Menschenversuche werden seit Alban Bergs „Wozzeck“ auch auf der Opernbühne verhandelt. Insofern steht „IQ“, obwohl es sich eines denkbar spröden Themas bedient, in einer gewissen Tradition des Musiktheaters. Der Schriftsteller Marcel Beyer und der Komponist Enno Poppe machen ein wissenschaftliches Labor und die Versuchsanordnungen zur Vermessung der menschlichen Intelligenz zum Schauplatz ihres Stückes. 2012 wurde das Stück bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt, ihre Frische und Präzision hat sich Anna Viebrocks Inszenierung, die jetzt bei der Maerzmusik im Haus der Berliner Festspiele zum zweiten Mal auf eine Bühne kam, bis heute erhalten.

Jeder, der in Berlin U-Bahn fährt, kennt die Plakate, auf denen selbstzufriedene Menschen aus dem Bewusstsein heraus, etwas geleistet zu haben, auf die müden Fahrgäste blicken: „Proband sein“, auch das kann man als Berufung verstehen. Und die Musiker des Klangforums Wien, die in „IQ“ neben den Sängern und Schauspielern als Darsteller in ihre maßgeschneiderten Bühnenrollen schlüpfen, als hätten sie nie etwas anderes getan, sind als Probanden gegenüber den leicht durchgeknallten Wissenschaftlerinnen natürlich die Hauptfiguren.

Wer hat gemischt? Wer hat ausgeteilt?

Ihre Aufsässigkeit, die aufbrechende Erotisierung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses wird in unzähligen Nuancen durchgespielt, vom ersten Aufbegehren des zuvor dumpf lauernden Trompeters bis hin zur Erscheinung eines völlig anders gepolten Probanden im selbstgenähten Hemdkittelrock, dem es als einzigem gelingt, das Unternehmen als Ganzes in Frage zu stellen.

„Proband ist Testerschatten, Tester Schatten des Probanden“, heißt es an entscheidender Stelle im Libretto. Und wer das Stück nicht gesehen und gehört hat, wird sich kaum vorstellen können, wie Enno Poppes Musik aus den eckig geschnittenen Sätzen des Librettos und dem Sinnieren über Matrizentests und Probleme der Auswertung wirklich Funken schlagen kann.

Sie kann es aber gerade, weil der Text absichtsvoll Raum lässt für die Klänge und weil Poppe den Worten mit einer ähnlichen, aber sinnlich explosiv aufgeladenen Lakonik musikalisch begegnet. Dabei kommt es zu wunderbaren Einzelnummern, deren Hintersinn und Eigenwilligkeit immer noch genügend Widerstand bietet, um nicht ganz in Parodie aufzugehen. Etwa im Blues über den BOMAT, den Bochumer Matrizentest, oder in dem narzistisch verzückten Solo, mit dem der singende Cellist, sich selbst begleitend, sich und dem Publikum nach einem Kartenspiel die Zeit bis zur Textauswertung vertreibt – das Lieblingsstück des Schreibers dieser Zeilen: „Von acht Runden gingen vier an mich. Klarer Sieg. Wer hat gemischt? Wer hat ausgeteilt? Ich glaube an meine Begabung. Den Zufall. Und glaube an die pure Mathematik.“

Die tausend Arten des Versagens

Seine Tiefe gewinnt das Stück wohl nicht als Diskussionsbeitrag zu Sinn und Unsinn von IQ-Tests, über die das Publikum quasi teilnehmend und mitfiebernd auch so einiges erfahren kann. Es öffnet aber dadurch einen doppelten Boden, dass es gleichsam seine eigene Substanz und seine Aufführung als eine Art IQ-Test inszeniert.

Am deutlichsten wird dies in jener der insgesamt acht Teststationen, in der es für die Testpersonen darum geht, Tonfolgen der Tester nachzuspielen. Sie steigern sich, inklusive punktgenau dazwischen fahrender Falsch-Pieper, in ein wahnwitziges Tempo, und die tausend Arten des Versagens und sich Durchschummelns besitzen für sich genommen dann auch schon wieder etwas ebenso Gewitztes wie Virtuoses.

Solche Fehler im System, vom Störgeräusch bis hin zu dem verstimmt und entkräftet vor sich hinseufzenden Gitarrenorchester am Schluss, bezeichnen etwas Grundsätzliches an Poppes Komponieren, sie sind der Nährstoff dieser Musik, das, was ihrer nach außen scheinenden Heftigkeit nach innen hin korrespondiert. Und als mitsingender Dirigentenkomponist ist Enno Poppe selbst der nicht ganz heimliche Hauptdarsteller seines Stückes.