„Jeder Komponist bringt eine andere Farbe in dieses Gebet“: Andrea Chudak in der Marienkirche in Berlin-Friedenau.


Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

BerlinLichtblau wie der Mantel einer bäuerlichen Madonnenfigur leuchtet das  Kleid der Sopranistin zwischen den Kirchenbänken. An einem Freitagnachmittag Ende Juli probt Andrea Chudak schon mal in Konzertkleidung. Ob sie die bodenlange Robe dann auch während des Auftritts tragen wird, steht noch nicht fest. Die Wendeltreppe zwischen Orgelempore und Kuppelhalle ist steil, mit diesem Kleid könnte der Abstieg gefährlich werden, doch umherwandeln will sie während des Konzerts auf jeden Fall. In der Kirche St. Marien am Bergheimer Platz in Berlin-Friedenau, einem 1914 fertiggestellten Backsteinbau im neoromanischen Stil, lassen sich viele Bühnen bespielen. Die Empore, die Seitengänge, der Altarraum. Vielleicht, überlegt Andrea Chudak, könnte sie auch ein Stück in der Marienkapelle singen. Eine Stimme aus der Ferne. Unsichtbar. Manche mögen das mystisch nennen, sie nicht. Andrea Chudak ist eine entschieden diesseitige Musikerin. Allein die Frage, ob sie katholisch sei, erstaunt die in Brandenburg aufgewachsene Sängerin. Mit ihrem Mann, einem Musiker, und den beiden sieben und zehn Jahre alten Kindern lebt sie in Fürstenwalde.

Musikalische Neugier, nicht religiöse Inbrunst ließ sie in den vergangenen 15 Jahren nach Ave-Maria- Vertonungen suchen. Irgendwann hatte sie festgestellt, dass es auf diesem Gebiet mehr gibt als nur Schubert, Mozart und Bach in der Bearbeitung von Charles Gounod. Die populärsten Ave-Maria sang sie schon als Gesangsstudentin an der Musikhochschule Hanns Eisler, für Hochzeiten und Begräbnisse wurden sie gern bei ihr bestellt. Ihre Lehrerin riet ihr damals davon ab, die Stücke seien zu schwer. Jetzt sind sie eingebettet in einen großen, von ihr geborgenen Schatz: mehr als zweihundert Ave-Maria vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Nur einen Bruchteil davon wählte sie für ihr voluminöses Album aus. Im Marienmonat Mai ist das Best of Ave-Maria  unter dem sachlichen Titel „68 Ave Maria“ auf insgesamt fünf CDs beim Label Antes erschienen. Aus bekannten Gründen musste das Release-Konzert verschoben werden. An Mariä Himmelfahrt am 15. August feiert sie mit den Musikern die CD-Premiere in St. Marien. Andrea Chudak versammelt ein variables Ensemble renommierter Kollegen, dazu gehören der Tenor Julian Rhode, der Bariton Matthias Jahrmärker ebenso wie ein Streichquartett, eine Oboistin, eine Lautenspielerin und drei Organisten. Einen direkten theologischen Bezug zwischen dem Ave-Maria und dem Feiertag gibt es zwar nicht, erklärt der  Kirchenmusiker von St. Marien, der Organist Robert Knappe, einen „lebensgeschichtlichen Gesamtzusammenhang rund um Maria“ aber schon.

Das Ave-Maria, eines der Grundgebete des katholischen Glaubens, erinnert an die Begrüßung Marias als zukünftige Gottesmutter durch den Erzengel Gabriel. „Gegrüßest seist du, Maria, voll der Gnade“ hebt das Gebet an. Nach der flehenden Zeile „Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes“ endet es mit einem manchmal nur ausgehauchten Amen. Nicht ganz einfach zu singen übrigens, sagt Andrea Chudak. Auch das „Ave“ sei oft heikel. In klösterlichen Andachten werden die beiden kurzen Strophen des Gebets manchmal mehrfach wiederholt bis hin zu einem psalmodierenden Murmeln, das Betende in einen meditativen Zustand versetzt.

Andrea Chudak singt das Ave-Maria in sechs Sprachen. Bizet, Saint-Saens, César Franck, Adolphe Adam sind dabei, Rossini und Verdi und Karl May. Ja, das Alter Ego von Old Shatterhand, einst als Kleinkrimineller von einem Gefängniskatecheten auf den rechten Weg gebracht. Schon dem sterbenden Winnetou hatte Karl May ein Bekenntnis zum Christentum in den Mund gelegt. Sein Ave-Maria schrieb er zunächst für Männerchor, in der Bearbeitung durch den Komponisten Arnold Fritzsch singt die Sopranistin zur Gitarre. Cowgirl-Romantik kann sie auch.

