„Die Corona-Krise bedroht den Bestand des Buchhandels. Wir hängen alle am selben Baum.“ Karin Graf im Hof ihres Büros in Charlottenburg.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinVor 25 Jahren gründete Karin Graf in Berlin die Literaturagentur Graf & Graf, und sie betrat damit absolutes Neuland: Management für Buchautoren war in Deutschland seinerzeit mindestens ungewöhnlich, wenn nicht unbekannt. Heute ist Karin Graf „Berlins mächtigste Buchmacherin“ und hätte jeden Grund, sich dafür feiern zu lassen. Aber das Coronavirus hat die für den 15. Mai geplant gewesene Riesengeburtstagsparty in der Berliner Akademie der Künste abgesetzt. Also treffe ich die Literaturagentin an einem Sonntag in den leeren Räumen ihres Büros. Wir sitzen uns bei einem Rhabarberkuchen, von dem Karin Graf erst am Ende des Interviews ein Stück isst, am hölzernen Küchentisch – im gebührenden Sicherheitsabstand – gegenüber. Ich knabbere noch am Rhabarberkuchen, da beginnt Karin Graf:

Ich hoffe, Sie haben sich vorbereitet. Ich bin es nämlich nicht.

Frau Graf, ich bin ganz sicher, dass Sie auf jede meiner Fragen eine Antwort haben. Ich bin einfach nicht schlau genug, auf eine zu kommen, die Sie sprachlos dasitzen lässt.

Eine Freundin erzählte mir, sie mache sich vor einem Interview eine Liste von dem, was sie mitteilen möchte. Ich nahm das bewundernd zur Kenntnis und entschloss mich, das niemals zu tun. Meinen Autoren aber sage ich, genau so sollten sie es machen.

Vor 25 Jahren begannen Sie mit Ihrer Agentur. Hans Magnus Enzensberger und Heiner Müller setzten Sie damals als – wie soll ich sagen – Duft-Lockstoffe ein.

Als Pheromonfalle, meinen Sie?

Ging der Plan auf?

Wie kommen Sie darauf, dass das ein Plan war? Enzensberger war ein Freund, der damals gerade für ein Jahr im Wissenschaftskolleg war und mich netterweise beriet. Mit Müller sprach ich nicht ein Wort über meine Geschäftsideen. Er war mein Chef, denn ich machte Pressearbeit fürs Berliner Ensemble, wo er Intendant war. Enzensberger skizzierte mir auf Rechenpapier so etwas wie einen Business-Plan. Ich hatte damals keine Ahnung, was das war, wozu man das brauchte. Er sagte mir, so und so viel Prozent musst du nehmen. Du brauchst solche Autoren, aber auch solche. Er kannte die Verlegerei sehr gut und war mir eine große Hilfe. Es dauerte allerdings lange, bis ich ihn wirklich verstand.

Gibt es den Zettel noch?

Irgendwo werde ich ihn haben. Die Geburtstagsfeier, die wir am 15. Mai in der Akademie der Künste veranstalten wollten, ist ja ausgefallen. Das ist auch darum schade, weil Enzensberger kommen und eine Rede halten sollte.

Die Feier kann man doch nachholen.

Nein. Was müsste man alles nachholen, was zwischen März und Juli ausgefallen ist? Ich weiß nicht, ab wann die Akademie wieder für Veranstaltungen geöffnet sein wird. Eine große Geburtstagsparty, wie wir sie vorhatten – so etwas wird, bis ein Impfstoff gefunden und verabreicht worden ist, nicht mehr möglich sein.

Sie denken nicht nach über eine abgespeckte Version?

Nein. Vorbei ist vorbei. Jetzt ist wieder die Zukunft dran.

Sie waren heute das erste Mal wieder beim Friseur. Nach wie viel Wochen?

Nach acht. Es war schrecklich. Nur jeder zweite Platz besetzt. Dazwischen Flatterbänder. Alle Friseure mit Mundschutz und Handschuhen. Ich natürlich auch. Es gab nichts zu trinken. Schlimmer noch: Es gab keine Gala und keine Bunte. Udo Walz hatte schlechte Laune.

Als Sie seinerzeit die Agentur gründeten, ging es Ihnen nicht um Enzensberger und Müller?

