Die gute Nachricht zuerst: Michelle Pfeiffer spielt mit in „Malavita“, und dabei sieht sie auf ganz wunderbare Weise so alt aus, wie sie ist – nämlich 55 Jahre. Man sieht Pfeiffers Maggie Blake an, dass sie schon einiges durchgemacht hat und über all dem ein wenig müde geworden ist, aber keineswegs weniger entschlossen.

Es ist ja auch nicht einfach, mit dem Kronsohn eines alten Mafia-Clans verheiratet zu sein, der irgendwann ausgepackt hat, damit den wichtigsten Paten New Yorks in den Knast brachte und dann mit seiner Gattin und den gemeinsamen Kindern im Zeugenschutzprogramm gelandet ist. Und da es nun einmal im Wesen der Mafiosi liegt, ziemlich nachtragend zu sein, bedeutet Zeugenschutz für die Blakes zunächst einmal diverse Wohnortwechsel. Gerade sind sie in einem kleinen Ort in Nordfrankreich eingetroffen, weil es brenzlig wurde an der Riviera.

Auch hier hat es Maggie nicht leicht. Schon beim Einkauf im örtlichen Kramladen beleidigt man sie auf ihre höfliche Frage hin mit dem knappen Hinweis, die Pasta befände sich gleich neben dem Hundefutter, und Erdnussbutter – barbarisch – führe man nicht. „Dämliche Amis“, hört Maggie noch, und das ist ihr dann wirklich zu viel. Zügig verteilt sie den Inhalt eines Kanisters Spiritus in einem unbeobachteten Ladenwinkel und wirft, schon im Gehen, ein Streichholz drauf. Eine Frau der Tat! So hat Maggie nicht allein die Einkäufe getätigt, sondern auch ihre Würde als Ausländerin in der Grande Nation explosiv verteidigt.

Luc Bessons neue Regiearbeit „Malavita“ setzt schon fast zu ausgiebig auf den Culture Clash, auf die enormen kulturellen Differenzen zwischen Frankreich und den USA. Wobei aber am Ende beide Nationen nicht gerade makellos dastehen. Natürlich ist es ein gar pittoreskes Städtchen, in das die Blakes da umgesiedelt wurden, aber auch voller tüttelig wirkender Bewohner, und selbstverständlich denken die französischen Teenager männlichen Geschlechts nur an das Eine, als sie in ihrer Schule zum ersten Mal der wunderschönen Belle Blake ansichtig werden.

Deren Bruder Warren kriegt von den neuen Mitschülern erst mal eins auf die Nase, aber diese beiden wären nicht die Kinder ihrer Eltern, wenn sie sich nicht zu wehren verstünden! Bald schmerzen den notgeilen einheimischen Jungen die Knochen – Belle (Dianna Agron) ist nicht nur schön, sondern auch sportlich fit. Die kleinkriminellen Schulhofgeschäfte übernimmt Warren (John D’Leo). Er ist zwar nicht besonders groß von Wuchs, aber ein Organisationgenie. Nein, eine dysfunktionale Familie sind die Blakes nicht. Die präpsychotischen Störungen ihrer Mitglieder ergänzen sich prächtig.

Nun soll aber auch das Familienoberhaupt gewürdigt werden: Auch Fred Blake, der eigentlich Giovanni Manzon heißt, kann nicht aus seiner Haut, was am eigenen Leib der Ortsklempner zu spüren bekommt, als er Fred bei Reparaturarbeiten übers Ohr hauen will: Erst Stunden zu spät kommen und dann einen überhöhten Preis verlangen – aber nicht mit Fred! Er bringt den allzu gewitzten Franzosen nicht gerade um, aber ...

Robert De Niro zeigt sich in diesem Film nicht allein mit Künstlermähne – seine Tarnidentität ist Schriftsteller –, sondern als Schauspieler auch im Vollbesitz seiner angestammten Mittel. Die in Fred mählich hochkochende Wut, dann die Explosion, das kriegt nur De Niro so hin. Und Tommy Lee Jones hat als Betreuer nicht nur mit Fred, der gefährlicherweise seine Memoiren schreiben will, alle Hände voll zu tun, sondern bald auch mit Legionen nachtragender Mafiosi, die die Reise über den Atlantik nicht scheuen, um Rache zu nehmen.

„Malavita“ punktet mit einigen hübschen Einfällen, etwa jener Sequenz, in welcher der US-„Schriftsteller“ Fred vom örtlichen Filmclub eingeladen wird, um ausgerechnet Martin Scorseses Mafia-Drama „Goodfellas“ zu analysieren (in dem De Niro damals bekanntlich die Hauptrolle spielte und der ebenfalls auf den Memoiren eines Mobsters beruht). Solche Insidergags folgen auf gut abgehangene Scherze, Komik wechselt mit äußerster Brutalität, die familiär bindungsfördernd wirkt. Moralisch ist das sehr irritierend.

Am Ende ist man eigentlich dankbar dafür, dass Luc Besson, dieser französische Medienmogul, in den vergangenen Jahren vor allem als Produzent in Erscheinung trat, denn ein As von Regisseur ist er schon lange nicht mehr. Sein Sensorium ist bei dieser Verfilmung eines Romans von Tonino Benacquista immer etwas zu eindimensional und grob. Bei „Malavita“ standen ihm nun mit Michelle Pfeiffer, Robert De Niro und Tommy Lee Jones drei großartige, spielfreudige Stars zur Verfügung, aber Besson hat es dennoch irgendwie geschafft, dass man sich streckenweise langweilt in diesem Film, der die expliziten Gewaltorgien damit rechtfertigt, dass er eine schwarze Komödie sein will. Nun, wem’s gefällt!

Malavita – The Family. USA, Frankr. 2013. Regie & Drehbuch: Luc Besson; Kamera: Thierry Arbogast; Darsteller: Robert De Niro, Michelle Pfeiffer, Tommy Lee Jones. 112 Miuten, Farbe, FSK ab 16.