter, aber eine wunderbare Nase hatte und von 51. v. Chr. bis zu ihrem Tod 30 v. Chr. regierte. Ausweislich dieser für das Populärbild dieser Frau zentralen Quelle, die sich wiederum auf den einzigartigen „Kleopatra“-Film von 1963 mit Elizabeth Taylor, Richard Burton und Rex Harrison bezieht, lagerte die ägyptische Königin gern beim Staatsempfang, flankiert von allerlei Raubgetier.

Der Wandel der Demonstration

Historisch ist das nicht einmal vollkommen unwahrscheinlich. Zwar thronten im alten Ägypten – und Kleopatra VII. war die letzte, die sich mit Fug und Recht Pharao nennen durfte – die Könige auf Stühlen. So wie auch römische Senatoren und Richter saßen. Beim Gastmahl aber nutzten in Rom nur Frauen die Stühle, die mächtigen Männer hingegen lagerten zu Tisch. Wenn Kleopatra also Cäsar, Markus Antonius oder Octavian demonstrieren wollte, dass sie die Mächtigste am Nil war, bot sich die Anpassung an diese Tradition an. Tatsächlich hielten ihr manche Cäsar- und Antonius-kritische Römer immer wieder moralisierend vor, die Grenze zur männlichen Machtsphäre zu überschreiten. Antike Bilder der Machtausübung im Liegen allerdings fehlen. Unsere heutige Vorstellung beruht letztlich auf prachtvollen Antiken- und Orientgemälden der Pariser Malerei des 19. Jahrhunderts.

Diese zeigen einen bemerkenswerten Wandel an: Im 18. Jahrhundert waren liegende Positionen vornehmlich Mätressen und anderen Frauen zweifelhaften Rufs vorbehalten. Ausgestreckt wurden deren Körper dem männlichen Blick perfekt anheim gegeben. Schon um 1800 zeigt der Maler Jacques-Louis David aber die hoch respektable Schriftstellerin Madame Juliette Récamier dahingegossen auf dem zierlichen Sofa, das nach ihr benannt wurde und von dem aus sie die Pariser Geisteswelt beherrschte. Unverkennbar orientierte sich Elizabeth Taylor als Kleopatra an dem Gemälde. Seither kann das Bild vom halb liegenden Mächtigen auch politisch genutzt werden. Fidel Castro etwa signalisierte jüngst mit solchen Fotos der Welt: Mir wird gehuldigt.

Papst Johannes Paul II. machte sein öffentliches Sterben zu einem Kampf gegen die Verachtung des Alters und der Gottergebenheit. Ein Bild von ihm auf dem Bett gab es aber erst, als er dann tot war. So wie auch der große britische Politiker Winston Churchill nur einmal in einer hilflosen Position zu sehen war, als er 1931 einen schweren Unfall erlitt. Und selbst auf diesen Fotos ist er noch witzig Herr der Lage! Dabei war Churchill berühmt dafür, seine Vormittage im Bett zu verbringen, dort Zeitungen, Briefe, Akten zu lesen, zu diktieren und zu schreiben.

Zeremonie des Aufstehens

Diese Form der Machtausübung im Liegen knüpfte an eine lange Tradition an: Der Hochadel, dem Churchill als Mitglied des Hauses Marlborough angehörte, zeigte so, dass er es nicht nötig hat, früh aufzustehen, um schnöder, abhängiger Arbeit nachzugehen. Auch König Ludwig XIV. empfing beim Lever, oft noch im Bett liegend. Diese Aufsteh-Zeremonie war von ihm zu einer Kunstform entwickelt worden, ritualisiert bis hin zum Leeren des Nachtopfs.

Churchills demonstrative Gelassenheit, seine freundliche Leibesfülle, sein öffentlicher Griff zu gutem Alkohol und Rauchwerk kaschierten geschickt seinen Ehrgeiz. Zudem setzten ihn seine hedonistischen Porträts in schroffe Opposition zum Nichtraucher, Nichttrinker, Kurzschläfer und hektisch durch Europa jagenden Hitler. Der Zweite Weltkrieg wurde auf Seiten Großbritanniens auch vom Bett aus gewonnen.

Wirklich Mächtige können abwarten. Sie wissen zu ruhen. Nur dürfen sie das öffentlich nicht so zeigen. Sonst glauben wir schnell, dass sie gar nicht so mächtig sind. Deswegen gibt es nur wenige Bilder von liegenden Mächtigen. Sie müssen immer stehen, gehen, fliegen, reiten oder fahren. Selbst in der Sänfte darf man sich als Mächtiger nur dynamisch tragen lassen.

Die Arbeitspause von einem Jahr nutzte Churchill 1931 übrigens, um sich vom reaktionären Imperialisten zum gemäßigten Konservativen zu wandeln. Eine Grundlage für jene Große Koalition, mit der er Großbritannien dann so erfolgreich führte.