Ralf Kerbach: „Beton I“, 2020, Öl auf Leinwand. (Ausschnitt des Gemäldes)
Foto: Galerie Poll/Ralf Kerbach/VG Bildkunst Bonn 2020/Lion Hoffmann

Berlin/Dresden Als der Maler Ralf Kerbach 1982, als 26-Jähriger, seiner Geburtsstadt Dresden und der DDR den Rücken kehrte, dominierte im nachstalinistischen, mit „Weite und Vielfalt“ versehenen Kunstbetrieb des 16-Millionen-Einwohner-Landes ein Arbeiterbild, ein Ideal vom „Neuen Menschen“ das noch bis in die späten 1980er-Jahre von der barock-expressiven Ästhetik des preisgekrönten Staatsmaler-Stars Willi Sitte geprägt war. Das waren allesamt so selbst- wie staatsbewusste, zudem fleischeslustige Durchreißer-Typen, denen keine Unbill im Leben wie im realsozialistischen Arbeitsalltag etwas anhaben konnte und mit denen man sich lieber nicht anlegen sollte. Der mutterwitzige Volksmund machte sich darauf denn auch seinen sarkastischen Vers: „Lieber von der sozialistischen Arbeit gezeichnet, als von Sitte gemalt.“ Dafür kam keiner nach Bautzen, darüber duften sogar Funktionäre lachen.

Kerbach, einst Schüler des Meisterzeichners Gerhard Kettner an der Dresdner Kunsthochschule, lässt nun, zu Beginn der Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts all diese Erinnerungen zurück und widmet sich der Arbeiterfigur von heute. Er fand seine Modelle allerdings nicht in den hochtechnisierten, mit Computer-Produktion ausgestatteten Konzernen, etwa dem VW-Fließband oder in modernisierten mittelständischen Unternehmen, sondern beim schnöden Abbruch und Umbau-Arbeiten seines alten Hauses nahe Dresden. Er malte und zeichnete genau den Typus von Arbeitern, die wirklich malochen und nicht idealisiert als dichtende Werktätige pathetisch den Sonnenaufgang und den Kommunismus als bedürfnislose Gesellschaft  begrüßen oder am Hochofen in Gedanken den Weltraum erobern.

Ralf Kerbach: „Rohrleger“, 2019, Öl auf Leinwand.
Foto: Galerie Poll/Ralf Kerbach/VG Bildkunst Bonn 2020/Lion Hoffmann

Kerbach zeigt seine Arbeitsmänner als Jobber, die mit hartem körperlichem Einsatz eine Dienstleitung für einen privaten Besitzer erbringen und das hat seinen Preis. Keiner der Abbrucharbeiter, der Betongießer, Mauerer, Rohrleger, City Cleaner wird erst durch die Arbeit zum Menschen, schon gar nicht der Schwarzarbeiter und Tagelöhner, die sich frühmorgens auch in den großen Städten wie Berlin, Leipzig oder Dresden an einer verschwiegenen Ecke anstellen für einen Stundenjob.

Zugegeben, Kerbachs Arbeitern eignet etwas Dystopisches. Die Betongießer hängen am Gießschlauch wie Gefangene, fast verfremdet zu ihren eigenen Schatten. Und auch der Rohrleger, auf den ersten Blick ein komisch-lustiger Typ, gleicht einer bunten Gliederpuppe, einer Marionette mit monströsen Handschuhen und altertümlicher Blechkanne, die Arme unbeweglich durch die Rohrersatzteile. Diese erdnahe Arbeit könnte kein noch so ausgeklügeltes Computerprogramm ausführen. Hier geht es noch um völlig bodenständige Verrichtungen, um die Bändigung von GWS (Gas, Wasser, Scheiße). Und wer diesen Mann verärgert, hat ein veritables Problem. Ralf Kerbach hat solche Typen gemalt, um auf den Kontrast und die harte Realität zu verweisen, etwa auf die „efeuumrankte Schattenwelt“ einer Kunsthochschule, in der auch er lehrt.

Galerie Poll, Gipsstr.3 (Mitte), bis 24. Oktober, Di–Sa 12–18 Uhr