Noch am Mittwochvormittag waren über 1000 Polizeibeamte in ganz Hessen im Einsatz, durchsuchten 54 Objekte und nahmen auch einen Verdächtigen fest, der einen Terroranschlag geplant haben soll. Ein Ermittlungserfolg mit gefährlichen Einsätzen, die möglicherweise Leben retteten. Findet der Beruf des Polizisten in der Gesellschaft genug Anerkennung? „Polizisten – Prügelknaben der Nation?“, fragte Sandra Maischberger in ihrer Talkshow.

In ihren 37 Berufsjahren habe der Respekt gegenüber Polizisten abgenommen, klagt die Polizeihauptkommissarin Regina Lenders. Täglich erlebt die Hamburger Polizeibeamtin Beleidigungen, Bedrohungen, Sexismus und körperliche Gewalttaten bei ihrer Arbeit. „Die Polizei darf nicht der Prellbock der Gesellschaft sein“, sagt auch der ehemalige Bundespolizist Nick Hein. Schon in seiner ersten Berufswoche erlebte der Sicherheitsbeamte Gewalt, ein Verdächtiger habe sich mit ihm prügeln wollen.

„Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der sowas nicht passiert ist“, hält Thomas Fischer dagegen, Vorsitzender des Bundesgerichtshofs. Beleidigung gebe es in allen Teilen der Gesellschaft, gerade zum Polizistenberuf gehöre es dazu.

Die Statistiken belegen, das Polizisten von fast 90 Prozent Bevölkerung Vertrauen genießen, argumentiert der Ex-Piratenpolitiker Christopher Lauer. Die Beamten würden aber jeden Tag dem Teil der Bevölkerung gegenüberstehen, der dieses Vertrauen nicht hat; ihre Wahrnehmung sei verzerrt.

Rainer Wendt kritisiert Justiz

Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sieht vor allem Probleme bei der Justiz. Es gebe eine „Tendenz zur verheerenden Milde“. In Köln nehme mancher Beamte am Tag fünf Mal die gleiche Person fest, ohne dass etwas passiere. Justiz und Polizei seien dramatisch unterbesetzt, beklagt der Gewerkschafter. Mehrere Millionen Überstunden sammelten sich bei der Polizei an.

Vor allem in der Zeit der Flüchtlingskrise 2015, als die Beamten nach Bayern geordert wurden, gab es Engpässe in anderen Bereichen. „Sollen wir jetzt keine Schwerpunkte mehr legen“, fragt Fischer.

Berliner Blumenhändlerin wurde mehrfach bestohlen – Polizei ist machtlos

Erst später in die Runde kam die Blumenhändlerin Heike Osterberg. In ihrem Geschäft in Berlin erlebte sie mehrere kleine Diebstähle, nie konnte die Polizei einen Täter fassen. Selbst als die Unternehmerin auf eigene Faust suchte, ihr Überwachungsvideo ins Netz stellte und den Namen des Täters ermittelte, legte die Staatsanwaltschaft den Fall nieder.

Osterberg ist aus Berlin weggezogen, weil sie sich dort nicht mehr sicher fühlt. „Früher hat unser Kontaktbeamter unserem Hund Leckerlis mitgebracht. Heute sieht man kaum noch einen Polizisten!"

Christopher Lauer sieht kein großes Problem

Auch Christopher Lauer erlebte Diebstähle in seinem privaten Keller: „Man kann aber davon nicht ableiten, dass Deutschland unsicher ist.“ Alle Zahlen würden beweisen, dass tatsächlich die Straftaten auch in Berlin sinken, nicht zunehmen.

Weiter diskutierten die Gäste über die Frage, ob es mehr Videokameras in der Öffentlichkeit brauche. „Sie können in bestimmten Bereichen die Straftaten mindern“, sagt Richter Fischer. Es brauche trotzdem mehr Personal, findet Polizist Wendt. 

Der Politiker Christopher Lauer sieht die Gefahr einer übertriebenen Staatskontrolle, die schnell in die falschen Hände geraten könne: „Wie sehen in den USA gerade, wie schnell ein Staat kippen kann.“

Mehr Polizisten müssen eingestellt werden

In den 65 Minuten des Themenklassikers wurden die Sichtweisen von Opfer, Polizei, Justiz und Politik gut sichtbar und von der Moderatorin souverän ausdifferenziert. Trotz vieler Kontroversen, die sich in der Diskussion aufgetan haben, war sich die Runde in einem Punkt einig: Es müssen mehr Polizisten eingestellt werden.