Als Chika Tsuda das erste Mal eines dieser Mangas sah, war sie schockiert. Die Geschichtslehrerin erinnert sich noch heute genau: „Ich war 13 und blätterte nachmittags durch ein Magazin mit allen möglichen Storys. Plötzlich waren da zwei halbnackte, männliche Charaktere, die sich küssten!“ Damals wusste die heute 41-jährige von Sex kaum etwas. „Und dann noch zwei Jungs!“ Das Heft schlug sie schnell zu. Am nächsten Tag in der Schule sprach sie mit niemandem darüber.

„Mir war es peinlich, das gesehen zu haben“, sagt Chika Tsuda und muss schmunzeln. „Dabei hatten es wohl alle in meiner Klasse gesehen. Wir lasen ja dieselben Hefte.“ Die Geschichte, die die heranwachsende Chika in Verlegenheit gebracht hatte, lief in etwa so ab: Zwei pubertierende Jungs, mit den für die japanische Comicwelt typischen runden Augen und niedlichen Gesichtsformen, spielen Baseball. Aber dann finden sie ihre Körper spannender als Schläger und Ball. Unvermittelt beginnt eine Szene des Berührens. Nackte Haut, Erotik, in natürlicher, unschuldiger Stimmung.

Boys’ Love in jeder guten Buchhandlung

Was vor drei Jahrzehnten noch im Mainstream kaum eine etablierte Bezeichnung kannte, ist heute ein populäres Genre auf dem riesigen Markt für Anime und Manga. BL nennt man es, Abkürzung für den Anglizismus „Boys’ Love“: Jungs oder junge Männer, die sich lieben. Als Pädophilie gilt das Thema schon deshalb nicht, weil die Charaktere gezeichnet sind, ihr Alter oft kaum definiert. Und die Gattung ist in Japan mittlerweile so populär, dass wer einen gut sortierten Buchhandel besucht, immer auch ein Regal mit diesen zwei lateinischen Lettern findet: „BL“.

Wobei dies nicht bedeutet, dass es sich um einen Kulturimport aus dem Westen handelt. Im Gegenteil, dieses urjapanische Genre ist über die letzten Jahre zum Exportschlager geworden. In China, Taiwan und Südkorea erscheinen seit einiger Zeit ähnliche Werke. Der deutsche Verlag Fire Angels spezialisiert sich auf BL-Manga für den deutschsprachigen Raum. Und im popkulturell stark von Japan beeinflussten Thailand wurde zu Beginn der Pandemie die TV-Serie „2gether“ über zwei sich verliebende Teenager derart populär, dass sie mittlerweile auch im japanischen Fernsehen läuft.

Worin liegt die Faszination, wenn männliche Figuren ein erotisches Interesse aneinander entwickeln? Gerade in Japan stellt sich diese Frage. Auf den ersten Blick verspricht das ostasiatische Land nämlich kaum fruchtbaren Boden für die Kommerzialisierbarkeit von Fiktion über Männerliebe. Eine Coming-out-Kultur hat Japan praktisch nicht. Als im vergangenen Sommer die Olympischen Spiele in Tokio stattfanden, traten mehr als queer geoutete Athletinnen und Athleten an denn je zuvor. Unter den rund 200 Sportlern fand sich aber kein einziger japanischer.

„Unsere Gesellschaft würdigt Homosexualität eigentlich nicht“, sagt Chika Tsuda nach Feierabend in ihrer Wohnung im westjapanischen Kobe. Im aufgeräumten Wohnzimmer blickt sie zu einem Bücherregal mit lauter sozialkritischer Literatur und lächelt bitter. „Wir sind eine männerdominierte Gesellschaft.“ Womit sie sagen will: eine Gesellschaft, in der die etablierte Vorstellung von Männlichkeit bis heute klar definiert ist: robuste Kerle, die bis spät abends in einem Betrieb arbeiten und daheim eine Frau haben, die den Haushalt schmeißt.

