Unendliche Weiten: Die Gestirne sollen Macht über uns haben.
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BerlinAuf Wunsch von John Gordon, dem Herausgeber des „Londoner Sunday Express“, sollte der berühmte Astrologe Cheiro zur Geburt von Prinzessin Margaret ein spezielles Horoskop für den blaublütigen Nachwuchs erstellen. Cheiro war jedoch zu beschäftigt, deshalb schrieb sein Mitarbeiter Richard Harold Naylor den Beitrag über die goldene Zukunft der jüngeren Schwester von Prinzessin Elizabeth. Tatsächlich wurden beide sechs Jahre später Königstöchter, nachdem ihr Onkel Edward VIII. auf den Thron verzichtet hatte.

Am 24. August 1930 erschien das erste Zeitungshoroskop der Welt über Margarets rosige Aussichten. Nebenbei sagte Naylor im selben Text auch verschiedene Ereignisse für die kommenden Tage voraus. Die Leser waren begeistert, und schon hatte er seinen nächsten Auftrag. In der darauffolgenden Woche prophezeite er eine Gefahr für die britische Luftfahrt: Noch am Erscheinungstag stürzte das Luftschiff R-101 über Nordfrankreich ab.

Nur das Beste: Das Horoskop Richard Harold Naylors für Prinzessin Margaret.
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So erhielt Naylor ab dem 12. Oktober eine wöchentliche Kolumne und überlegte, wie er die Leser dauerhaft dafür interessieren könnte. Er suchte nach einer vereinfachten Version der Astrologie, ohne komplizierte Planetenpositionen mit Aszendenten und Winkeln. Die Lösung: Er teilte das Horoskop in zwölf Abschnitte ein, je einen für jedes Tierkreiszeichen, in dem die Sonne stand, unabhängig von Tag und Jahr der Geburt.

Streng genommen ist der Name Horoskop in diesem Zusammenhang irreführend. Die griechisch-stämmige Bezeichnung Horoskop besteht aus „hora“ (Stunde) und „skopein“ (sehen, beobachten) und verweist auf das wichtigste Hilfsmittel der Astrologie: die exakte Beschreibung eines Geburtsaugenblicks oder Gründungszeitpunkts mitsamt der hier herrschenden stellaren Anfangsenergien.

Dagegen können Zeitungshoroskope aus astrologischer Sicht gar keine Horoskope sein – in ihrer allgemeinen, unpersönlichen, zeitpunktungenauen Form haben sie schlicht keine Aussagekraft. Aber genau das trug wesentlich zu Naylors Erfolg bei. Seine Vorhersagen hatten den Vorteil, die Massen ohne exakte Berechnung für jeden Einzelnen anzusprechen. Bis dahin war die Bedeutung von Widder, Jungfrau oder Skorpion eher gering, Naylor machte daraus einen überaus erfolgreichen Aspekt der Leser-Blatt-Bindung und avancierte binnen kurzem zum berühmten Astrologen.

Ikonische Einfachheit: Zwölf Sternzeichen benötigt das Zeitungshoroskop.
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Dabei kam ihm die Neigung der Menschen entgegen, vage Aussagen über ihre Person als zutreffende Beschreibungen zu empfinden – in der Psychologie als Barnum-Effekt bekannt. Der Name geht zurück auf den Schausteller P.T. Barnum, der in seinem Zirkus auch „für jeden etwas“ bot. Eben das trifft auch auf die Horoskope der Tageszeitungen zu. Hier finden sich Sätze wie „Lassen Sie sich nicht von kleinen Rückschritten entmutigen, es geht wieder aufwärts“ oder „Nicht zu viel herumsitzen, auf mehr Bewegung achten“. In den Beschreibungen und Tipps erkennen wir uns leicht selbst wieder und merken nicht, dass sie auch auf fast alle anderen Menschen zutreffen können.

Die Astrologie galt über Jahrtausende als genaue Wissenschaft. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und heißt übersetzt Sternenkunde, er setzt sich aus den Wörtern „astron“ (Stern) und „logos“ (Sinn) zusammen. Schon Ägypter, Griechen und Römer wollten mit ihrer Hilfe kommende Ereignisse vorhersagen. Die Planeten am Himmel wurden in ihrem Erscheinungsbild den Göttern gleichgesetzt. Im späten Mittelalter beschäftigten sich sogar berühmte Gelehrte wie Kepler, Kopernikus und Paracelsus mit ihr. Auch Päpste und Könige hegten den Wunsch nach dem Wissen über ihr künftiges Schicksal und wandten sich an Zukunftsdeuter. Dieses Bedürfnis hat sich bis heute nicht verändert.

Wissenschaftlich und logisch betrachtet lässt sich der Erfolg der Astrologie nicht erklären. Laut einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2017 glauben dennoch 47 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer in Deutschland, dass die Sterne manchmal Einfluss auf ihren Lebensweg nehmen. Für Psychologen steht die Astrologie wie andere Bereiche der Esoterik sinnbildlich für die Suche des modernen Menschen nach Antworten. Und wer wirklich an Schutzengel und die Macht der Sterne glaubt, kann unter Umständen sein Leben sogar positiv beeinflussen.

Geheimnisvolle Zeichen: George Washingtons Horoskop.
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Sind Horoskope nun Lebenshilfe oder Humbug? Ein Illusions- und Zirkustrick? Oder eine Art selbst erfüllender Prophezeiung? Für den Rat Deutscher Planetarien ist auf die Deutung der Zukunft aus den Himmelsgestirnen kein Verlass: „Über unser persönliches Schicksal sagen die Sterne nichts aus.“ Zudem ist die den Horoskopen ursprünglich zugrunde liegende Vorstellung vom Aufbau des Universums seit vielen Jahrhunderten überholt – was die Wissenschaftlichkeit doch nachdrücklich infrage stellt.

Gerade das tut dem Erfolg der Zeitungshoroskope keinen Abbruch, viele können sich ihrem Bann nicht entziehen. Die Astrologie als Mischung aus Wissenschaft und Religion bedient das alte Bedürfnis nach Hoffnung auf positive Wendungen im künftigen Leben. Naylors Tierkreiszeichen helfen in vereinfachter Form bei der Suche nach Glück. Muss denn in jedem Fall falsch sein, was glücklich macht?

Der Sinologe Michael Lackner hat sich besonders mit Schicksalsmanagement und Zukunftsdeutung beschäftigt. „Ich denke, die Vorhersage ist wirklich eine menschliche Konstante. Wir machen das heute über Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Die fünf Wirtschaftsweisen liefern ja auch dauernd Prognosen ab. Und die Wissenschaft hat halt auch ihre Grenzen, da sind die Menschen dann wahrscheinlich bedürftig, andere Formen der Annäherung an das eigene Schicksal zu erlangen“, erklärt der Wissenschaftler von der Universität Erlangen.

Millionen von Zeitungslesern sind mit ihren Wünschen nicht allein. Auch Ex-US-Präsident Ronald Reagan ließ sich während seiner Amtszeit von einer Astrologin beraten. Übrigens: Die Zukunft von Prinzessin Margaret wurde nicht so golden wie vorhergesagt. Über ihrem Leben lag stets ein Hauch von Tragik – eine unerfüllte Liebe, später Depressionen, Affären und Alkoholexzesse. Sie starb 2002 nach ihrem vierten Schlaganfall.