Nein, natürlich nicht. Das waren auch damals schon etablierte ältere Herren mit festen Verlagen. Diese Autoren waren mit ihren Verlegern eng verbandelt. Die brauchten keine Agenten. Ich interessierte mich für junge deutsche Autorinnen und Autoren, zum Beispiel für Enzensbergers damals allerdings erst neunjährige Tochter Theresia, die mittlerweile erfolgreich an ihrem zweiten Roman arbeitet. Damals wurden die Verlage gerade mal wieder verkauft und zu Imprints größerer Verlage.

Vor ein paar Monaten erklärte mir der Geschäftsführer eines großen deutschen Verlages: Von dem, was Sie Literatur nennen, kann kein Verlag leben. Die wirklichen Bestseller spielen sich in ganz anderen Bereichen ab. Es ist die oft von Frauen für Frauen geschriebene Unterhaltungsliteratur.

Ungefähr so hatte mir das Enzensberger damals erklärt. Er sagte mir damals: Du brauchst mindestens 25 Prozent Unterhaltungsliteratur, sonst kannst du dir das andere nicht leisten.

Es dauerte eine Weile, bis Sie das verstanden?

Die Unterhaltungsliteratur hat sich ja auch geändert. Was früher ein Lore-Roman war, ist heute „Fifty Shades of Grey“. Daneben gibt es nun die Warengruppe „Upmarket commercial“, also relativ leicht konsumierbar, aber sich im oberen Marktsegment bewegend. Das sind Bücher, die sich gut verkaufen, die jedermann und jedefrau gerne liest. Die braucht man wirklich. Von denen lebt der Buchhandel, lebt die Branche, wenigstens was die Belletristik angeht.

Warum kommt ein Autor zu Ihnen?

Aus den verschiedensten Gründen. Mancher kommt, weil eine von uns vertretene Autorin ihm geraten hat, sich an uns zu wenden. Viele kommen, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie nicht gut für sich selbst verhandeln können. Andere, weil sie bei einem Verlag untergebracht werden wollen, der sie ernst nimmt.

Autorinnen und Autoren sind Ich-AGs

Sie leben davon, dass der Mensch keine Ich-AG ist?

Autorinnen und Autoren sind Ich-AGs, aber sie nehmen sich Dienstleister hinzu. Einen Steuerberater, einen Rechtsanwalt oder auch einen Agenten. Für den Agenten ist es leichter, bei Vertragsabschluss zum Beispiel darauf zu dringen, dass das Buch umfangreich beworben wird. Wir achten genau darauf, dass die Verträge eingehalten werden. Autoren vergessen oft schnell, was sie unterschrieben haben. Ich habe noch keinen Autor erlebt, der selbst daran dachte, wann sein Vertrag auslief. Dafür sind wir da.

Wollen Autoren den Agenten auch als ersten Leser?

Bei etwa sechzig Prozent Autoren lese ich gewissermaßen mit. Andere wollen allein und ungestört ihr Manuskript zu Ende bringen, und manche schätzen die Rolle des Agenten so ein, dass sie mir ihr Manuskript erst geben, wenn es „geputzt“ ist.

Es gibt Menschen, die freuen sich über Kritik. Andere wollen nur hören, wie super alles ist.

Die Autorinnen, die mir vor Drucklegung ein Manuskript geben und mich bitten, es aufmerksam zu lesen, wollen Kritik. Die aber, die mir etwas schicken und sagen: Das habe ich jetzt mal so hingeschrieben, schau es dir doch mal an, ob es was ist, die wollen meistens Lob. Einer schrieb mir mal: Ich hatte dich um Feedback gebeten. Nicht um Kritik. Sehr lehrreich!

Wovon lebt eine Agentur?

Wir bekommen 15 Prozent der Erlöse aus den über uns geschlossenen Verträgen.

Sie betreuen, so heißt es auf Ihrer Website, einen Autor von der Idee über das Manuskript bis zur Vermarktung des Buches. Wie geht das vor sich?

Wir vermitteln zu 60 Prozent Belletristik und zu 40 Prozent Sachbücher. Da kommen die Autoren oft mit einem Thema, einer Idee – oder wir, beim Sachbuch Franziska Günther, gehen damit auf sie zu –, aus denen das Exposé entwickelt wird. Der Text, der daraus entsteht, wird von uns betreut, bis er im Verlag untergebracht ist. Letzteres gilt auch für die Belletristik, deren Verfasser meistens mehrere Kapitel oder eine durchgeschriebene Fassung ihres Buches vorlegen, zumindest wenn es sich um ernstzunehmende Schriftsteller handelt. Alle Autoren, nicht nur die Debütanten, werden von uns beraten hinsichtlich der PR für ihre Werke.

