Zossen - Nähert man sich von Berlin aus dem Städtchen Zossen, muss man aufpassen, dass man das Hotel direkt an der vielbefahrenen B 96 nicht verfehlt. „Flair Hotel Reuner“ steht auf der Tafel an der Straße. Wie waren vor einiger Zeit hungrig dort gelandet – und überrascht von dem vielseitigen Angebot auf der Karte, dem guten Essen und dem freundlichen Service. Bevor wir gingen, nahmen wir noch ein selbst gebackenes Brot mit. Eine Erfahrung, die neugierig machte. Wir sind wiedergekommen und auf eine außergewöhnliche Familiengeschichte gestoßen, eine Geschichte von Menschen, die nach der Wende ihr Glück in die eigene Hand nahmen.

Vater Peter Reuner, Jahrgang 1961, war Kfz-Mechaniker, fand dann einen Job als Fahrer beim Funkwerk Dabendorf. Nebenbei machte er mit Ehefrau Christina ein Café dort auf, wo heute das stattliche Hotel steht. Aus dem Café wurde 1994 ein kleines Hotel mit Gaststätte, in viel Eigenarbeit, wie die ausgehängte Bildergalerie zeigt. Peter Reuner und seine Frau erlernten im Schnellkursus der IHK das Koch- und Gastronomiehandwerk.

Eine kleine Landwirtschaft

Die Reuners haben drei Söhne. Einer ist bei der Deutschen Bahn Projektingenieur für den Ausbau der Dresdner Bahn, die beiden anderen, Daniel und Christian, haben beschlossen, in die gastronomischen Fußstapfen der Eltern zu treten. 1999 wurden Hotel und Restaurant erweitert. Daniel Reuner, Jahrgang 1981, hatte unterdessen seine Kochlehre zuerst im eigenen Betrieb begonnen und ging danach fünf Jahre auf Wanderschaft zum Scharmützelsee, an die Ostsee und bis in die Schweiz, um in großen Häusern Erfahrungen zu sammeln. 2008 übernahm er dann Hotel und Restaurant.

Hinter dem Haus steht das alte Feuerwehrauto, das man für Ausflüge mieten kann. Die Ferienhäuschen. Das „Tiny House“, ein autonomes Apartment. Der Hühnerstall. Über einen halben Hektar erstreckt sich dort auch die kleine Landwirtschaft, mit Paprika, Chili, Kürbissen, Tomaten, Zucchini, Kohlrabi, Roter Bete, Sellerie, Möhren, Kohl, Wirsing, Salat und Beeren.

Geht man weiter, stößt man auf eine rund 50 Tiere zählende Schafherde. „Zossener Schafe“ nennt Daniel Reuner sie. „Kamerunschafe, die wir mit anderen Rassen gekreuzt haben und die ordentlich Fleisch geben.“

Plötzlich steht Ehefrau Silke Reuner mit dem Kinderwagen auf dem Weg. Karl ist vier Monate alt, das dritte Kind. Silke Reuner kümmert sich um die Buchhaltung. Als wir ins Haus zurückkehren, steht Mutter Christina an der Rezeption. Sie ist für eine Mitarbeiterin eingesprungen, die in Mutterschaft ist.

Mit Urkunden und Medaillen 

Der Personalmangel ist ein großes Problem für die Gasthöfe in Brandenburg. Es haben bereits Lokale dichtgemacht, weil weder Köche noch Servicekräfte zu finden waren. Andere reduzieren ihre Öffnungszeiten, öffnen nur noch für Familienfeiern oder bieten nur noch Buffets an. Die Berufsschulangebote schrumpfen, Daniel Reuner muss seine Kochazubis nach Potsdam schicken, weil die Klasse in Luckenwalde eingestellt wurde.

Dennoch: Im Zossener Hotel gibt es 20 Angestellte, darunter vier Köche und mehrere Azubis. Kollegen beneiden ihn um seine geringen Personalprobleme, aber das kommt nicht von ungefähr. Man müsse nur alles tun, um den Beruf attraktiv zu machen, sagt Daniel Reuner, der auch Vizepräsident des Brandenburgischen Hotel-und-Gaststättenverbandes ist.

Er organisiert die Arbeitszeiten so, dass nicht jeder und jede ständig abends arbeiten muss. Und er macht nicht den Fehler, die Berufsanfänger zum Putzen und Zimmermachen zu verdonnern, sondern lässt das durch einen Dienstleister machen. Er schickt die jungen Leute zu Wettbewerben, damit sie sich messen können und stolz mit Urkunden und Medaillen zurückkehren.

