Er sei „einer der üblichen Verdächtigen“, sagt der Theaterregisseur Jan Bosse über sich. Zweimal, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Gorki-Theater, war er Hausregisseur. Seitdem reist er zwischen den Leuchttürmen der deutschsprachigen Theaterlandschaft hin und her, wohnt aber in Berlin. Bosse gilt als Spezialist für das, was man „Schauspielertheater“ nennt. Die Stars vertrauen ihm, weil er sie glänzen lässt. Mit zwei von ihnen, Ulrich Matthes und Wolfram Koch, hat er im Sommer bei den Bregenzer Festspielen Cervantes’ „Don Quijote“ als Zwei-Personen-Stück für die Bühne adaptiert. Nun kommt der Abend ans Deutsche Theater. Eine Begegnung in Prenzlauer Berg.

Jan Bosse, Sie haben sich mal als „Rollkoffer-Regisseur“ bezeichnet. Tatsächlich haben Sie allein in den letzten zwei Jahren in Wien, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt, Zürich, Berlin und Bregenz inszeniert. Und wer so viel reist, der muss doch zwangsläufig einen gewissen Überblick gewinnen: Wie geht's denn dem Theater?

Ehrlich gesagt ganz gut, glaube ich. Theater ist doch immer in der Krise, aber meistens eher mit sich selbst. Außer vielleicht in Zürich, wo ich wirklich überrascht war, wie schwierig es ist, Publikum ins Haupthaus zu bekommen. Aber auch da tut sich ja jetzt einiges ...

Aber zum Beispiel diese vielzitierte Repräsentationskrise des Theaters, also die Frage, wer da eigentlich noch für wen spielt – bekommen Sie davon nichts mit an den Häusern?

Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie sehr das alles noch die Gesellschaft abbildet, wenn es nur noch geschlossene Zirkel oder Filterblasen sind, in denen die Zuschauer genau das bekommen, was sie erwarten. Oder genau den Skandal, den sie zwar nicht wollen, aber über den sie sich dann aufregen dürfen. Also diese ganzen Selbstbezüglichkeiten. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass das Theater an sich nichts mehr mit der Gesellschaft zu tun hat. Ich glaube, dass die Beteiligten immer wieder um diesen Bezug ringen und auch gar nicht anders können.

Glauben Sie denn, dass das Theater heute noch so etwas wie eine Pflicht gegenüber seinem Publikum hat?

Ich werde durch Subventionen bezahlt. Das ist ein unglaublicher Luxus. Aber dieser Luxus ist auch ein Fluch, weil die Risikobereitschaft sowohl vonseiten der Intendanten als auch der Zuschauer geringer geworden ist. Der Quotendruck ist am Stadttheater unglaublich groß geworden, obwohl es eigentlich gar keinen Druck gibt. Und Pflicht gegenüber dem Publikum heißt für mich vor allem: Man soll nicht langweilen. Theater ist, so fies das klingt, auch Showbusiness. Ich glaube, es sollte in der Kunst immer darum gehen, die Wirklichkeit durch die Mühle der eigenen Wahrnehmung zu drehen und dann Geschichten zu erzählen, die die Welt als veränderbare darstellen. Da bin ich im Kern total brechtianisch. Den Bach runter geht’s doch von ganz alleine. Dagegen zu arbeiten, das ist das Schwere!

Nun sind Sie ja jemand, der dabei noch grundsätzlich an das Theater zu glauben scheint ...

Ja, das stimmt.

... und Don Quijote ist ja auch jemand, der sich gegen die triste, freudlose Wirklichkeit mit den Mitteln der Fantasie und des Rollenspiels auflehnen will. Er steigert sich allerdings in die Lektüre seiner Ritterromane so sehr hinein, dass es psychotische Dimensionen annimmt. Ist das für Sie eine Metapher auf das Theater?

Eine schreckliche Metapher einerseits, ja, weil alles scheitert. Andererseits aber auch toll, denn Don Quijote ist im besten Sinne ein Idealist und Träumer – und das sind glaube ich selbst die routiniertesten Theatermenschen auch. Er ist jemand, der mit seinen verrückten Ideen einfach immer wieder loszieht. Zugleich ist der Stoff wahnsinnig gewalttätig, es herrscht ja Krieg. Vladimir Nabokov, der ein sehr kritischer Cervantes-Leser war, hat sich immer darüber aufgeregt, dass alle diesen Roman so lustig finden – dabei wird in jedem Kapitel mindestens ein Zahn ausgeschlagen. Aber anschließend ist alles wie weggeblasen und Don Quijote macht einfach weiter. Diese Haltung des „Trotzdem“, die finde ich doch bewundernswert. Weiterzumachen, trotz der schrecklichen Lage in Spanien im frühen 17. Jahrhunderts oder Deutschlands im Jahre 2019.

Trotzdem ist ja für Don Quijote die Flucht in die Fantasie ein Ausstieg aus der Wirklichkeit, den er letztlich mit seinem Tod bezahlen muss.

