„Runder Tisch“, 1990, Papierarbeit – eine sarkastische Parabel auf die politische Wende.  
Foto: Schloss Biesdorf/R.Paris/VG Bildkunst Bonn 2020

BerlinMalerei vermag Illusionen zu schaffen: Shakespeares König Lear tritt in einem Schloss auf, das im Jahr 2020 die Kommunale Kunstgalerie von Marzahn-Hellersdorf ist, und nur ein paar Schritte weg davon streiten und fetzen sich viele kleine neue Könige und deren Entourage am runden Tisch der deutschen Wiedervereinigung. Die Zeichnung entstand 1990. Ein Ergebnis ist der dramatisch-satirisch zugespitzten Szene nicht abzulesen, auf jeden Fall aber, dass dieses Bildpersonal sich gestritten hat wie die Kesselflicker.

Solche Motive stehen für den Spannungsbogen, den der 1933 in Thüringen geborene, in Berlin bekannt gewordene Maler und Grafiker Ronald Paris seiner retrospektiven Ausstellung im Biesdorfer Schloss gibt. Egal, ob auf Leinwand mit kräftigen Farben oder mit Kohlestift auf Papier. Dieser Ausschnitt seines Lebenswerkes zeigt expressive, oft stark vom Gestus des Zeichnerischen bestimmte Imaginationen zwischen Figur, Porträt und Landschaft, zwischen Realität und Abstraktion.

Für seine Sicht auf die Welt, vor und nach Mauerfall und gesellschaftlichem Umbruch greift dieser Maler, der zu den markanten, freigeistigen Künstlerpersönlichkeiten der DDR zählte, zurück auf antike Gestalten. Er unterzieht Prometheus, Odysseus, Sisyphos, Kassandra, Medea, Ikarus, Iphigenie, Sappho oder eben den von seinen eigenen Töchtern verratenen und um den Thron gebrachten König Lear sehr eigenwilligen künstlerischen Deutungen. Die Figuren, versehen mit rätselhaften, oft fast monströsen Requisiten, agieren in engen Bildräumen und in stürzenden Perspektiven.

Paris wagt angeschnittene Formen und Gestalten, sodass die ganze Szenerie prozesshaft und unabgeschlossen wirkt. Sein „Marsyas“ von 1994 zeigt eine geradezu biblische „Schändung“. Er malte sie nach einer Novelle von Franz Fühmann, aber die ambivalente Metaphorik lässt darauf schließen, dass der Maler das Lebensgefühl von Zeitgenossen darstellte, die sich in der neuen Ära um ihr Lebenswerk gebracht sahen, die nicht mehr gebraucht wurden.

Eine metaphorische Szene wie aus dem Figurentheater Beckmanns: Ronald Paris' Lear, 1984
Foto: Schloss Biesdorf/W. Lücke/R. Paris/VG Bildkunst Bonn 2020

Für Paris, der in den Fünfzigerjahren an der Kunsthochschule Weißensee studierte, Akademie-Meisterschüler bei Otto Nagel war und später an der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale lehrte, sind mythische Gestalten Metaphern, um menschliche Existenzfragen, ethische Themen und Abgründe in den gesellschaftlichen Kontext zur Gegenwart zu stellen. Das allerdings tut Ronald Paris mehr als Augenmensch denn als scharfer Analyst. Früher noch hart und streng modellierte Formen sind längst abgelöst von weicheren, dynamischen. Wild-Romantisches wechselt sich ab mit Melancholie und mit Sinnlichkeit, etwa eines Frauenaktes am Strand oder im Bild „Flamenco, Andalusien“ von 1998, wo der leidenschaftliche Tanz eines Paares zur Inkarnation von Sehnsucht und Lebenslust wird.

Unübersehbar ist seine expressive, von den Brücke-Malern, teils auch den Blaue-Reiter-Expressionisten und von Max Beckmann inspirierte Stilistik. Und die ist inhaltlich geprägt von den Dramen Shakespeares bis zur Dichtung Volker Brauns und Heiner Müllers. Letzteren hat Paris sensibel porträtiert, das Bild hängt an einem zentralen Platz der Ausstellung. Ein Stück weiter Bildnisse von Hanns Eisler, Harry Kupfer und Inge Keller. Für das Bildnis Ernst Buschs als alten müden Mann gab es von Kulturfunktionären der Ulbricht-Regierung heftige Kritik. Eine derart realistische Sicht war im Sozialistischen Realismus nun auch wieder nicht erwünscht. Ronald Paris’ Nähe zum Theater ist unübersehbar, ebenso, wie sehr dieser Maler, der seit Jahren in Rangsdorf bei Berlin wohnt, das Erlebnis Landschaft braucht. In den Reisebildern vom Süden wie den Norden Europas, vom Mittelmeer wie dem Atlantik oder der Ostsee, überwiegen lichtdurchflutete, der Natur abgeschaute Formen. Alles wirkt gelassen, leicht, unpathetisch. Auffällig der Wechsel zwischen Ruhe und Dynamik, Kontrast und Ausgleich der Farben und Linien. Schönheit wird gefeiert, nie aber die Idylle.

Schloss Biesdorf, Galerie, Alt Biesdorf 55, bis 14. August, Mi-Mo 10-18 /Fr 12-21 Uhr. Kuratorin: Gerlinde Förster. Parallel ist die Fotoschau Christine Fenzels „Land in Sonne“ mit Porträts von Berliner Nachwende-Jugendlichen zu sehen.