Wir sehen eine Savanne in der Dämmerung, leicht hügelig, das trockene Gras halbhoch. Ein afrikanisches Paradies. Junge Burschen, am ganzen Körper weiß bemalt, rennen wie entfesselt. Dann springen sie übermütig ins Wasser. Es ist ein Ritual des Erwachsenwerdens im Stamm der Xhosa in Südafrika. Einer der Burschen ist Nelson Mandela. Die Szenerie aus dem Biopic „Mandela. Der lange Weg zur Freiheit“ ist von poetischem Elan und von packender Symbolkraft. Starke Bilder. Aber geht es so nicht weiter. Der Umstand, dass Nelson Mandela gerade gestorben ist, steht dem Film leider im Wege.

Der Regisseur Justin Chadwick nimmt sich nur in der ersten Szene wirklich Zeit. Sonst findet er kaum einmal den Übergang vom Zeigen zum Erzählen. Eine kurze Gerichtsverhandlung – und aus dem ehrgeizigen jungen Anwalt ist der Bürgerrechtler geworden. Eine Demonstration – und er schließt sich dem ANC an. Ein zorniger Moment über die Gewalt des Apartheid-Regimes – und Mandela wird Terrorist. Eine Andeutung von Unverständnis für das politische Engagement – und die erste Ehe ist geschieden. Ein Augenaufschlag von Winnie Mandela ¬ und er hat seine neue Liebe gefunden. Alles passiert, nichts entwickelt sich. Das geht vielleicht auch gar nicht anders, liefe der Film doch sonst Gefahr, einen der zahlreichen Wendepunkte in Mandelas Leben auszulassen. Einzelne Szenen wirken regelrecht abgeschnitten, so als fürchteten die Filmemacher, sich zu verzetteln. Und dadurch verzetteln sie sich wirklich.

Keine formalen Experimente

Chatwick hat sich entschieden, strikt der Autobiografie seines Protagonisten zu folgen. Er macht keine formalen Experimente, konservativ wird fast drei Stunden lang die Chronologie dieses gewaltigen Lebens abgehandelt. Aber wenn man eine Autobiografie verfilmt, bekommt man eine Autobiografie. Einem Autor, der über sich selbst schreibt, sieht man es nach, wenn ihm die Distanz fehlt. Ein Filmemacher ohne Distanz zu seinem Gegenstand hat seine Mission verfehlt. Chatwicks Mandela ist der Mandela, den man gut zu kennen glaubt, zumal die zahllosen Würdigungen und Nachrufe auf diese Jahrhundertfigur noch frisch im Gedächtnis sind.

Zwei Dinge bewahren diesen Film vor dem Scheitern. Zum einen dieses einzigartig spannende Leben und zum anderen die Darsteller Idris Elba als Nelson Mandela und Naomie Harris als seine Frau Winnie. Große Schauspieler haben sich bereits an der Mandela-Figur versucht: Sidney Poitier („Mandela und de Klerk“), Dennis Haysbert („Godbye Bafana“), Morgan Freeman („Invictus. Unbezwungen“).

Sie alle zeigten den Mandela in einem ganz bestimmten Lebensabschnitt. Elba muss die ganze Spanne abdecken vom Mitdreißiger bis zum 70-Jährigen, vom zornigen jungen Mann bis zum weisen Greis. Und es gelingt ihm gut. So gut jedenfalls, dass man ihn in einer Rolle zu sehen wünscht, die ihn nicht in ein so enges Schema presst. Eine, die er wirklich intensiv gestalten kann.

Noch stärker aber ist Naomie Harris als Winnie. Ihr allein gibt die Regie die nötige Zeit, um zu erzählen, wie aus der viel versprechenden, politisch engagierten jungen Frau die harte Kämpferin wird, die Banden von brutalen, jugendlichen Schlägern im Namen des gefangenen Nelson Mandela demagogisch in den Kampf führt.

Mangel an epischem Potenzial

Besonders deutlich wird der Mangel an epischem Potenzial (Drehbuch von William Nicholson) zum Ende hin, als er die Situationen zeigt, die so entscheidend sind für die Bewertung der Lebensleistung des Nelson Mandela. Das Land steht am Rande des Bürgerkrieges und das gescheiterte Apartheid-Regime sieht sich gezwungen, den charismatischen Führer der Schwarzen im Fernsehen auftreten zu lassen. Mandela hat einen Zettel zugesteckt bekommen. Nicht Frieden, sondern Krieg sei das Gebot der Stunde, steht darauf geschrieben. Er solle das Volk zu den Waffen rufen. Mandela aber antwortet: Frieden. Als Begründung führt er lediglich an: „Ich bin euer Führer. Ich sage, was richtig ist.“ Dass seine Botschaft richtig war, daran gibt es aus der Rückschau keinen Zweifel. Warum er aber in diesem historischen Moment so auf die Massen einwirken konnte, dies hat der Film zuvor nicht befriedigend zu erklären vermocht. Er hat es nicht einmal ernsthaft versucht.

Bedauerlicherweise geht Chatwick Mandelas Leidenschaften nicht auf den Grund, seinen emotionalen Antrieben, seinen Zweifeln, Wandlungen und schon gar nicht seinen Irrtümern. Weil er sich viel zu sehr auf die äußere Biografie beschränkt, kann er letztlich auch die entscheidende Frage nicht beantworten: Was macht einen Menschen so groß? Was macht ihn zu einer Jahrhundertfigur, die sich so deutlich von einem gewöhnlichen Politiker abhebt? Aus Mandelas Leben lässt sich leicht ein Dutzend Filme machen. Es in einen einzigen zu pressen, war offenbar die falsche Entscheidung.

Mandela. Der lange Weg zur Freiheit. GB/US/ZA 2013, Regie: Justin Chadwick, Buch: William Nicholson, Darsteller: Idris Elba, Naomie Harris u.a. 147min., FSK 12.