Vermutlich wäre ihm diese unerwartete Bildversammlung überaus recht: Keine Parade der berühmten Gemälde. Kein Brimborium von Leihgaben aus allen Richtungen der Windrose. Stattdessen holt das Märkische Museum zum 200. Geburtstag Adolph Menzels (1815–1905) am 8. Dezember eigene Schätze ans Licht.

Man besinnt sich auf das, was seit gut 140 Jahren in den Magazinen, Schüben, Mappen liegt. Das ist vor allem der Nachlass des begnadeten Lebens-Beobachters Menzel, als Zeichner, als Lithograf. Der 1798 von Senefelder erfundene Steindruck (auf Kalkschiefer) war im 19. Jahrhundert das einzige Druckverfahren, das große Auflagen farbiger Drucke ermöglichte. Es sollte zur Königsdisziplin des jungen Menzel werden. Er beherrschte das spiegelverkehrte Komponieren der Motive schon als Knabe virtuos.

Welchem Berliner Künstler dieses Zeitalters könnte man wohl eine derartige Ferne von allem Idealistischen attestieren, dafür dieses manische Streben nach Wirklichkeitstreue samt erzählender Detailfülle, von Wolken bis zur Eisenbahn, von reißender Winterkälte bis zu sich abzeichnenden Rissen in Preußens Glanz und Gloria.

Was jetzt in sechs Räumen im Obergeschoss des Märkischen Museums an Wänden, in Vitrinen, per Projektion und in einer für jedermann offenen Litho-Werkstatt des Berliner Drucker-Meisters Liebsch ausgebreitet ist, zeigt vor allem, wie Menzel vom Handwerker zum Künstler wurde.

Exponate aus der eigenen Sammlung

Dieses Werden des jungen Lithografen zum weltberühmten Maler des „Eisenwalzwerkes“, der „Tafelrunde“ oder des „Flötenkonzertes Friedrich des Großen in Sanssouci“ kann das Märkische Museum mit eigenen Beständen belegen: mit Lithografien samt Drucksteinen, Holzschnitten, Federzeichnungen, Skizzen.

Zu sehen ist auch das kürzlich angekaufte achtseitige Manuskript der Menzel-Biografie von 1865 für das Leipziger Brockhaus-Lexikon, dazu Briefe, Fotos, Möbel, Grafik- und Mal-Utensilien, kleinere Gemälde. Etwa die geheimnisvollen Motive „Am Kreuzberg“ und „Wilmersdorf bei Berlin“, 1853, Letzteres eine dramatische Landschaft mit Wolken. Oder das drastisch-reale Bild „Berliner Straße im Winter“, 1862, wo einem die erbarmungslose Kälte, unter der die kleinen Leute vor den Marktständen leiden, von den Deckfarben herunter förmlich in die Knochen kriecht.

Menzel stellt nicht bloß dar. Er schildert authentisch, akribisch, empathisch. Zwischen Menzel und Berlin passt sozusagen kein Blatt Papier. Fast symbiotisch verbunden ist der Lebenslauf des gebürtigen Breslauers mit der schon seinerzeit lebhaft und auch ins Krasse wachsenden preußischen Metropole.

Er wurde deren epochaler Beobachter und Illustrator, den man, mit seinen nur 1,40 Metern Körperhöhe, liebevoll „Kleine Eminenz“ nannte, nachdem ihn der König für die detailreichen historisierenden Darstellungen aus dem Leben Friedrichs des Großen geadelt hatte. Andere Zeitgenossen schätzten mehr noch Menzels scharfe, alles andere als idealisierende Wiedergaben des großbürgerlichen Lebens, auch des dürftigen Alltags der kleinen Leute.

Frühe Begabung

Aus den nun ausgestellten Blättern spricht auch der fordernde Akademiemeister: „Alles Zeichnen ist nützlich, und Alles zeichnen auch!“ Kuratorin Claudia Czok von der Adolph-Menzel-Gesellschaft hat Zeichnungen, Grafiken, Illustrationen, Gemälde und Dokumente mit Menzels selten schöner Handschrift korrespondierend arrangiert. Schon seine frühen Lithografien aus der Werkstatt des zeitig verstorbenen Vaters, erst in Breslau, dann in Berlin, belegen die große Begabung.

Dabei war der junge Nickelbrillenträger mit Backenbart und vergeistigter Denkerstirn, was man angesichts seines immensen Werks kaum glauben mag: Autodidakt. Sein Vorbild hieß Schadow. Engste Freunde waren der Historiker Franz Kugler und der Verleger Louis F. Sachse. Menzel hatte – und das lag wohl an seiner Froschperspektive auf die Welt – eine skurrile, kuriose Sicht, ob nun in die Beletagen des Bürgertums und Adels-Paläste oder auf Volkes Straßen. Man darf sagen, seine Kunst steht für die Demokratisierung des Blickwinkels.

Mit dem Kunststudium hatte es nicht geklappt. Der väterliche Werkstattbetrieb forderte alle Kraft und Zeit. Aber Menzels Ehrgeiz, Fleiß und die Zähigkeit, auch die Nacht zum Arbeitstag zu machen, führten zum Erfolg, der dem eher schroffen, scheu abweisenden Charakter bald einen Star-Nimbus verschaffte und, wie ein Zeitgenosse nach Menzels Tod ironisch anmerkte, „den Zwerg unsanft ins Riesenmaß“ zerrte.

Auf das, was andere Leute Privatleben nennen, auch auf Komfort verzichtete er. Sein als Großfoto abgebildetes Atelier, vier Treppen in der Sigismundstraße, Tiergarten, war dürftig möbliert, aber mit Tierschädeln und Totenmasken drapiert, und überall wuchsen Gebirge von Papier. Die beiden alten Kachelöfen, so ist es überliefert, ließ die „Kleine Eminenz“ kaum beheizen, nicht aus Geiz, sondern, weil er es vergaß.

Populär wider Willen

Die Ausstellung belegt auch eine Art von Popularität, die Menzel garantiert nicht gewollt hätte: die Verfremdung und Benutzung seiner Motive, etwa als Vorlage für Sammelbilder. Der Kölner Schokoladenproduzent Stollwerck erwarb 1900 für 120.000 Mark Menzels Skizzenbuch mit Zeichnungen von preußischen Soldaten, die der Maler, dem Zeichnung und Malerei immer eins waren, für seine Historien-Gemälde gebraucht hatte. Bald rutschte Menzels Kunst aus jeder angebrochenen Stollwerck-Tafel.

Auch in dieser Hinsicht also war die Moderne, auf die Menzel mit seinem frappierenden Realismus geistreich, ja, epochal reagiert hatte, nochmals postum über ihn hereingebrochen, obwohl damals an Museums-Shops mit ihren Devotionalien überhaupt noch nicht zu denken war.

Im Märkischen Museum stehen wir auch vor Menzels „Allerheiligstem“, einer Auswahl aus den 30 Mappen mit etwa 6000 Zeichnungen und 80 Skizzenbüchern. Letztere wollte Nationalgalerie-Direktor Hugo von Tschudi dereinst nicht haben von den Menzel-Erben. Die Büchlein waren ihm nicht „kunstwürdig“ genug. Zum Glück nahm das Kupferstichkabinett sie geschenkt, lieh dem Märkischen Museum etliche.

Sollte gerade der weitsichtige Tschudi verkannt haben, wie weit der kleine große Menzel seiner Zeit voraus war? Comiczeichner aus aller Welt beziehen sich heute auf seinen scharfen, detaillierten, immer fließend erzählenden Zeichenstil.