Madonna zum Mitkreischen im Discokugel-Glitzer: Das SchwuZ wird 45 Jahre jung

Das Schwulenzentrum (kurz: SchwuZ), Deutschlands größter queerer Club, wird 45. Zum Jubiläum haben wir das Team in Neukölln besucht, das den Zauber möglich macht.

Magisch: die Kathedrale im Neuköllner SchwuZ
Magisch: die Kathedrale im Neuköllner SchwuZGuido Woller/SchwuZ

Wenn spät nach Mitternacht auf dem Rollberg in Neukölln, im SchwuZ in der Kathedrale, wie sie hier liebevoll den ganz großen Tanzboden nennen, ein Song von Madonna läuft und die Crowd mehr oder weniger textsicher mitkreischt (weniger ist mehr!), dann kommt unter dem Sternenglitzer der vermutlich größten Discokugel der Stadt eine Magie auf, die aus Fremden Nicht-Mehr-Fremde macht, in weniger als drei Minuten. Ein Zauber, wie es ihn wohl nur im SchwuZ gibt.

Analog zu Dolly Partons Motto, dass es verdammt teuer sei, billig auszusehen, muss man im Fall des SchwuZ aber auch sagen: Es ist verdammt viel Orga, diesen Zauber einfach nur nach Zauber aussehen zu lassen.

Eine Idee davon, wie groß das SchwuZ inzwischen ist, kann man bekommen, wenn man vom Club aus einen Kilometer lang durch den Schillerkiez in Richtung Volkspark Hasenheide läuft: Im zweiten Stock des Hinterhauses in der Mahlower Straße 24 befindet sich das SchwuZ-Büro, das Hauptquartier des Zaubers sozusagen. Und zwei der Zauberer sind auch schon da: Marcel Weber, Geschäftsführer, und auch LCavaliero Mann, der künstlerische Leiter des SchwuZ.

Zwischen Regenbogenflaggen schäkern die beiden miteinander bei unserem Fotoshooting – zuerst vor einer Wand, die mit Kalenderblatt-Fotos von dutzenden Leuten aus dem Team dekoriert ist. Dutzenden von 130, die das SchwuZ zurzeit beschäftigt. Und dann vor einem großen Whiteboard, auf dem kalendarisch die über 200 Events gelistet sind, die 2022 im SchwuZ stattfanden. Eines kommt nun noch hinzu: Die Party zu 45 Jahren SchwuZ, am Samstag, dem 17. Dezember.

„Nachtarbeit ist knüppelhart“, sagt Marcel Weber, schmunzelt sanft. „Auch wenn sie meistens nur nach Spaß aussieht.“ Doch sie wissen ja, wofür sie all das machen: für die Community. „Mir geht es darum“, sagt LCavaliero Mann, „Leuten einen Raum zu zeigen, wo sie empowert werden, da sie plötzlich in der Mehrheit sind.“ Das Rezept? „Wir verkaufen Popmusik und Spaß“, sagt LCavaliero Mann. „Nicht Vereinzelung, sondern ein Miteinander. Pop trägt in jeder Pore das Willkommenheißende.“ Im technoiden Berlin ist das SchwuZ mit seinem hohen Anteil Popmusik bei den Partys ja schon ein Exot. Aber auch in anderer Hinsicht: „Es gibt queere Partys, Kollektive, Bars“, sagt Marcel Weber. „Aber wir sind der einzige queere Club in Berlin.“ Was schnell nach einer Übertreibung klingen könnte, ist im Grunde eine Untertreibung. Denn das SchwuZ ist sehr viel mehr als ein Club. Seit 45 Jahren nun schon.

SchwuZ Archiv

Das Schmutzige Schimpfwort und der Generationenwechsel

Das hat mit seiner Geschichte zu tun: Motiviert durch Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) taten sich rund 50 vorwiegend schwule Männer zur Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) zusammen. Ihr Ziel: die Streichung des Paragrafen 175 StGB, also die Entkriminalisierung von Homosexualität in der BRD – zu der es übrigens erst 1994 kam. Aus diesem Umfeld heraus wurde 1977 das Schwulenzentrum (kurz: SchwuZ) gegründet, in der Kulmer Straße, Schöneberg. Aber nicht in erster Linie als Partykeller, sondern als Ort für Diskussionen, Kino-Screenings, Café, Drag-Shows. Das Szene-Medium Siegessäule wurde hier ebenso gegründet wie der schwule Buchladen Prinz Eisenherz und auch der erste Berliner CSD 1979.

All dies ist lange her, aber doch wichtig. Zwar hat sich das SchwuZ inzwischen den Untertitel „Queer Club“ verpasst, aber eine Umbenennung des SchwuZ in QueerZ plant offenbar niemand aus der Chefetage des Clubs. „Das SchwuZ ist einst aus der Schwulen-Community als Schutzraum primär für Schwule entstanden“, sagt LCavaliero Mann. „Und das war absolut notwendig.“ Der Begriff schwul habe immer noch „ein radikales Potenzial“, sagt Mann. „Er ist immer noch als Schimpfwort im Gebrauch und auch ein bisschen schmutzig.“ Trotzdem ist das SchwuZ bei weitem nicht mehr so männlich-schwul und so weiß wie es mal war. Auch durch den Umzug vom Kreuzberger Mehringdamm (wo das SchwuZ von 1995 bis 2013 hauste) auf den Neuköllner Rollberg wurde das Publikum noch (post-)migrantischer. Bei nicht wenigen SchwuZ-Partys läuft kurdische, türkische, persische Musik. Auch seien die schwule und die lesbische Szene nicht mehr so getrennt, wie es mal war, sagt Mann, der einen Generationswechsel festmacht: „Es gibt seit einigen Jahren viel mehr schwule Jungs, die Weiblichkeit an sich feiern. Und auch Frauen, die das SchwuZ als ihren Ort fühlen.“

