„Hamnets Fieber steigt und steigt, und die Beulen schwellen immer praller an.“ In ihrem Roman „Judith und Hamnet“ beschreibt die irische Schriftstellerin Maggie O’Farrell, wie zwei Kinder an Pest erkranken, es sind Zwillinge. Das Mädchen überlebt, der Junge nicht. Verschränkt in diese todtraurige Begebenheit im Jahr 1596 wird die Geschichte ihrer Eltern erzählt: Der Vater, William Shakespeare, ist unzufriedener Lateinlehrer in Stratford. Er wird in London zum höchst erfolgreichen Dichter. Die Mutter ging, wenn überhaupt, als unüberlegt geschwängerte Provinzlerin und Hemmschuh eines Genies in die Geschichte ein. Sie spielt in diesem Roman die Hauptrolle.

Maggie O’Farrell nennt sie Agnes, nah am historischen Vorbild Anne Hathaway. O’Farrell ist nicht die Erste, die über Shakespeares weibliches Umfeld spekuliert. In „Ein Zimmer für sich allein“ erfindet Virginia Woolf eine hochtalentierte Schwester des Dichters, die keine Chance hatte und sich das Leben nimmt. Frauen mit großen Begabungen seien damals, so Woolf, verrückt geworden, hätten sich umgebracht oder, „halb Hexe, halb Magierin“, am Rande der Gesellschaft gelebt.

O’Farrells Hauptfigur sammelt Kräuter, heilt Menschen und wird von ihnen für seltsam gehalten. Der Roman spinnt ihre Herkunft in einem märchenhaften Exkurs aus: Agnes’ Mutter sei eine Art Waldwesen, so werde es jedenfalls erzählt. Diese Version von Shakespeares Ehefrau ist selbstbewusst und zuweilen klüger als ihr Mann. Sie umgibt sich mit Pflanzen und Tieren, kann kaum schreiben, blickt aber mühelos in die Köpfe und Herzen ihrer Gegenüber, zieht sich zur Geburt ihres ersten Kindes auf eine Waldlichtung zurück. Und sie wird von ihrem meist abwesenden, untreuen Ehemann aufrichtig geliebt.

Nichts in diesem Roman ist abstrakt

Daraus hätte leicht Historienkitsch werden können, eine öko-feministische Projektion ins Elisabethanische Zeitalter. Dass es ein kunstvoll gebauter, kluger und ergreifender Roman über das Verhältnis von Leben und Literatur geworden ist, liegt am Können der Verfasserin. Sie zieht Verbindungen zu Shakespeares Texten, hat ganz sicher Virginia Woolf gelesen und Germaine Greers „Shakespeare’s Wife“, war in Archiven, studierte Bücher über Pflanzen und Heilkunst, weist ausdrücklich auf Stephen Greenblatts Hamlet-Lektüre und indirekt auf britische Ritterepik, in der es merkwürdige naturverbundene Gestalten aus Wäldern gibt. Sie spielt mit diesen Motiven wie mit dem damals im Theater üblichen Kleidertausch: Die junge Agnes wirkt manchmal wie ein Mann, während auf den Bühnen Jünglinge Röcke trugen, auch ihre Zwillinge wechseln zum Spaß ihre Kleider und einmal auch in rätselhaftem Ernst.

All das zu bemerken ist ein intellektuelles Vergnügen. Außerdem ist der Roman voller leuchtender Szenen des damaligen Lebens, insbesondere dessen der Frauen: Sie stehen am Herd und Waschzuber, nähen, stopfen, schlachten, spinnen, kochen Seife. O’Farrell entfaltet eine bodenständige wie poetische Nahsicht: Wir lesen, wie Hamnet als lebhafter Elfjähriger aussieht, wie schmutzig seine Füße sind, wie seine Haare abstehen, wo er sich herumtreibt und spielt. Wir erfahren, wie seine Mutter ihn und seine Schwestern zur Welt bringt und aufzieht. Und wir lesen, wie eine Pestinfektion die Haut verfärbt, wie Beulen aussehen, wie die heilkundige Agnes gegen sie kämpft und verliert. Der Vater ist derweil „zwei Tagesritte entfernt in London“.

Nichts in diesem Roman ist abstrakt, nichts allgemein, hier wird alles konkret vor Augen geführt und ergreift gerade in dieser Sachlichkeit die Lesenden. Wenn Agnes ihren Sohn auch nach seinem Tod nicht loslässt, wenn sie ihn wäscht und ins Leichentuch näht, wenn sie bei jedem Zeh und jeder Hautfalte denkt, dass sie sie zum allerletzten Mal sieht, öffnet sich der Abgrund dessen, wovor alle sich fürchten: ein in seiner Unerbittlichkeit schier nicht zu ertragender Verlust.

Der Vater trifft erst zur Beerdigung ein, reist schnell wieder ab und bleibt sehr lange fort. Wie er seinen Schmerz im „Hamlet“ verarbeitet, ist Literaturgeschichte. Die Tragödie gilt als Meilenstein in der Darstellung menschlicher Gefühle. O’Farrell zeigt, dass diese Gefühle auch, wenn nicht vor allem, in der Sphäre der Frauen zu Hause sind. Und sie fragt am Ende, wenn Agnes vom Theaterstück erfährt, ja eigentlich im gesamten Roman, ob sich die Unmittelbarkeit des Lebens und Empfindens wirklich in Kunst verwandeln lässt. Wer die Antwort wissen will, sollte ihn lesen.

Maggie O’Farrell: Judith und Hamnet. Roman. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. Piper, München 2020. 416 S., 22 Euro.