Das Fontane-Haus in Schiffmühle.
Foto: Robert Rauh

Es ist ein Ort der starken Frauen. In Kunersdorf existierte um 1800 ein Musenhof, den die „Frauen von Friedland“ ins Leben gerufen hatten. Gelehrte wie Alexander von Humboldt oder Künstler wie Johann Gottfried Schadow pilgerten in das kleine Dorf, das im Oderbruch liegt und bis 1945 mit „C“ geschrieben wurde. Sie ließen sich inspirieren vom Geist einer emanzipierten Frau, die sich für Kultur begeisterte und andere mit innovativen Agrarmethoden beeindruckte. Helene Charlotte von Lestwitz hatte nach ihrer gescheiterten Ehe mit Zustimmung König Friedrichs II. den Namen einer „Frau von Friedland“ angenommen und war mit ihrer Tochter Henriette Charlotte, der späteren Gräfin von Itzenplitz, in das elterliche Schloss Cunersdorf zurückgekehrt, wo sie nach dem Tod ihres Vaters die Gutsherrschaft übernahm. Selbst der vermeintliche Frauenversteher Theodor Fontane fand weder Schwächen noch Sünden und würdigte Frau von Friedland in seinen männlich dominierten „Wanderungen“ mit einem Porträt: „Es war eine seltene und ganz eminente Frau; ein Charakter durch und durch.“

Nach ihrem Tod führte die Tochter den Cunersdorfer Musenhof fort und gewährte 1813 dem Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso einen mehrwöchigen Aufenthalt. Chamisso „botanisierte“ und schrieb sein Kunstmärchen „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Es ist die Geschichte eines Mannes, der dem Teufel seinen Schatten verkauft – gegen einen Säckel voller Goldstücke.

Was es zum Erhalt des Musenhofes braucht

So weit würde Margot Prust nicht gehen. Ihr würden 20.000 Euro pro Jahr reichen. Und statt eines Paktes möchte sie einen Kooperationsvertrag mit der Kommune schließen – um das zu erhalten, was die Verlegerin wieder zum Leben erweckte: den legendären Musenhof. Für diese Vision war ein langer Atem nötig. Prust erhielt 2005 von der Gemeindevertretung mit einer Stimme Mehrheit den Zuschlag für die einstige Dépendance des 1945 abgebrannten Schlosses. Ein Jahr später zog sie nach Kunersdorf und betrieb zusammen mit Inge Bäritsch bis 2016 den Findling-Verlag.

Die Idee, an Chamisso mit einer Ausstellung zu erinnern, nahm Gestalt an, als Margot Prust 2008 den Nachlass des Romantikers in der Staatsbibliothek zu Berlin sichtete. „Chamisso ist meine Berufung“, sagt Prust, die sich auch als Vermittlerin sieht und nicht nur für die Region „ein Stück Kulturgeschichte erhalten“ möchte. Im letzten Jahr eröffnete in Kunersdorf das weltweit einzige Chamisso-Museum. Visuell und akustisch werden nicht nur Chamissos Leben und Wirken, sondern auch die historischen Frauen von Friedland präsentiert. Zu den Highlights gehören die Videoinstallation zu Chamissos Weltreise und ein Siegelring, den eine Nachfahrin dem Museum als Dauerleihgabe überließ. Vier Jahre hatte der Förderverein mithilfe von Crowdfunding, Benefizkonzerten und Spendenaufrufen über 200.000 Euro zusammengetragen. „Das Museum ist ein Erfolg“, berichtet Prust stolz und verweist auf die 1700 Besucher, die in der ersten Saison von April bis Oktober 2019 aus aller Welt kamen. Das Haus ist eine kulturelle Oase in der Mark, die nun zu vertrocknen droht.

Das Chamisso-Museum in Kunersdorf.

Foto: Robert Rauh

Das Museum braucht eine langfristige finanzielle Absicherung. Ehrenamtlich kann der eigens gegründete Förderverein „Kunersdorfer Musenhof e.V.“ das Projekt auf Dauer nicht stemmen. Und auch nicht Frau Prust. „Ich werde 75 Jahre und muss ersetzbar sein.“ Daher plädiert der Vereinsvorsitzende Stefan Rohlfs für eine Personalstelle. Der Förderverein hatte 2019 beim Landkreis Märkisch-Oderland einen Förderantrag gestellt. Betriebskosten, die auch Personalkosten enthalten, seien aber „nicht Bestandteil der Förderrichtlinie“, sagt Landrat Gernot Schmidt. Und ergänzt, dass eine „Förderung des jährlichen Betriebes von kulturellen Einrichtungen bei weitem die finanziellen Möglichkeiten“ übersteige, „die der Landkreis für die Kulturförderung als freiwillige Aufgabe zur Verfügung hat“. Rohlfs ist der Meinung, man scheue sich vor der „institutionellen Förderung“, Prust sieht darüber hinaus ein atmosphärisches Problem. „Das ist Ignoranz. Man hält uns für eine intellektuelle Spinnertruppe.“ Bis heute habe sich der Landrat, den man auch zur Eröffnung eingeladen hatte, nicht die Ausstellung angesehen. Was dessen Pressestelle bestätigt – und mit Terminproblemen begründet. Immerhin war die damalige brandenburgische Kulturministerin Martina Münch zur Einweihung vor Ort – und versprach einen Veranstaltungszuschuss für 2019 in Höhe von 7000 Euro, der im Musenhof auch ankam. Für die Oase war es letztlich eine temporäre Spritze. Die eigentliche Misere ist den Förderbedingungen geschuldet. Es werden Projekte gefördert, keine Stellen.

