Maj Sjöwall.
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BerlinWer literarisch in den 70er-Jahren sozialisiert wurde, der stieß auf die Kriminalliteratur von Per Wahlöö und Maj Sjöwall selbst dann, wenn er kein Krimi-Fan war. Neben dem britischen Jockey und Schriftsteller Dick Francis gehörten Sjöwall/Wahlöö zu den Autoren, die das Genre wie selbstverständlich in den Bereich der Literatur ohne beschränkenden Zusatz überführten. Das lag vor allem am gesellschaftlichen Anspruch, den Sjöwall/Wahlöö-Krimis als Antriebsfeder ihres unkonventionellen Kommissars Beck Martin formulierten. Der nämlich löste nicht einfach nur mysteriöse Verbrechensfälle auf, sondern richtete seine Aufmerksamkeit auch auf die Institution Polizei, die für ihn ein Teil eines marode gesellschaftlichen Systems war, das er wie sein Erfinderpaar ablehnte.

Per Wahlöö war marxistisch geschult und hatte einige Zeit als Polizeireporter gearbeitet. Dadurch hatte er intime Einblicke in die schwedische Gesellschaft gewonnen. Bemerkenswert waren die Sjöwall/Wahlöö-Krimis aber auch durch die besondere Produktionsweise des Autorenduos, die gemeinsam die möglichen Fälle diskutierten, jeweils Szenen dafür entwarfen und diese später zu einem Text verzahnten. Während Per Wahlöö einen radikal ablehnenden Blick auf den schwedischen Sozialstaat richtete, steuerte Maj Sjöwall mit ihrem feinen Gespür für Widersprüche und Brüche jene Ambivalenzen bei, die die Werke überhaupt erst zu Literatur machten. So war ihr Kommissar Martin Beck kein kantiger Held, sondern eher eine gebrochene Figur, die mit den sozialen Verhältnissen haderte, in denen sie sich bewegte.

In den frühen Jahren haben Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die seit den frühen 60er-Jahren ein Paar waren, ihre politischen Haltungen auch demonstrativ gelebt. Sie lehnten den in ihren Augen paternalistischen Wohlfahrtsstaat nicht nur ab, sondern weigerten sich auch, Steuern zu zahlen und fielen wiederholt durch öffentlich Renitenz auf. Mehrfach sollen sie in dieser Zeit aus Restaurants hinausgeworfen worden seien.

Mit dem schriftstellerischen Erfolg verfeinerte sich auch der Blick auf die Gesellschaft, mit dem Sjöwall und Wahlöö das Genre des gesellschaftspolitischen Kriminalromans maßgeblich geprägt hatten. Viele ihrer Kommissar-Beck-Romane wurden später verfilmt. Der deutsche Regisseur Wolf Gremm adaptierte zu Beginn der 80er-Jahre auch einen Stoff von Per Wahlöö unter dem Titel „Kamikaze 1989“ mit Rainer Werner Fassbinder  in der Hauptrolle. Sjöwall/Wahlöö-Romanen wurde häufig Kultcharakter zugesprochen und sie bildeten zugleich die Blaupause für das Genre des Schwedenkrimis, das Autoren wie Stieg Larsson oder Hakan Nesser für ihre Zeit modernisierten. Am Mittwoch ist Maj Sjöwall im Alter von 84 Jahren in Stockholm gestorben.