Wer sich nicht beugt, gilt als Außenseiter

Für Alternativen bleibt in der japanischen Realität kaum Platz. Unter den Industriestaaten der Welt gehört Japan nicht nur zu jenen, die auf dem Arbeitsmarkt und in der Politik am stärksten zwischen Männern und Frauen diskriminieren. Japan ist auch das einzige Land der G7, das gleichgeschlechtliche Ehen nicht anerkennt. Und im Parlament gibt es kaum Parteien, die sich dafür einsetzen. „Douchou atsuryoku“ heißt ein bekanntes Phänomen in Japan. Es übersetzt sich mit Konformitätsdruck. Wer sich nicht beugt, gilt schnell als Außenseiter.

Nur könnten sich die Verhältnisse gerade lockern. „Ich glaube, in diesem traditionellen Bild erkennen sich immer weniger Menschen wieder“, sagt Tsuda und blickt zum Kinderzimmer, wo ihr Sohn, für den gerade die Pubertät beginnt, schon schläft. „Wenn man verschiedenen Bildern von Genderrollen und Männlichkeit ausgesetzt ist, wird man auch offen für mehr Lebensformen“, sagt die Pädagogin. Das fördere Toleranz und mehr Wertschätzung für Diversität.

So wurde Chika Tsuda über die Jahre ihres Aufwachsens zu einer gelegentlichen Leserin von BL-Storys. „Wenn die Geschichten eher romantisch sind und nicht nur sexuell, finde ich sie toll!“ Ihr gefällt die Leidenschaft, die oft in den Geschichten zu spüren sei, und die „Reinheit“: „Wenn Frau und Mann sich verlieben und heiraten, geht es schnell um Geld und soziale Verpflichtungen, Kindererziehung und so weiter. Aber bei homosexueller Liebe ist es pur. Es ist nur die Liebe selbst.“

In Japan ist es nicht überraschend, dass eine Frau wie Chika Tsuda BL konsumiert. Das weiß die Japanologin Katharina Hülsmann, die an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf über die Mangakultur forscht. „Das Publikum besteht vor allem aus Frauen in ihren 20ern, 30ern, 40ern oder sogar 50ern. Ob sie homosexuell sind oder ob homosexuelle Männer zu ihren eigenen erotischen Fantasien zählen, spielt dabei erst mal keine große Rolle“, sagt Hülsmann. „Es wird eine Männlichkeit konstruiert, die weich sein und Schwäche zulassen kann.“

Dabei kann die Kultur um Boys’ Love auch als Reaktion darauf verstanden werden, dass sich so viele der erfolgreichsten Mangas an ein männliches Publikum richteten. „Sie entstand in den 1970er-Jahren aus einer Fanszene, in der sich Leserinnen für die meist maskulinen Protagonisten beliebter Mangageschichten begeisterten“, erklärt Katharina Hülsmann. Während die Originalstorys kaum erotische Inhalte hatten, schufen sich weibliche Fans diesen Raum, indem sie rund um ihre Helden ihre eigenen, liebesbetonten und sexualisierten Handlungen zeichneten.

Romantisch-erotische Geschichten

Frauen kamen in den Geschichten jedoch kaum vor. Teils aus Angst vor einem Konkurrenzgefühl, teils aus Scham vor zur Schau gestellter weiblicher Erotik verzichteten viele Amateurzeichnerinnen auf weibliche Protagonistinnen. So wurden aus den Fantasien begeisterter Fans romantisch-erotische Storys zwischen hübschen Männern. „Wir Leserinnen wissen, dass wir die schönen Helden aus den Geschichten sowieso nicht haben können“, sagt dazu auch Chika Tsuda. „Sie sind ja nur Fiktion. Und wenn man dann zwei solche Protagonisten hat, ist es doch umso besser.“

Anfangs ließ sich das BL-Genre also durchaus als weltfremde Vorstellungswelt konsumieren, ohne dabei an die realen Gesellschaftsverhältnisse zu denken. Aber die Zeiten haben sich geändert. Anruf bei Kadokawa in Tokio, einem der größten Verlage in Japan. „Die klassischen Fanfantasien vermischen sich heute mit der Infragestellung von Genderrollen“, sagt da Yuki Naito, eine junge Frau, die bei Kadokawa für die Veröffentlichung von Mangas zuständig ist. BL hat sie in ihr Programm aufgenommen. Denn das sei mittlerweile automatisch auch Gesellschaftskritik.