Wie viel Autoren vertreten Sie?

Rund 250.

Sie sind zu acht. Da können Sie doch gar nicht so intensiv mit den Autoren arbeiten.

Sie kommen nicht alle gleichzeitig mit anbietungsreifen oder abgeschlossenen Projekten und erscheinen auch nicht alle gleichzeitig. Wir schließen im Schnitt 100 Verträge im Jahr ab. Und die Autoren sind sehr unterschiedlich. Manche legen keinen Wert auf Intensivpflege. Andere wollen, dass wir zusätzlich zum Lektorat alles mit- oder sogar vorab lesen. Außerdem: Wenn ein Autor schreibt, ist er „weg“. Manchmal sehe ich eine Autorin ein halbes Jahr nicht. Sie tauchen alle wieder auf, wenn es um Titel, Cover, Vorschau geht. Dann muss man sich mit den individuellen Wünschen befassen.

Zum Beispiel?

Vor zwei Tagen war ein Autor hier, der möchte einen farbigen Kopfschnitt haben. Lesebändchen sind auch sehr beliebt. Das versuchen wir als Vertreter der Autoren dem Verlag nahezubringen. Wir setzen uns für die Interessen oder Vorlieben der Autoren ein und achten darauf, dass keine wichtige Entscheidung ohne sie getroffen wird.

Manchmal scheitert ein Buch an der Aufmachung.

Das stimmt. Manchmal sind sich alle einig, und es ist doch verkehrt. Allen – Verlag, Autorin, Agent – gefielen einmal ein paar Boxhandschuhe auf dem Umschlag eines Romans. Aber später meldeten die Buchhandlungen: Frauen kaufen keine Bücher mit Boxhandschuhen drauf. Der Buchhandel hat – glücklicherweise, sage ich – nicht das Geld, um bei der Einführung seiner neuen Produkte Marktforschung zu betreiben wie Porsche oder Nestlé.

Eine Agentur steht zwischen Autor und Verlag und hält die Hand auf?

Wollen Sie, dass ich Ihnen erkläre, aus welchem Grunde Dienstleistungen bezahlt werden?

Corona bedroht den Bestand des Buchhandels

Einige Autoren konnten dank der Agentur ihre Einnahmen deutlich erhöhen. Oder war es ein von der Gründung der Agentur ganz unabhängiger Trend? Jetzt sinken ja wieder die Autorenhonorare.

Es gibt auf dem Literatur- wie auf jedem Markt Preisschwankungen. Der Buchmarkt ist abhängig von allgemeinen Trends und Krisen. Der Terroranschlag vom 11. September 2001 verunsicherte auch Verlage, Buchhändler und Leser. Auch das Platzen der Immobilienblase mit dem Bankencrash von 2008 wirkte sich aus, und die Corona-Krise bedroht den Bestand des Buchhandels. Wir hängen alle am selben Baum. Es dauerte lange, bis ich auch das begriff. Ich war ja, als ich die Agentur gründete, keine Geschäftsfrau. Mich interessierte die Literatur, mich interessierten die Autoren. Aber inzwischen lese ich ein Manuskript und stelle mir die Frage, ob man davon fünftausend Exemplare verkaufen könnte. Sehe ich dafür keine Chance, dann mag das ein Buch für Karin Graf sein. Für die Agentur Graf & Graf kommt es nicht infrage.

Zur Literatur gehört in Deutschland der öffentliche Auftritt des Autors.

Lesungen sind ein wichtiges Standbein für die Kundenbindung des Buchhändlers und auch für die finanzielle Existenz des Autors. Dazu kommen die zahlreichen Festivals und Konferenzen. Ich gehe selbst gerne zu Autorenlesungen. Jeder Autor macht das anders. Das ist immer sehr interessant.

Das Sich-Inszenieren gehört zum Autor dazu?

Bei den einen ja. Bei den anderen nicht bewusst. Aber das spielt fast keine Rolle, denn wir Zuschauer und Zuhörer betrachten die Auftritte fast immer als Inszenierung. Auch wer sich nicht inszeniert, tut es doch in unseren Augen. Auch der scheueste Auftritt ist einer.

