Am Ende des Hollywood-Blockbusters „Man of Steel“ kämpfen zwei genau gleich starke Helden gegeneinander. Und das kann dauern! Die boxen sich nämlich nicht nur gegenseitig die nächste Hochhausfassade empor – und lassen dabei keine Fensterscheibe heil –, sondern fliegen gleich zum nächsten Satelliten in die Umlaufbahn – dessen Solarflügel danach natürlich auch geknickt und traurig herabhängen. Die Gesichtsausdrücke dabei sind furchteinflößend in ihrer Entschlossenheit, den anderen zu Klump zu hauen. Wie wird der Kampf zwischen Superman und dem bösen General Zord wohl ausgehen? Wie auch immer: Der Zuschauer bricht als Erster zusammen unter dem schier endlosen Getöse.

„Man of Steel“ ist ein Film von Zack Snyder. Der Mann ist vermutlich der verrückteste Regisseur, der in Hollywood frei herumläuft. Ein begnadeter Handwerker, der über weite Strecken die tollsten Bilder schafft und dann wieder sequenzenlang ohne jede Fantasie agiert; ein gierig am Pop lutschendes Kind, das arglos und schmerzfrei zwischen Kitsch und Faschismus umhertaumelt – was man natürlich in Deutschland empfindlicher wahrnimmt als anderswo. Schöne Filme wie das Romero-Remake „Dawn of the Dead“ oder die Eulen-Animation „Legende der Wächter“ gehen genau so auf Zack Snyders Konto wie der primitive Reißer „300“ oder die mühsame Comic-Adaption „The Watchmen“. Dennoch bleibt auch von seinen fragwürdigsten Filmen immer etwas beim Betrachter hängen: eine infantile Geilheit auf Bilder von Krieg, Kampf und Chaos, deren intensiver Sog die dramaturgischen Gerüste mit sich reißt.

Die gesellschaftlichen Konsequenzen der Superkräfte

So ist das auch bei dieser Superman-Verfilmung. Als vor sieben Jahren Bryan Singers „Superman Returns“ in die Kinos kam, war die Langeweile allgemein, denn verglichen mit den Gestalten, die in den zehn Jahren zuvor das Superhelden-Kino zur Blüte brachten, war dieser Held charakterlich unterkomplex und mit ihm die Geschichte, die über ihn zu erzählen war. An der Story zu „Man of Steel“ hat indes der „Batman“-Regisseur Christopher Nolan mitgeschrieben, und diesen Meister verschlungen-doppelbödiger Plots – von „Following“ über „Prestige“ bis „Inception“ – hat es wohl gereizt, der flachen Gestalt zumindest ein Relief zu geben. Und das geschieht, wie bei „Spiderman“, „Batman“ oder den „X-Men“ auch, durch den Rückgriff auf die Kindheit.

„Man of Steel“ holt weit aus und beginnt auf dem atemberaubend gestalteten Planeten Krypton, der kurz vor dem Auseinanderbrechen steht. Supermans Vater (Russell Crowe) schreibt die Formel für das Überleben der Kryptonier ins Erbgut seines Sohns und schießt ihn dann auf die Erde. Unter dem Namen Clark Kent wächst in Kansas ein hypersensibles Knäblein heran, dass eines Tages aus eigener Kraft den in den Fluss gestürzten Schulbus samt Insassen aus dem Wasser schiebt. Es folgen Männergespräche mit dem Pflegevater (Kevin Costner) darüber, ob es wirklich so klug war, die Superkräfte zur Anwendung zu bringen – man bedenke die gesellschaftlichen Konsequenzen! Tatsächlich beherrscht sich der zum Jüngling Herangewachsene beim nächsten Hurrikan – und muss zusehen, wie sein Pflegevater im Sturm umkommt.

Zerstörungswut mit visueller Leidenschaft

Anders als bei „Spiderman“ spielt das skizzierte Entwicklungsproblem jedoch im weiteren Handlungsverlauf keine allzu große Rolle. Die spektakulären Rettungstaten des zu Beginn unauffälligen Clarke Kent rufen noch die Reporterin Lois Lane (Amy Adams) auf den Plan, die sich von einer Geschichte über den Kerl einen saftigen Karriereschub erhofft. Aber irgendwann ist den bösen Mächten Kryptons, die Clarks DNA die rettende Formel entnehmen wollen, nicht mehr aus dem Verborgenen heraus zu wehren. Und so legt Clark endlich sein Cape an, und Action übernimmt die Herrschaft über den Film – Tempo, Effekte, Krach. Ein Krach übrigens, der sogar die Musik Hans Zimmers oft zu übertönen vermag. Was kein Fehler ist!

Mag sein, dass Zack Snyder seinen Plan hier übererfüllt. Gar zu oft reicht ein Faustschlag, um einen Körper 200 Meter weit und durch mehrere Fenstern und Mauern hindurch zu jagen. Eine Straße nach der anderen wird in kürzester Zeit zum Kriegsschauplatz zusammengeschossen. Doch steht hinter dieser Zerstörungswut eine visuelle Leidenschaft, gegen die etwa Michael Bays Kino à la „Transformers“ nur zynisch kalkuliert wirkt. Denn Snyder setzt gegen die dröhnenden Attacken durch Raumschiffe, durch Außerirdischen-Armeen immer wieder den langsamen Blick in die Vergangenheit des Helden. Idyll und Krieg bilden die Pole dieses so maßlosen wie beeindruckenden Bilderrauschs. Henry Cavill vermag sowohl die heldischen wie die privaten Momente der Titelfigur überzeugend darzustellen, nur gegen die finstere Miene Michael Shannons als General Zord wirkt er zuweilen gesichtslos.

Man of Steel USA 2013. Regie: Zack Snyder, Drehbuch: David S. Goyer, Kamera: Amir Mokri, Darsteller: Henry Cavill, Amy Adams, Michael Shannon, Russell Crowe, Diane Lane, Kevin Costner u. a.; 140 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Im Kino ab Donnerstag, den 20.6.