Die Liebliche im kühl graublauen Gewande durfte ausnahmsweise zu Besuch nach Berlin kommen: Raffaels „Madonna mit den Nelken“, um 1506/1507, Öl auf Eibenholz
Foto: National Gallery, London

BerlinRaffael hätte es gefallen. Dieser Popstar der italienischen Hochrenaissance, geboren 1483 in Urbino, viel zu jung an einer ungeklärten Krankheit gestorben am 6. April 1520 in Rom, liebte es spektakulär und exklusiv. Er genoss die Bewunderung seiner Zeitgenossen, der kirchlichen und höfischen Mäzene wie die der Patrizier. Und die des weiblichen Geschlechts.

Sein nun in der Berliner Gemäldegalerie auf purpurfarbener Wand arrangiertes Heilige-Nacht-Sextett vereint alle Superlative, die ein Maler einer blutjungen – die Bibel behauptet: jungfräulichen – Mutter verleihen kann: Anmut, berückende Kindfraulichkeit. Und Sanftmut, die aber zugleich eine innere Stärke ausstrahlt, sodass man an Magnolienblüten aus Stahl denken könnte. Hinzu kommen demütig-wachsame Hingabe an das Neugeborene, Innerlichkeit. Und unendliche Liebe.

Sinnend: Der Kopf von Raffaels„Madonna Terranuova“, Fragment des Kartons, um 1505, Zeichnung auf Papier
Foto: Smb/Kupferstichkabinett/Dietmar Katz

Zeitgenoses Da Vincis und Michelangelos

Raffael war in Urbino bei dem Maler Perugino ausgebildet worden. Dort gliederte der junge, aufstrebende Künstler seine Motive oft noch in eine irdische und eine himmlische Zone, und geometrische Grundformen, vor allem Kreise, beherrschten das Bild. Dann ging der Wissbegierige nach Florenz, das damals angesagte und prägende Kunstzentrum der italienischen Renaissance. Raffael lernte dort bei Leonardo da Vinci entscheidend dazu: die kühne Staffelung des Bildraums, die lebensnahe Bewegtheit der Figuren.

Er maß sich, auch später in Rom und dort im Dienste der Päpste Julius II. und Leo X, konkurrenzbewusst an der Maniera Michelangelos, vor allem, als dieser die Fresken der Sixtinische Kapelle malte. Eine Referenz an diese Zeit dürfte seine weltberühmte „Sixtinische Madonna“ in der Dresdner Gemäldegalerie sein.

Die Gesellschaft Jesu', ein weiteres Madonnenbild Raffaels. Öl auf Pappholz, 1502. 
Foto: Smb/Gemäldegalerie/Jörg P. Anders

"Madonna mit den Nelken"

Sechs von Raffaels unnachahmlich lebensnahen Madonnen sind zum weihnachtlichen Meeting in der Berliner Gemäldegalerie zusammengekommen. Fünf dieser Lieblichen, Sinnenden, Kindfrau-Mütterlichen gehören der Gemäldegalerie. Die Sechste kam aus London zu Besuch.

Die „Madonna mit den Nelken“, gemalt um 1507, ist von der National Gallery geliehen. Vor fünfzehn Jahren hatte das britische Nationalmuseum die souverän-spielerische Darstellung einer in kühles Graublau gekleideten Muttergottes mit porzellanhafter Haut für 34 Millionen Pfund vom Duke of Northumberland erworben.

Ins Brevier vertieft: Raffaels „Maria mit dem Kinde“, um 1502, Öl auf Pappelholz
Foto: Smb/Gemäldegalerie/Jörg P. Anders

Ausleihe an Berlin ist großer Vertrauensbeweis

Seither durfte das Werk England nicht mehr verlassen. Somit ist diese  Ausleihgeste an Berlin hoch zu bewerten, gerade mitten im Brexit-Desaster.  Nun korrespondiert diese junge Maria, die dem Baby auf ihrem Schoß rote Nelken reicht, mit den Berliner Madonnen Raffaels. Die Nelkenblüten symbolisieren blutige Nägel, das Martyrium Christi ist  schon angezeigt.

Im Gegenzug für diese Ikone gibt Berlin kommendes Frühjahr Raffaels „Madonna Terranuova“ von 1505 in die Londoner National Gallery – jenes jetzt ebenfalls ausgestellte runde Tondoformat, auf dem Johannes der Täufer dargestellt ist. Ein Motiv mit einer ganz eigenen, machtpolitisch tragisch endenden biblischen Geschichte.

Gemäldegalerie Berlin:

Raffael-Madonnen, Kulturforum, bis 26. April. Am 28. Februar beginnt im Kupferstichkabinett die Schau mit Raffaels Meisterwerken auf Papier (bis 1. Juni).