Madonna räkelt sich auf dem grünen Rasen ihrer portugiesischen Wahlheimat und blickt den Betrachter gewohnt lasziv-fordernd aus halbgeschlossenen Augen an. Sie trägt eine schwarze Designerrobe, deren Farbe im harten Kontrast zum Grün der Wiese steht. Ein seltsames Foto, man erfährt nichts über den Grund der Pose. Über das Altern in Würde lässt sich viel sagen bei Madonna. Oder gar nichts. Donnerstag wird die kommerziell erfolgreichste Künstlerin aller Zeiten 60 Jahre alt.

Das Bild ziert das Cover der italienischen Vogue und soll einen typischen Tag des Stars in Lissabon zeigen, wo Madonna nun lebt. Hier, kurz vor Afrika ist sie wieder mal in die Rolle der Südländerin geschlüpft – in ihrer Ideenwelt eine Mischung aus italienischer Mutter und schnoddriger Sexbombe, Mama Mirácoli und Gina Lollobrigida. Nichts daran ist neu, das frivole Räkeln ist längst zu einer Art Zwangshaltung geworden, und es scheint der mehrfachen Mutter immer schwerer zu fallen, diese einzunehmen. Dabei war die ständige Neuerfindung fast 35 Jahre lang Madonnas Markenzeichen, doch mittlerweile fehlen die Hits, um das Image zu beleben, und Madonnas Versuche, ihren Platz als Königin des Pop zu behaupten, endeten zuletzt in dauerschleifenhaften Selbstversicherungen: „Bitch, I’m Madonna“.

Bekanntes Image auf neuem Boden

Dabei hat sie alle Felder beackert, hat Kinder bekommen und adoptiert. Sie hat Schulen gegründet, Bücher geschrieben, Mode entworfen, gemodelt, geheiratet. Madonna gefiel sich in der Rolle der englischen Landadligen, als Technowesen und Latexdomina. Sie war amerikanische Hausfrau, coole Göttin des Pop, Cowgirl und Kabbala-Novizin. Und die erfolgreichste Künstlern auf diesem Planeten: kein Superlativ, der der Sängerin nicht beigestellt worden wäre in ihrer Laufbahn, die im Sommer 1983 mit ihrer dritten Single „Holiday“ Fahrt aufnimmt. Madonna ist nach den Beatles, Elvis Presley und Michael Jackson die erfolgreichste Interpretin mit dutzenden Hits und fast einer halben Milliarde verkaufter Tonträger und einem Vermögen, das in Dollar ein Mehrfaches dieser Zahl betragen dürfte. 

Ihre Videos waren bahnbrechend, ihre Filme nicht. Ihre Tourneen waren die erfolgreichsten, ihre Skandale die schönsten, ihre erotischen Dauerprovokationen brachten Päpste und Politiker auf die Palme. Betrachtet man noch einmal den Beginn ihrer Karriere, so fragt man sich ungläubig, welche Sterne in seltener Konstellation stehen mussten, um aus einer pausbackigen New Yorker Göre den größten Star der kommenden Jahrzehnte werden zu lassen. An Madonnas gesanglichem Talent lag es bekanntlich nicht. Es lag an ihrem Gespür, die richtige Attitüde zur richtigen Zeit auszuspielen.

Zwischen Boot-camp und Gruppentherapie

Madonna Louise Veronica Ciccone reflektierte mit ihrem knallharten Willen zum Erfolg die Achtziger wie keine andere. Die Jahre der riesigen Schulterpolster und Egos, der Reagan-Ära und der Yuppies erlauben es der kleinen Tänzerin mit der dünnen Stimme und dem frischen Image, ihr zu Beginn durchschnittliches Können mit quarzhartem Ehrgeiz und irrsinnigem Kontrollwahn zu kompensieren. Tänzer beschreiben Tourneen mit Madonna noch heute als Grenzerfahrung zwischen Boot-Camp und Gruppentherapie. Madonnas Aufstieg hatte nie den Charme eines Glückstreffers, in den 35 Jahren ihrer Karriere blieb nichts dem Zufall überlassen.

