Eine Frau stürzt mit einem fast akrobatischen Überschlag aus dem Fenster eines herrschaftlichen Wiener Altbaus, doch als die Kamera den Gehweg absucht, liegt niemand dort. So beginnt Greg Zglinski seinen Film „Animals – Stadt Land Tier“, und diese Anfangsszene stimmt den Zuschauer schon auf die Desorientierung ein, die er im Lauf von eineinhalb Stunden erleben wird.

Eigentlich erzählt der polnische Regisseur eine ganz einfache Geschichte: Ein Paar Mitte Dreißig, etabliert, unbeteiligt, latent unzufrieden, die typische großstädtische Melange also, fährt für ein halbes Jahr in die Schweizer Berge, um seine Beziehungs- und Schaffenskrise zu überwinden. Eine Untermieterin wird inklusive Zierfisch-Versorgung in die weitläufige Wiener Wohnung eingewiesen, die das Paar gegen ein komfortables Holzhaus tauscht.

Ein Schaf, das stirbt

Beide Behausungen sind hochglanztauglich, sortiert wie Museen. Nun könnte die Wildnis einbrechen ins Gebändigte, wie es oft geschieht in Filmen mit Städtern, die auf dem Land Heilung suchen und darin umkommen.

Erst einmal aber stirbt ein Schaf, das der Mann überfährt. Das Kinderspiel „Stadt Land Fluss“, mit dem sich das Paar im Auto die Zeit vertreibt, hat seinen Anteil daran. S wie Schaf. In einem schwarzen Leichensack wird der Kadaver den beiden in die Hütte geliefert. Mit Gruß des Geschädigten. „Bon Appetit“.

Nick und die Nachbarin

Das ist die Art von Humor, die Zglinski einstreut und die verhindert, dass die Geschichte allzu gravitätisch daherkommt. Zglinski unterläuft die auf übliche Handlungsverläufe konditionierten Erwartungen radikal und er tut das mit Eleganz und großartigen Schauspielern. Dieser Zugriff ist das Beste, was dem Skript des vor zehn Jahren verstorbenen Drehbuchautoren Jörg Kalt passieren konnte. Zglinski hatte das Drehbuch als Mitglied der Züricher Filmstiftung gelesen und hat die Grundideen übernommen.

Birgit Minichmayr ist Anna, eine Kinderbuchautorin, die sich zum ersten Mal an einen Roman für Erwachsene wagt. Sie ahnt, dass ihr Freund sie betrügt, Nick, (Philipp Hochmair) ein Koch mit eigenem Restaurant, immer beflissen, glatt wie Schleiflack. Natürlich hatte er was mit der Wiener Nachbarin, auf die ihn Anna anspricht. „Ach die!“ Da ist schon alles klar.

Schock und Anamnese

Aber auch seine Ausflüge ins Umland der Schweizer Hütte scheinen nicht allein dem Sammeln von authentischen Rezepten zu gelten. Anna merkt, dass er nur aus Kochbüchern abschreibt. Sie hingegen malt ewig an der Überschrift ihres ersten Kapitels herum, wie ein Kind, dem nichts einfällt.

Wie lange geht das so? Ein zwei Tage? Nein, es sind zwei Wochen vergangen zwischen dem Schaf-Totfahren und den Schreibversuchen. Oder behauptet das der Mann bloß? Es gab einen Unfall. Eine Frau wurde verletzt. Schwer. Das liest Anna in der Zeitung. Die Frau war sie. Oder doch nicht? Destabilisierung nach einem Schock, Anamnese und Realitätsverlust – mit diesen Ängsten spielt Zglinski ganz in der Tradition der Schwarzen Serie der 1940er Jahre.

Unantastbare Substanz

Aber anders als Billy Wilder und Alfred Hitchcock betet er seine Frauenfiguren weder an, noch verachtet er sie, was im Grund dasselbe ist. Mit Anna und ihren Rivalinnen, den Doppelgängerinnen Mischa und Andrea, schuf Zglinski komplexe Charaktere, die sich dem kategorisierenden Blick entziehen. Die Verunsicherungs-Versuche des notorischen Fremdgehers laufen schließlich doch ins Leere.

Egal, wen Birgit Minichmayr spielt: Es ist immer eine unantastbare Substanz zu spüren, bei aller Verletzlichkeit. Ihre Wahrnehmungsfähigkeit zersplittert, sie verliert den Sinn für Raum und Zeit, zugleich nimmt sie andere Phänomene überdeutlich wahr. Die Flashbacks, symptomatisch für jenen posttraumatischen Zustand, in dem sie sich befindet, setzt Zglinski in einen eigenwilligen Vor- und Rücklaufmodus um, die logische Abfolge der Dinge wird ausgehebelt.

Gegen zu viel Pathos

So etwas kann einem auf die Nerven gehen, aber hier ist es auf wundersame Weise stimmig. Vielleicht, weil sich Zgliniski der Verwandtschaft zwischen Thriller und Märchen bewusst ist. Blaubarts Zimmer und der gestiefelte Kater fügen sich ins Geschehen ein, und Minichmayr ist auch dann umwerfend, wenn sie mit einer Katze spricht. Doch statt von seinen surrealen Anwandlungen selbst bewegt zu sein, wie neuerdings so mancher „Tatort“, verfügt Zglinski über das das beste Gegenmittel zu falschem Pathos: einen unverschämten Humor.

Animals – Stadt Land Tier Schweiz, Österreich, Polen 2017. Regie: Greg Zglinksi, Buch: Jörg Kalt, Greg Zglinksi, Darsteller: Birgit Minichmayr, Philipp Hochmair, Mona Petri, Mehdi Nebbou. Spielfilm, 95 Minuten.