LCavaliero Mann (l.) und Marcel Weber vom SchwuZ
LCavaliero Mann (l.) und Marcel Weber vom SchwuZMarkus Wächter

Der Eingang zum Himmel – oder zum Hades

Zu diesen Frauen gehören auch Helen Ramseier (die Supervisorin der SchwuZ-Bars) und Minnie Hoang aus dem Tür-Team. Ein „toller Ort zum Flirten“ seien die SchwuZ-Bars, sagt Helen Ramseier und lacht beherzt. Und seit der Pandemie fließe auch das Trinkgeld fürs Bar-Team besser. Die Wertschätzung des Publikums ist wohl gestiegen. Obwohl gerade an der Bar auch oft gedrängelt wird. Profi-Tipp der Bar-Chefin: „Wer am lautesten schreit, kriegt zuletzt.“ Und wieder dieses Lachen.

Auch Minnie Hoang hat spürbar beste Laune. Dabei hat ihr Job an der Tür es ganz schön in sich: Immer freundlich sein, auch in der Frostkälte, und doch ein Machtwort sprechen, wenn es nötig ist. Notfalls auch Leute aus dem Club werfen, die sich danebenbenehmen. „Leute an der Tür müssen fast wie Superheldinnen sein“, sagt LCavaliero Mann und kichert: „Ein Tür-Team ist wie der Eingang zum Himmel – oder zum Hades.“ Doch Minnie Hoang liebt ihren Job im und vorm SchwuZ, wie sie glaubhaft versichert. Sie hat schon an anderen Türen gearbeitet, sagt sie, wo das eher „Fließbandarbeit“ gewesen sei. Doch hier im SchwuZ, sagt sie, seien alle „mit Herz und Seele“ dabei. Dann genießt sie es auch, während der Schichten ihre Runden im Club zu drehen und dabei den positiven Spirit zu spüren. Minnie Hoangs Ziel bei ihrer Arbeit an der Tür: „Wir wollen einen Safer Space schaffen“, sagt sie. Einen Schutzraum also.

Das SchwuZ noch vor seinem Umzug an den Mehringdamm
Das SchwuZ noch vor seinem Umzug an den MehringdammSchwuZ Archiv

Der Schutzraum und die Spekulation

Was damit gemeint ist, wissen wohl die meisten Queers auch in Berlin sehr genau. Auch im ach so toleranten Berlin sieht man ja doch erstaunlich selten schwule oder lesbische Paare, die Händchen halten, etwa in der U-Bahn. Sicher auch aus Angst vor Übergriffen. Einer, der selbst im Sommer 2022 auf dem Heimweg von einem Fest mit seinem Mann gemeinsam angegriffen wurde, ist Florian Winkler-Schwarz, neben Marcel Weber der zweite Geschäftsführer des SchwuZ. Den Begriff Schutzraum finde er schwierig, sagt Florian Winkler-Schwarz: „Auch das SchwuZ ist kein konfliktfreier Ort. Aber doch ein sichererer Ort, als er draußen besteht. Und wir versuchen weiterhin, sicherer zu werden – sodass alle frei und ausgelassen feiern können.“

Und auch für die nahe Zukunft hat das SchwuZ-Team viel vor: Weiter Barrieren einreißen und abbauen – auch für Menschen mit Behinderung. Ein Awareness-Team soll aufgebaut werden. Die Heizung soll (nicht zuletzt angesichts massiv gestiegener Energiepreise, aber auch für mehr Nachhaltigkeit) durch gespeicherte Wärme aus dem Club selbst umgestellt werden. Um die Existenz des Ortes muss es, ein Glück, nicht so sehr bangen – da eine gemeinnützige Stiftung das Areal der einstigen Kindl-Brauerei gekauft und somit vor Immobilienspekulation bewahrt hat. Deshalb kann das SchwuZ es sich leisten, am frühen Abend bis 22.30 Uhr freien Eintritt für seine Pepsi Boston Bar (benannt nicht nach der Cola, sondern einer Berliner Travestie-Künstlerin) zu gewähren. Wer mal drin ist, kann zur Party bleiben. Auch so wollen die Leute vom SchwuZ möglichst allen einen Zugang ermöglichen – und nicht nur denjenigen, die sich die 17 Euro für die meisten regulären Partys im SchwuZ leisten können.

Für das nächste Jahr verspricht Marcel Weber gar ein SchwuZ-Abo, ähnlich dem 29-Euro-Ticket bei den Öffis. Volle Fahrt voraus also? Für die nächsten 45 Jahre, so Florian Winkler-Schwarz, wünsche er sich, „dass das SchwuZ weiterhin so ein unruhiger Ort des Vorankommens bleibt. In der Entwicklung immer drei Schritte vor der heteronormativen Restrealität.“

SchwuZ Rollbergstraße 26, Samstag, 17. Dezember, 21 Uhr, 17 Euro