Gibt es heute mehr gut verkaufte Bücher als früher?

Was heißt früher? Was heißt gut verkauft? Naja, ich weiß schon, was Sie meinen. Mein Eindruck ist: Es gibt eine Reihe sehr gut verkaufter Bücher. Vielleicht mehr als vor dreißig Jahren. Aber in der Mitte ist es eng. Die Bücher mit zwischen dreißig- und siebzigtausend verkauften Exemplare sind seltener geworden. Insgesamt werden heute allerdings viel mehr Bücher verkauft, weil es viel mehr Titel gibt. Es gibt also auch viel mehr, die sich weniger gut bis schlecht verkaufen. Das erschwert unsere Arbeit.

Wann ist eigentlich der Geburtstag der Agentur?

Es gibt keinen. Ich bin ja nicht zur Handelskammer gegangen und habe mein Gewerbe angemeldet. Ich war freie Übersetzerin und habe die Agentur in meinem Arbeitszimmer begonnen. Das war 1995. Heinke Hager – sie ist heute die Geschäftsführerin – half mir. Danach stellten wir einen Buchhalter ein, der unsere Finanzen in Ordnung hielt. Nach fünf Jahren erklärte mir dann der Steuerberater, die Agentur sei zu groß geworden, ich könne sie nicht mehr als Bauchladen betreiben. Da gründeten wir die GmbH und zogen in diese Räume um.

Wer ist Graf & Graf?

Als ich die Idee zur Gründung der Agentur hatte, dachte ich daran, sie zusammen mit meiner Schwester zu machen, die war Fernsehproduzentin. Aber schon bevor es losging, ließen wir von dem Plan ab. Der Name aber gefiel mir, also blieb ich dabei. Und auch bei der Idee, die Film- und Fernsehrechte selbst zu vermarkten. Heute hat die Agentur drei Gesellschafterinnen, neben mir die Geschäftsführerin Heinke Hager, die zusätzlich den Filmbereich verantwortet, und Franziska Günther, die für das Sachbuch zuständig ist.

Sie waren eine sehr bekannte, sehr geschätzte Übersetzerin. Was hat Sie aus diesem Metier vertrieben?

Mir erschien das Übersetzen mit der Zeit als repetitiv. In der Agentur geht es mir nicht so. Vielleicht liegt es daran, dass der Übersetzer vor allem mit Texten zu tun hat. Als Literaturagentin habe ich dagegen genauso stark mit Menschen zu tun. Die sorgen immer für Überraschungen. Hinzu kam damals, dass ich die ganz jungen amerikanischen Autoren nicht mehr übersetzen mochte. Sie bewegten sich in einer Lebenswelt, die mir fremd war. Das dritte war: Ich verkrachte mich mit meinem Hausautor, dem späteren Nobelpreisträger V.S. Naipaul. Böse und bitterlich. Das Tischtuch war zerfetzt.

Vermissen Sie nicht die intensive Arbeit am Text, den Kern des Geschäfts des Übersetzers?

Gelernt ist gelernt. Ich bin geschult darin, Texte auseinanderzunehmen und in ihnen Einzelheiten zu sezieren. Nur zusammensetzen tue ich sie nicht mehr, das muss der Autor tun. Bei der Lektüre eines Romanmanuskripts befasse ich mich nicht nur mit Story, Plot, Konfiguration, Erzählfluss, geschichtlichem Hintergrund, sondern achte durchaus auch auf Modus, Tempus, Perspektive, Register, grammatische und stilistische Fragen. Dazu stelle ich, wenn erforderlich oder erwünscht, Fragen.

Haben Sie das Übersetzen vermisst?

Nein. Seit ich die Agentur habe, habe ich nie wieder etwas übersetzt. Ganz, ganz selten denke ich: Es wäre schön, das zu übersetzen. Es sind dann merkwürdigerweise oft Gedichte.

Das ist doch eine große Erfahrung, dass man auf etwas verzichten kann, das einem einmal so wichtig war.

Das ist wie in der Liebe. Manchmal ist etwas einfach zu Ende. Wenn man Glück hat, behält man es in guter Erinnerung. Das tue ich sehr dankbar; ich erinnere mich liebevoll an jedes Buch, das ich übersetzt habe.

Für die Geschäftsführung haben Sie Heinke Hager.