In einem ähnlichen Dilemma befindet sich das Fontane-Haus in Schiffmühle, das im November 2019 dicht machen musste und nun – nach öffentlichen Protesten – übergangsweise seit 1. September für zwei Monate öffnet, ohne dass eine endgültige Lösung gefunden wurde. Das kleine Fachwerkhaus, an der Alten Oder gelegen, bewohnte im 19. Jahrhundert Louis Henri Fontane, der Vater des Schriftstellers, der dem „alten Herrn“ und seinem Haus in dem autobiografischen Buch „Meine Kinderjahre“ ein literarisches Denkmal setzte. Die Wiedereröffnung gehörte zu den Höhepunkten des Fontanejahres 2019. Die Stadt Bad Freienwalde, zu der Schiffmühle gehört, und Kulturland Brandenburg hatten das Areal mit 90.000 Euro aufwändig sanieren lassen. Neben einer modernen Ausstellung zum Vater-Sohn-Verhältnis sowie zur Regionalgeschichte bietet es eine Wasserspielanlage, ein Kleintiergehege und einen Café-Pavillon.

Es geht nicht nur um Geld

Wie in Kunersdorf wird auch in Schiffmühle selbstbewusst auf die Besucherzahlen verwiesen: „Von Mai bis Oktober 2019 schauten 4500 Besucher vorbei“, sagt Ilka Krüger, Geschäftsführerin der Tourismus GmbH, die das Fontane-Haus im Auftrag der Stadt Bad Freienwalde seit 2019 betreibt. Bürgermeister Ralf Lehmann spricht dagegen von einem Strohfeuer, das dem Fontane-Jahr geschuldet sei. Und ist nicht bereit, die von Krüger errechnete Summe von jährlich 29.000 Euro für Sach- und Personalkosten zur Verfügung zu stellen. Lehmann, der sein Porträt auf der Website der Stadtverwaltung mit einem Fontane-Zitat einleitet, argumentiert, er müsse die Gesamtheit der Kulturförderung im Blick behalten. Zudem verweist er auf die Stadtverordnetenversammlung, die im November zu diesem Thema beraten wird – ein Jahr nach der Schließung. Michael Zajonz, der Kurator der Ausstellung, spricht von einer „Riesenblamage“ und im Hinblick auf die geflossenen Fördermittel von einer „Verschwendung öffentlicher Gelder“. Es gäbe nicht mehr so viele authentische Fontane-Orte. „Die Stadt vergibt sich eine Chance.“ Von einem „Unding“ spricht auch Brigitte Faber-Schmidt, Geschäftsführerin von Kulturland Brandenburg. Sie erwarte eine „nachhaltige Lösung“ für das Fontane-Haus. Wie soll die aber aussehen? Auch in diesem Fall geht es nicht allein ums Geld, sondern auch um konzeptionelle Fragen.

Die Tourismus GmbH möchte qualifiziertes Personal für die Führungen und keinen Eintritt nehmen. Der Bürgermeister favorisiert dagegen eine ehrenamtliche Betreuung, die wie in früheren Jahren die Öffnungszeiten absichert. Krüger meint, Ehrenamt sei gut, habe aber seine Grenzen. Auf der extra anberaumten Pressekonferenz am 1. September, bei der die Kontrahenten unter dem Pavillon auch coronabedingt Abstand hielten, blieben die Fronten verhärtet.

Damit regionale Kulturschaffende die Kommune nicht permanent um Gelder bitten müssen, bedarf es einer grundsätzlichen Lösung. Wie das erfolgreich umgesetzt wird, zeigt das Gerhart-Hauptmann-Museum in Erkner. Landkreis und Land stellen jährlich je 35.000 Euro zur Verfügung. Zudem bekommt das Haus derzeit einen Anbau für 2,6 Millionen Euro spendiert. Leiter des Hauptmann-Museums ist Stefan Rohlfs, der zugleich Vereinsvorsitzender des „Kunersdorfer Musenhofes“ ist, für den sich kein Geldsäckel schnüren lässt. Er verweist auf den Vertrag für Erkner aus den 1990er-Jahren, in denen „viel mehr möglich war“. Heute seien die Strukturen hinsichtlich der Förderrichtlinien „verfestigt“. Es gilt sie aufzubrechen, um kleine kulturelle Perlen wie das Chamisso-Museum oder das Fontane-Haus nicht sterben zu lassen. Und es bedarf eines Appells an die Landesregierung Brandenburg: Bitte übernehmen Sie!

Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin und Autorin zahlreicher Fontane-Bücher. Sie war für das Fontane-Jubiläum Sprecherin des wissenschaftlichen Beirats. Robert Rauh ist Geschichtslehrer und Seminarleiter sowie Autor einiger Fontane-Bücher.