Berlin - Vladimir Malakhov ist müde. Drei Stunden hat er in der letzten Nacht geschlafen, das ist selbst für seine Verhältnisse wenig. Heute und morgen wird der scheidende Intendant des Staatsballetts zum letzten Mal als Tänzer in Berlin auftreten, in zwei seiner Lieblingsarbeiten, in dem Ballett „Caravaggio“ von Mauro Bigonzetti und in „Tschaikowsky“ von Boris Eifman. Die beiden Stücke hat er gewählt, weil sie große Lebensgeschichten erzählen.

Ein Abend hätte nicht gereicht: Zwei Abende mussten es sein, denn zum Abschied wollten noch einmal alle Tänzer des Staatsballetts ein letztes Mal mit ihm tanzen. „In meinem Kopf rast es“, sagt Malakhov, „immer wieder gehe ich alles durch. Auch ob ich bei meinen Abschiedsgästen alles bedacht habe.“ Mit diesen beiden Auftritten geht eine Ära zu Ende. Für Malakhov persönlich, denn als Tänzer wird er ab sofort nur noch selten zu sehen sein, als seltener Gast bei Gala-Abenden und in der einen oder anderen Charakterrolle. Und für Berlin, denn Vladimir Malakhov hat Ballett-Glamour in die Stadt gebracht, Weltstar-Appeal.

In den vergangenen zwölf Jahren hat er – zunächst als Ballettdirektor des Staatsopern-Balletts, dann als Intendant des aus allen drei Berliner Compagnien fusionierten Staatsballetts − ein hervorragendes Ensemble aufgebaut.

Wenig Zeit für Wehmut

Als er kam, waren die Ballettcompagnien aller drei Opernhäuser durch jahrelange Sparvorgaben und innere Querelen völlig heruntergewirtschaftet. Die Tänzer der eingeschmolzenen Compagnien tanzten vor leeren Sälen. Es war ein Trauerspiel. Dass das heute vergessen ist, ist Malakhovs Verdienst. Wenn er sich im Sommer auch als Intendant verabschiedet, dann übergibt er seinem Nachfolger, dem spanischen Choreografen Nacho Duato, ein hervorragend bestelltes Haus.

Nein, sagt Malakhov, Zeit für wehmütige Gefühle habe er nicht. Er muss Pläne für die Zukunft schmieden. Seinen Wechsel nach Japan vorbereiten, wo er ab September sechs Monate im Jahr leben und als Berater des Tokyo Balletts arbeiten wird. Ende September wird die von ihm neu gegründete Malakhov Foundation erstmals einen großen Ballettpreis vergeben, den Taglioni-Preis. Er wird in vielen großen Jurys sitzen. Ein neues Leben wird beginnen. Es ist eines, auf das er sich freut, auch wenn es keines ist, das er selbst so für sich geplant hatte.

Das Staatsballett ist sein Zuhause geworden, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es so bleiben sollen. Daraus hat er nie ein Geheimnis gemacht, auch nicht aus seiner Kränkung, als die Berliner Politik seinen Vertrag nicht verlängerte.

Er sieht in diesen seinen letzten Tagen noch einmal alle Vorstellungen des Balletts, wenn es irgend möglich ist. „Gestern, in ,Romeo und Julia‘“, bricht es aus ihm heraus, „hat Iana Salenko einen großen Fortschritt gemacht, nicht technisch, da war sie immer gut. Aber vom Gefühl her, sie war zu jung, aber jetzt denkt sie wie eine Ballerina.“

Dienst am Ballett

Aus seinem Stolz darüber will er gar kein Geheimnis machen. Bis zum letzten Moment, und wohl auch wenn seine Amtszeit vorbei ist, wird er mit den Tänzern mitfiebern, ihre Entwicklung beobachten. Das aus den Händen geben zu müssen ist vielleicht das Schwerste für ihn − neben der unerbittlichen, aber hinzunehmenden Tatsache, dass der Zenit der eigenen grandiosen Solotänzer-Karriere für seinen Körper nun schon eine Weile vorbei ist.