Vor vier Jahren wurde die TV-Serie „Ossan’s Love“ landesweit populär. Die Handlung dreht sich um einen Büroangestellten, der sowohl von seinem Vorgesetzten als auch von einem Kollegen begehrt wird. „Da zeigte sich einem großen Publikum, dass Liebe und Herzschmerz nicht nur zwischen Mann und Frau stattfinden“, sagt Yuki Naito. Was eigentlich offensichtlich sei, habe in Japan eben lange Zeit höchstens in Subkulturen Beachtung gefunden.

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Mangas zählen in Asien längst zur Mainstream-Kultur wie hier bei einer internationalen Buchmesse in Thailands Hauptstadt Bangkok.

Ein Jahr nach dem überraschenden Erfolg von „Ossan’s Love“ nahm Yuki Naito die zuvor als Amateurzeichnerin von BL-Comics aktive Autorin Bisco Kida unter Vertrag. Naito mochte den geschwungenen Zeichenstil und das feine Gespür für Fragen nach Männlichkeit und Weiblichkeit, den die 32-jährige Bisco in ihre Arbeiten einbrachte. Ihre Figuren sind oft androgyn Naito. Die Frage, was maskulin sei und was feminin, verschwimmt, wird erst gar nicht offen gestellt.

„Ich will, dass sich die Leute fragen, wie veraltet unsere gängigen Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und Schönheit manchmal sind“, sagt Bisco Kida selbst. Zu einem Gespräch per Zoom hat sie ihr neuestes Werk mitgebracht, das im März erschienen ist: „Hoshizora o mitsumeta sono ato de“ (auf Deutsch: „Nachdem ich den Sternenhimmel anstarrte“). „Das Buch war nicht meine Idee, sondern die von Frau Naito. Sie wollte bei der Frage nach Diversität noch einen Schritt weiter gehen.“

Das Buch handelt vom Starfotografen Tougo und einem Designer im Rollstuhl namens Subaru. An zärtliche Szenen, in denen Tougu Subaru unterm Sternenhimmel aus dem Rollstuhl hebt, reihen sich Sexszenen. Gedankliche Verwirrungen, was es nun bedeutet, einen Mann zu lieben, erfahren die zwei bis dahin nicht schwulen Protagonisten keine. „Damit beschäftigen sich meine Helden nicht“, sagt Kida Bisco und zuckt mit den Schultern. Stattdessen, sagt sie, könnten sich die Leser fragen, ob so Gefühle überhaupt zu Verwirrungen führen sollten.

Prägt die oft progressive Welt der Mangas gerade die in Japan typischen Vorstellungen von Männlichkeit neu? In Kobe denkt Chika Tsuda einen langen Moment nach. „Es stimmt, dass heutzutage jeder schonmal mit BL in Kontakt geraten ist. Aber wirklich gelesen wird es weiterhin fast nur von Frauen.“ Das wiederum könnte indirekt zu Normen führen, die nicht nur in harten Kerlen richtige Männer sehen. „Wenn die Jungs merken, dass auch weiblichere Typen attraktiv sind, kann das schon einen Einfluss haben.“

Dass Männer, die sich nicht wie Machos geben, auch in der Realität populär sind, wurde im vergangenen Jahr bewiesen, als der Eiskunstläufer Yuzuru Hanyu zum bei Frauen beliebtesten Sportler Japans gewählt wurde. Der mehrfache Olympiasieger Hanyu ist derart androgyn und elegant, dass er seinerseits schon als Vorlage für eine beliebte BL-Geschichte diente, die auch als Zeichentrickserie umgesetzt wurde.

Dass erotische Anziehung zwischen Männern einen Schockeffekt ausübt, könnte dagegen zu einem Ding der Vergangenheit werden. Chika Tsuda muss lachen. „Die Serie ‚Ossan’s Love‘ habe ich mit meinem Sohn angesehen. Sexszenen gibt es da zwar nicht, aber die Anziehung zwischen den männlichen Rollen ist unmissverständlich. Und mein Sohn fand das nicht eklig. Er fand die Sendung witzig.“