Das soll ein Wald sein? So ändern sich die Zeiten und Ästhetiken. "Griehn FM - Brecht und die Bäume" im HAU1.
Foto: HAU/Dorothea Tuch

Berlin Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich das so schön holzvertäfelte Hebbel-Theater in ein Pflanzenbiotop verwandelte. Vor zehn Jahren schon ließ Intendant Matthias Lilienthal das Haus mit Grünzeug aller Art bepflanzen, um die damals neu aufkeimenden Urban-gardening-Bewegungen mit all ihren sozialen Verästelungen ins Theater zu holen und den dramaturgischen Überblick in die rhizomatische Untersicht der Pflanzenwelt zu verschieben. Was damals handfeste Arbeit, echtes Blattwerk und schmutzige Erde im Kunstraum bedeutete, braucht heute nur noch eine konsequente Erzählung und eine ausgefeilte Illusionsmaschine und schon verwandeln die Zuschauer in ihren willigen Köpfen das Haus ins „Hebbelwäldchen“.

So ändern sich die Zeiten und Ästhetiken: Materialismus war gestern, das entmaterialisierte, virtuell geölte Gedankenspiel mit Wahrnehmungen und Bildüberlagerungen ist heute. Und so kann man das vergangene Wochenende, an dem gleich zwei malerisch installierte Bilderspiele im HAU Premiere hatten, ein für die gegenwärtige HAU-Ästhetik geradezu exemplarisches nennen. Das Künstlerduo Bairishe Geisha, alias Judith Huber und Eva Löbau, hat sich mit der Schauspielerin Vivien Mahler und den beiden Musikerinnen Christiane Rösinger und Masako Ohta zusammengetan und das große Haus mit einem kindlich verspielten Performance-Musical-Spaß mit dem Titel „Griehn FM – Brecht und die Bäume“ in besagtes „Hebbelwäldchen“ verwandelt. Tatsächlich besteht das Wäldchen nur aus einem Kabelsalat, der aus dem Bühnenhimmel hängt und das Innere eines kaputten Riesenradios darstellt, aus dem die muntere Brecht-Bäume-Sendung wundersam ins Leben schallt – doch dazu später.

Teresa Vittucci und Rob Fordeyn in "Measure for Pleasure" von Benny Vlassens im HAU3. 
Foto: Philip Frowein 

Tags darauf setzt der belgische Schauspieler Benny Claessens im HAU3 diesmal als Autor und Regisseur von „Measure for Pleasure“ seine Recherche zur Sinnlichkeit fort und schafft mit den zwei fantastischen Tänzern Rob Fordeyn und Teresa Vittucci eine Art meditativen Tanz der Körperbilder. Ja, man möchte das so umständlich nennen: Körperbilder. Denn die Körper der beiden meist nackten Performer – Fordeyns knochige Spitzheit und Vittuccis massige Rundheit – werden in langsamen Bewegungsloops wirklich zu Bildern ihrer eigenen Sinnlichkeit. Zunächst schieben sie sich wie gelähmt in und an einem goldenen Bett herum, später werfen sie sich immer grotesker darauf und rutschen darüber.

Natürlich geht es um die Befreiung aus falscher Prüderie, aber die zwei Tänzer entwickeln alles klischeelos und unbeirrt langsam aus ihren sehr eigenen Impulsen. In einem Interieur, das direkt den Bildern Vermeers entnommen sein könnte, verbindet sich der feste Rahmen der Kunstgeschichte mit den fliegenden Videoprojektionen des Hier und Jetzt, wobei unter einem musikalischen Klangbogen vom 16. bis ins 21. Jahrhundert eine Feier der körperlichen Individualität, aber auch der Berührung entsteht. Momente der Qual, Schönheit und Vergänglichkeit, die sich selbst genügen.

Eine schöne Idee, Brechts Baum-Lyrik wiederzuentdecken

Dieses Sichgenügen hat Claessens’ Sinnlichkeitsfeier der Bairishen Geisha voraus, die mit ihrem Brecht-Radio nicht einfach schwelgen, sondern freundliche Gesellschaftskritik versenden will. Auch in ihrer Radioshow wird viel fantasiert, aber alles bleibt abstrakt und symbolisch überblendet – der Kabelwald machts möglich. Überhaupt eine schöne Idee, Brechts Baum-Lyrik wiederzuentdecken, die von dem stolzen Widerstand und der Zartheit der hölzernen Gesellen in dunkler Zeit spricht: von den starken, nährenden, Utopien tragenden Bäumen. Dafür ist die melancholische Christiane Rösinger, die als Radiomoderatorin Waltraud zwischen den Kabel-Lianen durch die Sendung führt, genau die Richtige.

Wenn sie nicht singt, erzählt sie von den „Lebenslandschaften“ Brechts und ihrer drei Gäste, die nie im Studio ankommen, aber in ihren kleinen Pappautos um die Hüften immerhin schon durch die andere Kabelwaldseite auf der Bühne kurven und von dort aus kräftig mitsingen. Eva Löbau erzählt von ihrem neuen Film, in dem sie eine Kiefer spielt und Judith Huber erzählt von sich als Bairishe Geisha. Nett ist das und doch, wenn am Ende alle Geschichten verklungen sind, baumeln die Nummern dieses Kabarett-Abends so unverbindlich nebeneinander, wie die Kabel vom HAU-Bühnenhimmel.

Griehn FM – Brecht und die Bäume, noch einmal am 9.3., 19 Uhr, HAU1, Stresemannstr. 29