Wie gesagt: Franziska Günther, die für das Sachbuch zuständige Agentin, Heinke Hager und ich sind Gesellschafterinnen der Graf & Graf GmbH. Um die Geschäftsführung – die Bereiche Finanzen, Personal und alles, was mit der Bewirtschaftung dieses Büros zusammenhängt – kümmert sich mit bewundernswerter Kompetenz Heinke Hager genauso wie um die Filmlizenzen und das Kinder- und Jugendbuch. Meike Herrmann und ich betreuen die belletristischen Autoren.

Auf Ihrer Website sucht man vergeblich nach einer Liste Ihrer Autoren. Wollen Sie mir nicht ein paar Namen nennen?

Wenn Autoren Preise bekommen, eine Stadtschreiberstelle, eine Ehren- oder Gastprofessur usw. teilen wir das auf unserer Website mit. Aber einen Katalog finde ich nicht schön und nun gar erst eine Liste mit ausgewählten Namen – das kommt überhaupt nicht infrage. Und Fotos erst recht nicht. Jede unserer Autorinnen ist uns wichtig und wird von uns individuell betreut. Von den Autoren hat sich übrigens noch niemand beschwert, dass wir sie nicht auf der Website aufzählen.

Sie kennen wahrscheinlich einander.

Oder auch nicht. Manchmal erzählen sie ganz verwundert, dass sie bei einem Gespräch festgestellt haben, dass X und Y auch bei uns sind.

Es wird keinen Run auf Kulturveranstaltungen geben

Wird es nach der Corona-Klausur viele Veranstaltungen geben?

Die Leute wollen wieder mit Leuten zusammenkommen. Da bin ich ganz sicher. Aber ich bezweifle, dass es einen Run auf Kulturveranstaltungen geben wird. Wie sollen die auch funktionieren? Theater und Konzert? Zwei Meter Abstand bei den Musikern? Säle, die nur zu einem Viertel gefüllt sind? Wie soll das gehen?

Was sagen Ihre Autoren?

Die wollen alle Lesungen und Auftritte haben. Sie sitzen ja sonst an ihren Schreibtischen, haben wenig Kontakte zu ihren Lesern. Außerdem sind die Lesungen eine wichtige Einnahmequelle. Die fällt jetzt aus, und es wird dauern, bis der Betrieb wieder losgeht. Einige Autoren haben die Selbstständigen-Unterstützung beantragt und auch bekommen. Aber wenn das noch eine Weile so weitergeht, werden manche je nach Arbeitslage Hartz IV beantragen müssen. Das ist in jeder Hinsicht sehr hart.

Gab es Augenblicke, in denen Sie bedauerten, die Agentur gegründet zu haben?

Es gab bittere Momente. Es kam in den 25 Jahren natürlich zu Auseinandersetzungen mit und auch zu Trennungen von Autorinnen. Es gab Fehlschläge und enttäuschte Hoffnungen. Belastend ist zuweilen das Gefühl, dass man mit der Agentur für eine Reihe von Menschen verantwortlich ist, sowohl für Mitarbeiter als auch für Autoren.

Graf & Graf ist eine Agentur für Romane und Sachbücher. Vertreten Sie auch Drehbuchautoren?

Nein. Wenn Drehbuchautoren einen Roman schreiben oder ein Sachbuch, dann kann uns das interessieren. Heinke Hager verkauft Stoffrechte an Film- und Fernsehproduzenten. Wir haben jedoch entschieden, Drehbuchautoren an sich nicht zu vertreten.

Manche Filme werden ja anschließend zu Büchern gemacht. Haben Sie damit etwas zu tun?

Manchmal. „Das Wunder von Bern“ zum Beispiel, nach dem Film von Sönke Wortmann, war ein sehr erfolgreiches Buch. Die Filmproduktion wollte ein Buch zum Film dazu haben, wandte sich an uns. Wir suchten einen Autor. Wir fanden ihn. Alles klappte hervorragend. Kommerziell lohnen sich Fiktionalisierungen nur, wenn es um wirklich erfolgreiche Filme geht.

Wissen Sie nicht vielleicht zu genau, was geht und was nicht geht?

Was meinen Sie damit?

Fürchten Sie nicht manchmal, das Neue nicht zu sehen, weil Sie so fixiert sind auf das, was Sie erwarten?

