Der Maler Klaus Killisch vor seiner Altarverhüllung in der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche in Prenzlauer Berg.
Foto: Markus Wächter

Berlin-Am Aschermittwoch, so heißt es über die (Kater-)Stimmung nach Karneval, ist alles vorbei. Die Fastenzeit beginnt. Ein bisschen Wehmut herrscht auch in der Paul-Gerhardt-Kirche, dem roten Backsteinbau an der Wisbyer Straße. Aber mit Fasching wie im säkularen Sprachgebrauch der Karneval heißt, hat das nichts zu tun, sondern mit Kunst. Seit zehn Jahren wird zum Beginn der Fastenzeit und der Passion Christi der Altar mit dem „schönsten Mann von Prenzlauer Berg“ verhüllt. Auf dem Andachtsbild schwebt der im Lichterkranz auferstehende Gottessohn. Den hat einst das Gemeindemitglied Gerhard Noack gemalt. Das war 1910, vier Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, da schien alles noch ideal mit dem Glauben ans Gute und Schöne und auch die kirchlichen Dinge waren scheinbar am rechten Fleck.

Seit zehn Jahren lassen Künstler diese Idealgestalt immer von Aschermittwoch bis Ostersonntagmorgen unter einer jeweils stilistisch stets ganz anders gearteten Hülle verschwinden. Die Kirchengemeinde lädt dazu Jahr um Jahr namhafte Maler und Bildhauer ein, so verhüllten etwa schon Sabine Herrmann, Felix Droese  Thomas Florschuetz, Katharina Grosse, Günter Uecker, Lothar Böhme und Ursula Sax den Altar. Bis Ostern wird er dann genutzt zu intensiven Gesprächen über Kunst, Gott und die Welt. Die evangelische Paul-Gerhardt-Kirche wurde damit zu einem geschätzten Ort der Begegnung, weit über den religiösen Kontext hinaus.

Das letzte „Fastentuch“ nach zehn Jahren

Mittwoch ist wieder Aschermittwoch, und es ist diesmal die letzte Verhüllung. Die Gemeinde, die das Projekt Jahr für Jahr auch finanziell ermöglichte, schließt nun mit diesem Dezennium von Kunst & Kirche ab: Es war etwas Besonderes und soll so auch in Erinnerung bleiben, lautet der Schlussakkord. Mit dem letzten „Fastentuch“ beauftragte sie ein Gemeindemitglied, den Maler Klaus Killisch. Er war in den 80er-Jahren einer der expressiven „Jungen Wilden“ in der aufmüpfigen, unangepassten jungen Szene von DDR-Künstlern und Musikern. Und er war seit zehn Jahren der Mitinitiator und Organisator der alljährlichen Aktionen. „War schon herausfordernd, nach all den berühmten Kollegen das Finale zu gestalten“, sagt er bescheiden.

Foto: Die Altarhülle: Glaube, Liebe, Revolution
Markus Wächter

Kunstfreunde aus aller Welt kennen und schätzen seinen Stil: Auf den noch immer emotionalen, auch ketzerischen und gesellschaftskritischen Leinwänden rockt und groovt es; Figuren erscheinen wie aus Sciene-Fiction-Filmen. Der Maler, ausgebildet an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, verbindet Acrylfarben, Öl, Collagen und Langspielplatten seiner Lieblings-Rock-Bands und Punk-Musiker auf großen Leinwänden. So entwickelte er seinen einzigartigen rhythmischen, emotionalen, aber auch differenzierenden Stil. Er übersetzt Bild in Musikalität - und umgekehrt.

Farbspuren als bunter Pop-Nebel

Nun bezieht er sich in der Kirche, in der er vor 45 Jahren konfirmiert wurde, auf das liebliche Altargemälde des Spätnazareners Noack und erzählt: „Als Jugendlicher, der für Punk und Pop schwärmte, dachte ich oft: ,Mein Gott, ist dieser Christus lieblich, kitschig geradezu.‘ Heute denke ich darüber natürlich viel milder und respektvoller gegenüber dem Maler von damals.“

Aber Killisch wäre nicht Killisch, kämen in seinem "Fastentuch" nicht viele Pop- und Punk-Verweise vor. Er vermittelt das schwerlastige biblische Thema von Kreuzigung, bußfertiger, verzichtwilliger Fastenzeit und erlösender, heilsbringender Auferstehung an Ostern als protestantisch unangestrengte, moderne, frische und aufklärerische Collage. Der Jesus auf seinem Bild hat zwar formal das Aussehen des segnenden Gottessohnes wie auf dem historischen Bezugsmotiv. Aber bei ihm fährt ein neonblauer LED-Blitz durchs Bild. Der verfremdete, wie gepixelte Jesus besteht aus Rasterpunkten. Er steht segnend vor einer Architektur, die Tempel wie modernes Hochhaus oder Turm zu Babylon sein kann. Links und rechts verlaufen Farbspuren zu einem bunten Nebel. Blau, Gelb, Rot, die Farben der Avantgarde der Moderne. Und Jesus erscheint in schilfigem Grün - als Farbe der Hoffnung.

Der blaue Blitz oder der zerrissene Tempelvorhang

Zudem steht Killischs Messias auf einem Untergrund von Texten: Da wären mit Lupe zu entziffern: die Bergpredigt, jene Schrift der Philosophen Horkheimer und Adorno über die Dialektik, kapitalismuskritisch ausgerichtet, aber ohne kommunistische Ideologie. Dann entziffert man auch das Kommunistische Manifest, dazu das Manifest der Dadaisten und den Liedtext der Beatles zu „Revolution“.

Der blaue Blitz, der als Leuchtröhre aus dem Baumarkt übers Altarbild fährt, irritiert. Eine Bild-Verstörung. Klaus Killisch erinnert so an jene Stelle in der Heiligen Schrift, die berichtet, dass in jenem Moment, als Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, im Tempel zu Jerusalem der Vorhang zerriss. Dieses Mysterium deutet der Maler ausgerechnet mit dem kalten Licht aus unserer heutigen Welt der Elektronik und des Internets um.

Am Ostersonntag geht das Altarbild zurück in Killischs Atelier. Vielleicht, wünscht er sich, wäre ja mal eine Ausstellung aller Verhüllungen der letzten zehn Jahre möglich. Vorerst nun sind alle Projekte seit 2011 in einem Bildband mit Essays verwirklicht. Der Titel heißt "Passion". Und was Klaus Killisch beisteuert, ist zu verstehen als: Glaube. Liebe. Revolution


Paul-Gerhardt-Kirche, Wisbyer Str. 7, Berlin-Prenzlauer Berg Passionsfeier mit Musik zur Verhüllung am 28. Februar, 18 Uhr, künstlerische Einführung: Christoph Tannert. Im DISTANZ-Verlag erscheint die Publikation PASSION, die das Langzeitprojekt der Altarverhüllungen dokumentiert und die Arbeiten der zehn teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen zeigt. Infos: www.magnetberg.de/passion/