Was fasziniert sie so an diesen Vertonungen? „Jeder Komponist bringt eine andere Farbe in dieses Gebet“, sagt Andrea Chudak. „Ich wollte aber auch zeigen, wie viel Altes im Neuen steckt und wie viel Neues im Alten.“ Der Dialog zwischen den einzelnen Stücken entsteht beim mehrmaligen Hören – was diese Sammlung gut verträgt. Hehres, ausgesprochen Kunstvolles steht dabei neben simpler Melodik, die Orgel kann klingen wie ein Leierkasten, manches Ave-Maria hat Gassenhauer-Qualität. Viele wurden für den Hausgebrauch komponiert und auf familiäre Arbeitsteilungen hin abgestimmt. Wenn etwa der Sohn oder die Tochter besonders gut Bratsche spielte, wurde der Bratschenpart hervorgehoben. Wie mancher Zugang überhaupt höchst pragmatisch ist. Selbst bei Anton Bruckner, dessen Frömmigkeit bezeugt ist. Die letzte seiner drei Ave-Maria-Vertonungen komponierte er, um eine Frau zu umwerben, in deren Fotografie er sich verliebt hatte und die, wie sich herausstellte, auch noch Altistin war mit offenbar weit in die Höhe reichendem Register. Bruckners Liebesmüh blieb vergeblich. Die viereinhalb Minuten voller kühner, dramatischer Sprünge aber gehören zu den schönsten dieser an Wohlklängen und Entdeckungen reichen Sammlung.

Oder ist es doch Hildegard von Bingen? Neun Minuten a cappella, Andrea Chudak singt es ganz pur und zart, keine Spur von Koloratursoubrette, ihrem eigentlichen Stimmfach. Lustig, hell, verspielt, ziemlich hoch und beweglich, so wird das Fach beschrieben. Mit der Geburt der Kinder, erzählt sie, habe ihre Stimme mehr Tiefe bekommen. Zuordnungen aber sind für sie ohnehin da, um erweitert zu werden. Auch deshalb hat sie sich gegen eine Laufbahn an einem Opernhaus entschieden. Als freie Solistin kann sie ihrer Leidenschaft fürs „Wühlen“, wie sie ihre umfangreichen Recherchen nennt, auf jeden Fall besser frönen. Selbst auf Flohmärkten wird sie manchmal fündig. Einige CDs sind auf der Grundlage ihres Forschungsdrangs entstanden. So holte sie Vergessenes von Giacomo Meyerbeer ans Licht, unterzog Schumann-Lieder einer neuen Instrumentierung und zugleich setzt sie sich vehement für zeitgenössische Komponisten ein. Auch Bo Wigert, 1971 geboren, gehört dazu. Als sie ihn um ein Ave-Maria bat, entschied er sich für eine kindliche Huldigung an eine Mutter, welche auch immer. Jeden Vokal der lateinischen Fassung ersetzte er durch ein m, dadaistische Lautmalereien für Sopran und Tenor.

Aufgenommen wurden sämtliche Ave-Maria in der Friedenskirche in Potsdam, in zwei jeweils drei Tage umfassenden Sessions. Andrea Chudak wollte eine Kirche, kein Studio, auch wenn draußen ein Laubbläser Pausen erzwang und die Kirche immer wieder von Besuchern mit unterschiedlicher Motivation heimgesucht wurde. Kiffende Jugendliche, betende Damen – und kalt war es mitunter auch. Ihr Auto hatte sie immer vollgepackt mit Decken, heißem Tee und Proviant für alle. Sie war schließlich nicht nur Solistin, sondern auch Produzentin. „Ich wollte, dass es allen gut geht dabei. Wenn man für die anderen sorgt, entsteht eine Wärme, die beim Musikmachen hilft.“ Bei manchem Amen, gesteht Andrea Chudak schließlich, seien ihr gegen Ende der Aufnahmen manchmal Tränen in die Augen gestiegen. „Nicht aus Rührung, sondern vor Erschöpfung.“ Auch moderne Madonnen haben ihre Grenzen.