Die Angst habe ich nicht. Natürlich weiß ich, dass man sich davor hüten muss, immer nur auf der Hauptstraße zu gehen. Die Seiten- und Nebenwege führen in die Zukunft. Das wissen wir, und das wollen wir. Aber wir wissen auch: Erfolg oder Misserfolg hat man in der Gegenwart. Wir vertreten viele Autorinnen mit einem migrantischen Hintergrund. Die bringen eine andere Lebensgeschichte und oft auch andere Lebensentwürfe mit. Sie erweitern unsere Weltsichten, sie hadern mit ihnen, und sie spielen mit ihnen. Sie werden unsere Literatur in Form und Inhalt verändern. Dann gibt es sowohl in der Belletristik als auch besonders im Sachbuch interessante Quereinsteiger, die durch besondere Erlebnisse und Erfahrungen zum Schreiben gefunden haben.

Johannes Mario Simmel belieferte die Bundesrepublik in den 60er- und 70er-Jahren alljährlich mit einem Bestseller. Immer auch zu gerade aktuellen Themen. Schauen Sie in den Manuskripten auch auf die Aktualität der Themen?

Nach Corona-Romanen habe ich noch nicht geschaut. Aber natürlich ist uns wichtig, dass Bücher, fiktionale und nicht-fiktionale, etwas aussagen über uns, unsere Gesellschaft, unsere Lebensformen.

Klima?

Es gibt viele Romane, die sich damit beschäftigen, zuletzt bei uns beispielsweise John von Düffels „Der brennende See“. Aber bei Romanen halten wir nicht unbedingt danach Ausschau, bei den Sachbüchern ist das natürlich anders. Da überlegen wir durchaus: Wer macht uns ein Buch zu einem Thema, das unserer Gesellschaft unter den Nägeln brennt? Dazu gehören definitiv Klima, Umweltschutz und Nachhaltigkeit.

In dem großen Archivraum auf dem Weg zur Küche stehen die Bücher der von Ihnen vertretenen Autoren. Der Ungar Péter Nádas ist einer von ihnen. Da stehen englische, französische, italienische Ausgaben. Vertreten Sie seine Weltrechte?

Péter Nádas ist, abgesehen von seinen iranischen Kollegen Amir Hassan Cheheltan und Sina Ataeian, der einzige nicht deutsch schreibende Autor, den wir vertreten. Und er ist der Einzige, dessen Weltrechte wir vertreten. Die Agentur Graf & Graf arbeitet grundsätzlich nicht als Sub-Agentur für ausländische Verlage und betreibt keinen internationalen Lizenzhandel, sondern überlässt die Übersetzungsrechte – gegen entsprechendes Entgelt natürlich – den deutschen Verlagen. Da Péter Nádas diese Rechte partout keinem Verlag überlassen wollte, regeln wir das für ihn mithilfe einer der großen internationalen Schweizer Agenturen. Leider lässt uns dieses Gespräch keinen Raum, um über die Publizierung und Rezeption von Autorinnen im internationalen Raum zu sprechen. Die Frage „How does it travel?“ müssen wir ein andermal bereden.

Sie hatten gesagt, Ihnen sei es schwergefallen, die neue amerikanische Literatur der 90er-Jahre zu übersetzen. Eine neue Generation war dabei, sich ein neues Milieu zu schaffen. Gibt es das Problem nicht jetzt wieder? Die Verleger, die Lektoren, mit denen sie lange gearbeitet haben, gehen in Rente. Es kommen neue …

Die Frage ist doch, ob man das Milieu, ob man das Umfeld kennt und sich darin bewegen kann oder sogar wohlfühlt. Auch wenn die Eigentümer-Verleger Mitte der 90er-Jahre aufgaben, so kannte ich doch die Manager, die ihnen folgten, und wenn auch nun die letzte Generation der Lektoren alter Schule abtritt – zuletzt Raimund Fellinger, 40 Jahre bei Suhrkamp, einer der besten Literaturkenner Deutschlands –, so kenne ich doch die Lektoren, die nun nachrücken, manchmal sogar schon seit Studententagen. Das sind fast alles gut ausgebildete, kompetente Leute. Ich kann mich nicht beklagen.

Was machen Sie nach der Agentur?

Es ist das Privileg des Freiberuflers und des Unternehmers, nicht ans Rentenalter gebunden zu sein, und da ich die Zukunft der Agentur in guten Händen weiß, kann ich so lange weitermachen, wie ich dazu in der Lage bin und will und wie die von mir betreuten Autoren es wollen.