„Cuisine naturelle“

In der Speisekarte steht ein Dessert, das die Küchenazubis selbst entwickelt haben. Die junge Frau, die uns bedient, stammt nicht aus Zossen. „Manju ist aus Nepal“, erklärt Daniel Reuner. „Sie und ihre Freundin kamen als Au-pair-Mädchen nach Deutschland und wollen nicht in ihr Dorf zurück. Sie sind jetzt im zweiten Lehrjahr.“ Er wird bei den Behörden darum kämpfen, dass die beiden endgültig bleiben dürfen. Nächstes Jahr will er auch einen Flüchtling aus Afrika aufnehmen.

Daniel Reuner ist Küchenchef und Chefkoch in einem. Seinen Stil nennt er „Cuisine naturelle“. Das Essen soll unverfälscht, saisonal und regional sein. Die beliebtesten Gerichte sind der Zossener Wildlammspieß, der Märkische Wildteller mit dreierlei Wildfleisch sowie ein Branden-Burger: Wildragout mit karamellisierten Apfelscheiben und Preiselbeerrotkohl zwischen zwei Scheiben Kartoffelklößen.

Was das alles mit der familiären Synergie zu tun hat, erfahren wir 30 Kilometer weiter südlich. Glashütte, wo seit 1714 genau 270 Jahre lang Glas hergestellt wurde, darunter die ersten Thermoskannen weltweit, ist heute ein wunderschön restauriertes Museumsdorf mit einer Schauglasbläserei, kleinen Kunstgewerbelädchen, einem Weinsalon und Cafés. Und mit einem alten Dorfkonsum und einem großen Gasthof von 1871.

Versorgungszentrale des Familienunternehmens

Als Vater Reuner beim Funkwerk Dabendorf arbeitete, stand der Konsum bereits leer, bald auch das Gasthaus. Er kaufte es 2004 in Erbpacht vom Fürsten zu Solms-Baruth. Das Gasthaus, in dem auch das Standesamt von Baruth untergebracht ist, ist heute stilvoll wiederhergerichtet, dahinter ein großer Biergarten mit 350 Plätzen.

Auch der alte Konsum von 1954 hat wieder seinen alten DDR-Charme zurück. 2016 übergab Peter Reuner seinem Sohn Christian, Jahrgang 1983, der inzwischen ebenfalls das Kochhandwerk erlernt hatte, die Leitung des Gasthofes und konzentrierte sich ganz auf den Konsum auf der anderen Straßenseite.

Der ist inzwischen die Versorgungszentrale des Familienunternehmens. Vor dem Laden aufgebaut ist das Gemüse vom Acker in Zossen. Drinnen hängen große und kleine Würste und Wildschinken am Haken, es riecht nach Geräuchertem. In den Regalen stehen selbst eingeweckte Wurstsorten und Fertiggerichte, außerdem Senf aus eigener Produktion, Brotaufstriche, Honig vom befreundeten Imker. Auf dem Tresen liegen vier Sorten gerade gebackenes Brot, in der Kühltruhe Fleisch von Reh, Hirsch und Wildschwein. Peter Reuner hat ein Hobby: Er geht in den Wäldern der Umgebung zur Jagd.

Roggen oder Dinkel

Das Sauerteigbrot wird mehrmals die Woche frisch gebacken, Weizen-, Roggen- und Dinkelbrot. Zwei alte Backhäuser stehen in der Nähe: Das eine war einst für den Fürsten, das andere für das gemeine Volk. Hier veranstalten Peter Reuner und Sohn Christian regelmäßig Schaubacken für Besuchergruppen.

Am gemütlichsten ist es in der alten, holzgetäfelten Wirtsstube. Man fühlt sich ins Jahr 1871 zurückversetzt, als das Haus eröffnet wurde. Auf der Speisekarte geht es rustikaler zu als in Zossen. Viel Wild gibt es natürlich, Wildschweinschnitzel mit Waldpilzen und Kartoffelstampf oder gemischtes Gulasch von Reh und Wildschwein mit Kräuterknödeln. Wer es besonders deftig mag, bestellt eine Pfanne mit Rauchwurst, Grützwurst und Kräuterwurst – alles Eigenproduktion. Vor Weihnachten ist Gänseessen angesagt.

Als wir auf dem Rückweg noch einmal in Zossen vorbeischauen, ist es Nachmittag und Ruhe vor dem Abendansturm. Daniel Reuner sitzt vor der Rezeption mit einem Holzkoffer mit Schnitzwerkzeug und bearbeitet einen Kürbis. Das Gemüseschnitzen hat er bei Köchen in China gelernt, es wurde sein Hobby. „Das entspannt ungeheuer“, sagt er. Jetzt wissen wir auch, wie er es schafft, bei so viel Stress die Ruhe selbst zu sein.