Er liest sich quasi aus der Wirklichkeit raus und findet in der Literatur ihr Gegenmodell. Zusammen mit Sancho Panza bastelt er sich bei uns diese Wirklichkeit neu. Da beschließen also zwei, dass ab heute das ganze langweilige, armselige Leben ein einziges tolles Abenteuer sein soll. Und das ist ein Luxus, der für mich auch wieder mit dem Theater zu tun hat. Eigentlich machen wir doch auch nur hochdotierten Blödsinn, wenn wir Menschen auf die Bühne stellen, die irgendeine Geschichte erzählen und andere sitzen unten und hören sich das an.

Sie haben schon angedeutet, dass sich in Ihrer Inszenierung nach der Bühnenfassung des Romans durch Jakob Nolte das riesige Personal auf zwei Figuren, nämlich Don Quijote und Sancho Panza, reduziert hat.

Ja, und tatsächlich habe ich da manchmal darunter gelitten. Die Idee dazu stammt aus unserem Beckett-Projekt „Endspiel“, das ich vor zwölf Jahren mit Ulrich Matthes und Wolfram Koch am Deutschen Theater gemacht habe. Das war eine sehr beglückende Erfahrung mit zwei nicht ganz unkomplizierten, sehr tollen Schauspielern. Ich fand immer, dass ich diese Konstellation mal wiederholen müsste. Und dann haben wir einen Stoff gesucht.

Also handelt es sich fast um eine Stückentwicklung!

Ja! Ich wollte das auch so anlegen, dass es Projektcharakter haben darf. Und so unterschiedlich Matthes und Koch sind, haben sie sich in der Probenarbeit eher gegenseitig beflügelt. Trotzdem hatte ich dann ein gewisses Verlustgefühl. Denn das eigentlich Spannende am Roman sind für mich die Beschreibungen der Wirklichkeiten. Diese Welt im Umbruch. Ich hatte dann plötzlich das Gefühl, dass es vielleicht eine schlechte Idee sei, das mit nur zwei Leuten zu machen, weil es kein Außen gibt. Und im Theater ist es ja ohnehin total schwer, ein Außen herzustellen. Wir mussten dieses Verlustgefühl also zu einer Qualität machen. Zwei Menschen, die sich eine Welt nach der anderen erfinden. Sie spielen Theater, aber eben auch in der ganzen Beschränktheit von Theater. Immer mit dem Gefühl, dass das alles eigentlich nicht reicht. Es gibt bei uns nicht einmal Pferd und Esel. Aber eben auch keinen Krieg.

Dann sind die Hirngespinste der beiden letztlich harmlos?

Ja, weil sie zugleich Autoren und Protagonisten ihrer eigenen Geschichten sind. Sie wollen diese Deutungshoheit nicht abgeben, keine funktionierenden Rädchen im Getriebe sein. Insofern scheint die Lesesucht Don Quijotes zwar ziemlich unproduktiv, sobald aus ihr aber Aktion wird, bekommt sie eine politische, widerständige Dimension.

Wenn man über sechs Wochen in allen Proben der einzige Partner für einen oder zwei Schauspieler war, ist es dann nicht seltsam, ihn oder sie am Abend der Premiere allein auf die Bühne zu entlassen und selber nicht mehr dabei zu sein?

Ich bin ehrlich gesagt an jedem Premierenabend froh, dass ich meinen Job gewählt habe und nicht Schauspieler bin. Ich kann mich gut verabschieden. Es gibt ja Kollegen, die sitzen dann noch in fast jeder Aufführung und schreiben anschließend kritische E-Mails. Würde ich nie machen. Ich finde es unheimlich wichtig, dass man loslässt, damit das Ganze noch eine andere Freiheit bekommt. Dass man sich da ausprobieren kann. Das geht ja beim Film zum Beispiel überhaupt nicht, wenn man vier Jahre für eine Produktion braucht, in der dann alles drinstecken und perfekt sein muss. Ich mache drei Stücke im Jahr und wenn mal eines davon nicht funktioniert, geht die Welt auch nicht gleich unter. Dann lernt man halt daraus. Da ist das Theater viel flüchtiger. Ich finde aber, das entspricht mehr unserer zerfasernden Wirklichkeit.

„Ohne zu sehen, müsst ihr glauben“, sagt Don Quijote, wenn er mit seinem eigenen Spiegelbild kämpft. Ist das Prinzip des Theaters dann „Obwohl ihr seht, müsst ihr glauben“?

Das Tolle am Theater ist doch, dass ich behaupten kann: Das dort ist keine Windmühle, sondern ein Riese. Und der muss bekämpft werden! Das heißt dann zwar noch immer nicht, dass es wirklich ein Riese ist, aber eben auch keine Windmühle. Es ist aber das schöne Recht eines jeden Zuschauers, zu sagen: Hat mich nicht erreicht. Und das ist die schlimmste Kritik. Da muss man sich jeden Abend neu beweisen und nur dadurch bleibt es auch lebendig. Sonst denkt man irgendwann, man hat’s verstanden. Ich fürchte auch, dass es einige Kollegen im Regiebereich gibt, die meinen, ihr Ding gefunden zu haben, das dann abliefern und sich auch ein bisschen daran aufgeilen, dass einfach zu doof ist, wer’s nicht versteht. Aber dann bedeutet es letztlich gar nichts mehr, welchen Stoff ich da gerade mache. Dann geht es nur noch um Labels. Und Kunst als Label – da stimmt doch irgendwas nicht.