Sandra Maischberger hat bei ihrem Mittwochstalk vor allem Betroffene zu Wort kommen lassen. Wie wird man obdachlos, und wie kann man auf der Straße überleben, wollte die Moderatorin wissen. Mit Klaus Seilwinder und Jaqueline Kessler hatte sie zwei Gäste eingeladen, die es wissen müssen. Der 61-Jährige berichtet, wie er vor 15 Jahren nach einem Streit mit dem Chef aus seinem Job flog und danach vom Flaschensammeln lebte.

Kessler hat für ihre 26 Jahre schon viel erlebt. Nach Problemen im Elternhaus landete sie auf der Straße. Maischberger will wissen, wie man im Winter trotz eisiger Temperaturen nicht erfriert, wie man sich sauber hält. Der Zuschauer erfährt, dass viele Obdachlose ihren Schlafsack nicht schließen, um bei Bedrohung schnell fliehen zu können.

Seilwinder und Kessler haben den Einstieg in ein geregeltes Leben wieder gefunden. Kessler hofft, dass ihre drei Kinder bald wieder bei ihr wohnen können. Ihre Beispiele zeigen aber, wie schnell der Abstieg passieren kann. Fast immer hat er etwas mit persönlichen Problemen zu tun, aber äußere Faktoren begünstigen das Phänomen.

Wollen Obdachlose einfach nur keine Hilfe?

Darauf weist vor allem Armutsforscher Christoph Butterwegge hin, der den Wohnungsmarkt und auch den Zustrom von Armen aus Osteuropa als Ursachen für die zunehmende Obdachlosigkeit in deutschen Städten sieht. Der Staat und die Kommunen müssten viel mehr sozialen Wohnraum schaffen, leerstehende Wohnungen sollten beschlagnahmt werden, der Mindestlohn müsse steigen.

Butterwegges Gegenspielerin ist „Welt“-Journalistin Dorothea Siems, die kein strukturelles Problem erkennt. Der Sozialstaat biete genug Sicherung und Unterstützung an, aber die Betroffenen würden Hilfe oft nicht annehmen, Ihre Lösung: EU-Bürger, die nicht arbeiten, müssen in ihre Heimatländer zurück.

Butterwegge wird in seiner Systemkritik von Ortrud Wohlwend bestärkt: Bei ihrem Einsatz für die Berliner Stadtmission erlebe sie täglich, dass sich viele Menschen die derzeitigen Mieten nicht mehr leisten könnten – und zwar immer mehr Menschen, die einer geregelten Arbeit nachgehen. Das Problem betreffe längst nicht mehr nur Rentner, sondern auch Familien.

Rakers begleitete Obdachlose in Hamburg

„Tagesschau“-Moderatorin Judith Rakers kann aus Sicht der Betroffenen berichten: Für die ARD-Dokumentation „Schicksal obdachlos“ machte die Journalistin einen Selbstversuch und verbrachte 30 Stunden in Hamburg auf der Straße.

Sie hielt Passanten den Becher hin – mit niederschmetterndem Ergebnis: „Ich habe zwei Stunden gebettelt, bevor ich das erste Geld bekommen habe“, erzählt Rakers. Das Betteln sei „würdelos und eine extreme Überwindung“ gewesen, erinnert sie sich. Rakers kritisiert, dass für Flüchtlinge mehr getan werde als für Obdachlose.

Deren Zahl beträgt laut Schätzungen derzeit 860.000 in Deutschland – eine Zahl, die größer ist als die Bevölkerung Frankfurts. Butterwegge macht es zornig, dass es aber keine zuverlässige Statistik gebe: „Man weiß, wieviel Bergziegen und Zwerghasen es gibt, aber wie viele Obdachlose genau, das weiß man nicht!“

Rakers kann sich nach ihren Erfahrungen in Hamburg, als sie auch unter einer Brücke übernachtete, viel besser in die Situation Wohnungsloser und ihre Bedürfnisse hineinversetzen. Sie meint, man müsse die Menschen nehmen, wie sie sind, und dürfe sie nicht in ein System hineinpressen. Es gebe viele individuelle Schicksale, und oft sei der Alkohol ein Mittel zum Überleben. „Wenn ich eine Woche so leben müsste, würde ich morgens auch schon ein Bier trinken“, sagt sie.

Der schönste Satz kommt allerdings von Stadtmissions-Mitarbeiterin Wohlwend, die zu mehr Mitmenschlichkeit aufruft: „Jeder von uns kann sich überlegen, ob es nicht irgendeinen Verrückten in seinem Haus gibt, bei dem er mal klingeln und seine Hilfe anbieten könnte.“ (cm)