Straße in der Nähe von Łódz.
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BerlinAn Allerheiligen, dem polnischsten aller Feiertage, wo der Stearingeruch der Grablichter sich von den Friedhöfen über das ganze Land ausbreitet, alte slawische Gottheiten, Märtyrer und Durchschnittstote auf die Erde zurückkehren und die Zeit des Dauerdunkels einläuten, am Tag nach Halloween macht der Journalist Paweł sich heftig verkatert auf den Weg von Krakau nach Warschau. „Geister und verblichene Ahnen kriechen aus ihren Höhlen, kommen aus ihren Sphären und nehmen Polen für ein halbes Jahr in Besitz.“ 

Buchtrailer

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Paweł wird zu einem wichtigen Termin in der Hauptstadt erwartet. So fährt er in seinem alten Vectra auf der Landesstraße Nr. 7 vorbei an Wellblecharchitektur und Wohnhäusern, die wie eine Mischung aus Landgut und Flughafentower daherkommen. Entlang gigantischer Papst-Johannes-Paul-II.-Denkmäler, an Werbetafeln („Nehme Schutt und schweiße alles“) und Straßenkreuze vorbei, die an unzählige Verkehrstote erinnern und Pawełs Fahrt in die Unterwelt als Nemesis begleiten. Mitten durch die polnische Provinz führt die Reise. Hinein in die Seele Polens, in seine Albträume und Ängste, seine Verletzungen, seine Hoffnungen und seinen Größenwahn.

Von Danzig bis in die Slowakei

Die „Sieben“, die Ziemowit Szczereks herrlich überdrehter, mit Klassikerzitaten, Filmreferenzen und popkulturellen Mythen Polens angetriebener Roadnovel ihren Titel gibt, durchmisst das Land als Nord-Süd-Achse: vom Meer bis in die Berge, von Danzig bis in die Slowakei. Zwischen Warschau und Krakau führt die Route in weiten Teilen durch jenes Polen, das während der Teilungen des Landes zum Zarenreich gehörte. Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich Russland, Preußen und Österreich den polnisch-litauischen Doppelstaat etappenweise untereinander aufgeteilt; Napoleon mischte bald auch mit. Von 1796 bis 1918 existierte faktisch kein polnischer Staat. 1939, wir erinnern uns, kamen dann schon die deutschen Massenmörder; nach Kriegsende folgte die von den Sowjets aufgezwungene kommunistische Diktatur.

Während die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland scheinbar doch nicht so rundgelaufen ist, wie man dachte, benötigen die Polen unbedingt eine Psychotherapie. Das zumindest ist der Befund des 1978 geborenen Journalisten und Schriftstellers Szczerek, der in seinem Roman gleich mit der Anamnese beginnt. Auf allerlei aufregende oder fragwürdige Gestalten lässt er Paweł unterwegs treffen und in Gespräche verwickeln: zugedröhnte Fantasy-Cosplayer auf der Suche nach Polens Wiedergeburt; „Kliners“, die als selbsternanntes Säuberungskommando im Hipster-Outfit städtische Bausünden zerbomben, um dem Heimatland „seine Form zurückzugeben“; mafiöse Provinzpatriarchen und ultranationalistische Pfarrer, die das zukünftige Polen über den Völkern thronen sehen – wenn nur die EU nicht wäre. Dazu chauvinistische und dennoch Mitleid erregende Tankstellenverkäufer, eine russischsprachige Litauerin mit polnischen Wurzeln sowie einen Deutschen, der sich im pseudorebellischen Kreuzberg langweilt und an postapokalyptischen Mad-Max-Motiven à la Polska erwärmt.  

Der Erzähler ist Online-Redakteur für Fake News 

Doch nicht nur diese Geschöpfe, die Szczerek mit einem ordentlichen Schuss Hunter S. Thompson und gonzo-journalistischen Übertreibungen vorführt, auch Paweł selbst erscheint als Ich-Erzähler reichlich unzuverlässig. Er ist als Redakteur eines Onlineportals zuständig für Fake News zum Thema Russland, hohe Klickzahlen sind sein Auftrag. Während der Fahrt konsumiert er Alkohol und Drogen, hat Visionen und kämpft in einem realen Pappmachéschloss – die verrückteste Szene des Romans – im Vollrausch gegen sämtliche polnischen Könige. Pawełs Hass auf seine Heimat, wo er Barbaren am Werk sieht, ist nicht weniger Ausdruck einer verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung als das notorische Unzufriedenheitsgefühl seiner Landsleute, die nicht mehr das zu haben glauben, was man einmal hatte. Die Nachbarn jenseits der Oder lassen grüßen.

Szczerek, der Abschlüsse in Rechts- und Politikwissenschaft vorweisen kann, hat seinen Roman bereits 2014 veröffentlicht – kurz bevor die liberale Tusk-Regierung von den Nationalkonservativen abgelöst wurde. „Sieben“ war das Buch der Stunde und antizipierte vieles von dem, was seitdem in Polen und anderswo an der Tagesordnung ist: gesellschaftliche Spaltung, antidemokratische Positionen, erstarkender Nationalismus, Hass und Gewalt. Zugleich ist Szczereks satirisch überzogener, apokalyptischer Blick durch die Brille Pawełs (am Ende greifen sogar die Russen an, möglicherweise ist das aber auch eine Falschmeldung) eine Mahnung an den Westen, nicht allen Klischees vom Osten aufzusitzen und vor der eigenen Haustür zu kehren. 

Ziemowit Szczerek: Sieben. Das Buch der polnischen Dämonen. Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Voland & Quist, Berlin 2019. 272 S., 22 Euro.