Malakhov kommt gerade zurück von einer Charity-Gala in der Dominikanischen Republik. Er hat dort in dem bewegenden Duett „The old Man and Me“ getanzt, ohne Gage versteht sich. Hans van Manen hat ihm die Rechte für das Stück gegeben, und Malakhov hat sich nun selbst eine Bank angeschafft, das einzige Requisit des Stücks. Aber diese Bank im Flugzeug zu transportieren, ist furchtbar teuer. „Ich zahle jetzt beim Tanzen selbst dazu“, sagt er, aber er lächelt.

Die neue Lebensphase, in die er tritt, heißt für ihn auch, etwas zu verteilen von all dem, was er bekommen hat. Mit seiner Stiftung will er nicht nur alle zwei Jahre Preise vergeben, sondern auch Charity betreiben Er will Geld für Tänzer in Not einsammeln, Operationen finanzieren, junge Talente aus ärmeren Ländern fördern. Auf Kuba ist er schon öfter ohne Gage aufgetreten, in diesem Jahr wird dort zum ersten Mal der Grand Prix de Malakhov vergeben. Preise für einen Choreografen, einen Tänzer und eine Tänzerin soll es geben. „Für unsere Verhältnisse sind die Preise nicht hoch dotiert“, sagt Malakhov, „aber auf Kuba können die Künstler davon ein Jahr leben.“

Dienst am Ballett, so hat Vladimir Malakhov seine Rolle immer verstanden. So ist er auch mit seinem eigenen Können umgegangen. Als wäre es ein Geschenk, zu dem er voller Demut aufsehen müsse, wobei er gleichzeitig aus der harten Arbeit, die das bedeutet, und aus seiner Geschäftstüchtigkeit nie ein Geheimnis gemacht hat. Aber Malakhov ist in dem, was er tut, auch in der Art und Weise, wie er mit seinem Diven-Kult so hervorragend die Medien bedient, mit sich selbst authentisch. Das ist mehr als nur Eitelkeit. Das macht einen Teil seiner Besonderheit, seines Charmes aus. Er hat es so auch geschafft, den Berlinern etwas von seiner eher altmodischen, von der russischen Bolschoi-Schule geprägten Verehrung des Balletts und der Tänzer beizubringen. Am Anfang hatte das zumal hier in Berlin, einer Stadt fürs Reelle, Befremden ausgelöst. Aber jetzt wird es furchtbar fehlen.

Ohne Tränen geht er nicht

In Japan wäre eine Nichtverlängerung des Vertrags wie ihn Malakhov in Berlin erlebt hat, nicht möglich. Dort wird Malakhov den Ballettdirektor des Tokyo Balletts unterstützen, der nach einem Schlaganfall seine Arbeit nicht mehr in vollem Umfang ausüben kann. Aber niemals würde man dort den verdienten Direktor deswegen auswechseln. Malakhov findet das richtig. Es sind Ehrvorstellungen aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Sie wirken ein wenig anachronistisch und sind umso kostbarer. Malakhov, so viel steht fest, liebt und passt nach Japan. Mit siebzehn Jahren, als Bolschoi-Eleve, war er zum ersten Mal dort. Er wird den technisch so hervorragenden Tänzern noch etwas beizubringen haben, Ballerinen-Reife. Aber erst einmal wird ein Abschied getanzt. Shoko Nakamura, schon woanders im Engagement, reist extra an. Alle werden da sein, und Tränen werden fließen. So viel steht fest.

Am Freitag und am Sonnabend jeweils um 19.30 Uhr im Schiller Theater bestreitet Malakhov die letzten Auftritte als Erster Solist seines Staatsballetts in den Tanzstücken „Caravaggio“ und „Tschaikowsky“, Telefon: 34384140