Geschickt vereint die in Michigan geborene Sängerin die Coolness der abflauenden New-Wave-Bewegung mit der schnodderig-aggressiven Sexualität des HipHop und macht daraus ihren eigenen Claim: Nimm dir, was du willst, vögel, wen du magst, und kümmere dich niemals um das Geschwätz anderer Leute. Madonna verfügt über die nötige Street-Credibility, um das glaubwürdig auf den Weg zu bringen. Einen Weg, der die Emanzipation im Pop vorantrieb und den Künstlerinnen wie die Sängerin Betty Davis oder die New-Wave-Sirene Debbie Harry für sie geebnet hatten. Madonna bewundert sie und zimmert daraus flott und frech das Bild einer sexuell und ökonomisch unabhängigen Frau, das Pendant zu einem Wolf der Wall Street. Die Eroberung männlicher Refugien ist ein Thema, das sich durch ihr komplettes Schaffen zieht.

Wo sie ist, ist oben

Ausgerüstet mit dieser Idee wird Madonna zum Megastar und macht aus Trends der Straße, der schwulen und der schwarzen Subkultur weltweite Phänomene, die nur dank ihrer Person zum globalen Pop-Phänomen aufgepumpt werden können. Wo Madonna ist, ist sehr lange automatisch oben. So weit oben, dass die Lücke, die sie nun allmählich zurücklässt, nie mehr neu besetzt werden wird. Ihre Moden und ihre Kunst sind längst in den Mainstream eingesickert, ohnehin hat sie ihre wichtigen Alben in den 90ern veröffentlicht, das Beste ihr siebtes, das sowohl von Fans als auch der Kritik gelobte „Ray of Light“, das eine andere Madonna zeigt, die gereift und authentisch den Teflonglamour von „Erotica“ und die technoide Kühle von „Bedtime Stories“ ebenso hinter sich gelassen hat wie feministische Posaunentöne und übersexualiserte Posen.

Entspannt könnte sie nun zusehen, welchen Einfluss sie ausübt. Einen Einfluss, ohne den es Künstlerinnen wie Courtney Love, Pink, Gwen Stefani, Britney Spears oder Christina Aguilera nicht geben würde. Aber auch keine Katy Perry, keine Nicky Minaj und keine Beyoncé, deren Superstar-Image sich zu nicht wenigen Teilen aus Madonnas Fundus bedient. Aber Madonna kann es wohl nicht, und wo früher ihre Musik das Tagesgeschehen bestimmte, sind es nun ihre Eskapaden von angeblich alkoholisierten Auftritten, seltsamen Roben und Instagram-Videos, in denen sie sich mit Snapchat-Häschen-Ohren und Micky-Maus-Stimme präsentiert. Zwölf Millionen Follower sind auch bei Instagram eine Währung, Beyoncé kann allerdings auf mehr als das Zehnfache verweisen. 

Der Rückblick auf eine einzigartige Karriere

Was wird bleiben von Madonnas Hits, ihren oft meisterhaften Popperlen? Lieder, die immer dann am schönsten klangen, wenn sie nicht die emotionale und erotische Selbstfindung ihrer Urheberin zum Thema hatten. Wenn sie nicht klangen wie Arbeitsanweisungen für mehr Erfolg im Bett und auf dem Bankkonto. Vielleicht nicht besonders viel. 

Madonnas Problem ist nun Madonna, sich selbst allein zum Thema seiner Kunst zu machen, ist schwer im Pop, wo die Verfallszeit immer noch rasanter ist als in anderen Künsten. Jetzt schon wirken manche ihrer Hits seltsam steril, fast altbacken ohne die ewigjunge Präsenz des Stars. Was bleibt, ist der Rückblick auf eine einzigartige Karriere, auf eine erotische Katholikin mit protestantischem Arbeitsethos, die es geschafft hat, aus reiner Willenskraft zum größten Star der Welt zu werden. Zum aufregendsten zudem. Aber der Pop gehört der Jugend. Daran wird sich nichts ändern.