"Border“ ist ein unheimlicher Film. Doch im Unheimlichen, davon erzählen die besseren Horrorfilme, liegt auch ein eigentümlicher Reiz. Kinder begegnen ihm nahezu jeden Tag, als Erwachsener sehnt man sich danach. Das erotische Spiel lebt davon, die Begegnung des Vertrauten mit dem Unbekannten kann Energien wecken, von Abscheu bis zur abgründigsten Liebe, die unter der Oberfläche verborgen waren.

Die Verschiebung oder besser Verunsicherung diese Grenze, die bei „Border“ schon im Titel steckt, ist der Gegenstand von Mythen und Märchen. Ist es real? Passiert das hier wirklich? So ist es auch in Ali Abbasis ganz bemerkenswertem Film. Doch keine Einordnung oder lange Erklärung kann einen auf die zahllosen Überraschungen gefasst machen, die er uns bietet. Weshalb man auch so wenig wie möglich verraten möchte.

An die Frau mit dem Löwengesicht hat man sich bald gewöhnt

Die Hauptfigur Tina, das kann man sagen, ist eigentlich nicht unheimlich. Trotz ihrer außergewöhnlichen Erscheinung. An die Frau mit dem Löwengesicht (in Ermangelung einer besseren Beschreibung), hat man sich bald gewöhnt, genau wie ihre Kollegen. An einer ungenannten Grenze versieht die schwedische Zollbeamtin ihren Dienst. Auch ihre merkwürdige Gabe ist nach kurzer Verwunderung akzeptiert.

Tina riecht anders als andere Menschen. Mit einem kurzen Beben der Nasenflügel, einem unwillkürlichen Zucken der Oberlippe erfasst ihr Geruchssinn die kleinste Unregelmäßigkeit. Tina riecht Scham, Wut und Angst, wie man es von Tieren sagt. So erschnüffelt sie zu Beginn einen Mann, der einen Chip mit kinderpornografischem Material bei sich trägt. Das Unheimliche erscheint in Gestalt der Normalität.

Das ändert sich mit einem Mann, der Tina auffallend ähnlich sieht. Dieselbe hochgewölbte Stirn, die tiefliegenden Augen. Vore, so sein Name, führt einen Brutkasten mit Maden durch den Zoll, von denen er ihr mit verschwörerischem Grinsen anbietet. Bis hierhin war ihr Leben fast gewöhnlich. Ihre Mitmenschen behandeln sie gut. Gelegentlich besucht sie ihren Vater im Altersheim. Er sagt, ihr animalisches Aussehen komme von einer Chromosomenveränderung. Mehr weiß sie nicht, sie wollte auch nie jemanden danach fragen.

Im Wald, zu dessen Tieren sie ein besonderes Verhältnis pflegt, hat Tina ein kleines Häuschen mit einem jungen Mitbewohner, dessen Rolle in ihrem Leben etwas unklar bleibt. Einmal nähert er sich ihr mit dem Wunsch nach Sex. Sie weist ihn ab. Es ist, als hätte sie auf den Mann mit dem lüsternen Blick gewartet, der ihre Instinkte weckt. Obwohl er ihr unheimlich ist, vielleicht sogar unheimlicher als uns. Würde man Freud fragen, spräche er wohl von der Wiederkehr des Verdrängten.

„Border“, beim Schwedischen Filmpreis mit den wichtigsten Auszeichnungen bedacht, ist ein Film über das Fremde. Das ist nicht zu viel interpretiert, der Regisseur sagt es selbst. Ali Abbasi, aus dem Iran nach Dänemark und schließlich nach Schweden ausgewandert, filmt aus eigener Erfahrung. Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, ein Monster zu sein unter den anderen, geht hinaus über Fragen von Toleranz und Diskriminierung. Das ist schwieriges Terrain, will man nicht zu direkt sein.

Nur wenige beherrschen die Alchemie von Alltagsrealistik und Fantastik so gut

In einer Erzählung des schwedischen Autors John Ajvide Lindqvist fand er den richtigen Stoff. Nur wenige beherrschen die Alchemie von Alltagsrealismus und Fantastik so meisterhaft wie Lindqvist, dessen Roman „So finster die Nacht“ 2008 von Tomas Alfredson verfilmt wurde. Später kam ein Hollywood-Remake dazu. Es ging um Vampirismus in der schwedischen Vorstadt.

Der Weg von Tina und Vore führt in ähnlich abseitige Gefilde, tief hinein in die nordischen Wälder und Mythen, wo sich Trolle, Elfen und Feen Gute Nacht sagen. Was sie miteinander treiben, ist oft schrecklich anzusehen, aber manchmal auch wunderschön. Festgerückte Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit werden über den Haufen geworfen, Kinder geboren und überhaupt viele Gründe gesammelt, warum dieser schon in Cannes ausgezeichnete Film auch noch bei den Oscars für die Spezialeffekte nominiert wurde.

So wild und frei ist das inszeniert, dass man sich ein Hollywood-Remake beim besten Willen nicht vorstellen kann. Zwischen magischem Realismus, einer Prise Horror und zuweilen absurdem Humor zeigen die Hauptdarsteller Eva Melander und Eero Milonoff hier etwas, was man noch nie im Kino gesehen hat. Ein netter Film wie Guillermo del Toros „Shape of Water“, für ein ganz ähnliches Themenpaket mit zahlreichen Oscars geehrt, ist dagegen wirklich nur Kinderkram.

Der Mensch ist ein ziemlich zufälliges Gebilde

Über den Umweg der Fantastik geht es mitten ins Herz der identitätspolitischen Diskurse. Wobei Identität oder Differenz nur als Schlagworte erscheinen mögen hinter der viel älteren Frage: Was ist der Mensch? Abbasi liefert uns so viele Antworten, dass einem schwindelig wird, scheint aber letztlich zu sagen: Es gibt ihn in den tollsten Formen, seine Herkunft ist immer unbegreiflich und seine Gestalt ein ziemlich zufälliges Gebilde, das ein paar Abweichungen gut verträgt.

Der Schauder vor dem Anderen ist dazu da, überwunden zu werden. „Border“ zeigt dabei keine Angst vor Grenzen und ist darum ein unheimlicher, aber eben auch unheimlich guter Film.