So viel Schweiß war lange nicht. Nicht so viel derber Sound, nicht diese Mengen an Seifenschleim, nicht solches Kopfrucken und Armeschütteln. Am Gorki Theater wird „Die Bakchen“ von Euripides gespielt, und es ist Krachmacher-Theater in Großbuchstaben.

Der Anfang ist schön. Fünf bärtige Männer und eine Frau in Dreadlocks mit Überlänge thronen an der Rampe. Strenge Blick, tiefes Schweigen. Eine stumme Drohung und ein wortloses Versprechen zugleich. Es könnte alles geschehen. Und es geschieht Gedröhn, laute, knallige Bässe. Dann gut zwanzig Minuten Tanz. Sie keuchen, grinsen, schwitzen. Bis einer sich absondert und nichts mehr zu schaffen haben will mit diesem Gezappel. Das ist Pentheus, der Herrscher von Theben. Und die da hopsen, das sind die Dionysos-Jünger.

Damit hat der Abend in der betont ruppigen Regie von Miloš Lolić seine Dramaturgie gefunden: Hier das Wilde, dort das Wort. Hier Rausch, dort Rationalität. Das mag dem flüchtigen Blick gemäß durchaus zur Vorlage passen. In Euripides’ Tragödie „Die Bakchen“ kommt der Gott Dionysos, gehüllt in Menschengestalt, nach Theben, um sich zu rächen, weil die Thebaner seine Göttlichkeit nicht anerkannten. Die Frauen verfallen in Raserei, Pentheus aber sucht diesen Chaos-Stifter mit Waffengewalt bezwingen. Er will den „Bakchenfrevel“, den „neuen Gott“ Dionysos tilgen, der nichts als „Tollheit stiftet“ und „Wahnsinn lehrt“. Das ist bei Euripides ein tragisches, also tödliches Unterfangen, weil Pentheus die irdische Ordnung zu erhalten trachtet, indem er die göttliche bekämpft.

Miloš Loli hat diese Doppelbödigkeit gekappt. Bei ihm bleibt alles rein vertikaler Streit, ohne Ahnung für jede horizontale Tragik. Sein Abend nach der hervorragenden Übersetzung von Simon Werle heißt entsprechend „Mania“, Raserei: In Konflikt gerät hier das Ekstatische mit dem Nüchternen, das Grenzen- und Gliederlösende mit dem Willen zur Kontrolle. Und sein Dionysos ist folglich kein Gott, sondern „ein Fremder“, dem die falsche Integrationspolitik zuteil wird – das ist dann doch arg schnappatmig gedacht.

Die Inszenierung zwinkert zwar der altehrwürdigen These zu, dass Theater und Dionysos eine heilige Einheit bilden, findet aber nur zu klappernden Gegenüberstellungen, auch wenn Wort und Sound sich mischen, die Silben immer wieder gegen die Musik ankämpfen, und umgekehrt. „Mania“ ist gerade damit keine Tragödie, sondern ein Prinzipienboxkampf ohne Sieger. Darin sind die Darsteller bestens geübt. Till Wonka als Dionysos kann hervorragend Grimm-Blicke aufsetzen und den gesamten Körper in eine Wortschleuder verwandeln. Aleksandar Radenković als Pentheus weiß sich wunderbar zu empören bei gleichzeitiger Gesetztheit. Und wenn sie sich die Sätze an den Hals werfen und an den Hosen oder Haaren zerren, ist alles mit hübscher Vergeblichkeit vollgesogen. Ordnung? Orgie? Es gibt keine Kategorien, keine Ideen, keine Hoffnungen, die irgend haltbar wären oder Halt versprächen. Alles verschwimmt, alles kommt ins Rutschen.

Das soll vermutlich eine gegenwartsnahe Diagnose sein. Und wenn am Ende in dünnen Fäden Seifenschleim aus dem Himmel tropft und alle zu einem einzigen klebrigen Pulk werden, wenn sie hinfallen und keinen sicheren Stand mehr finden, wenn alles mit allem vermanscht ist, soll dies das entsprechende Zeitgeist-Bild sein. Im Hintergrund dreht sich dazu ein riesiger Jeff-Koons-Ballonhund in Glitzersilber: Was Tragödie war, ist zum Tanz ums aufgeblasene Nichts geworden. Nur dass dieses Theater dem nichts hinzuzufügen geschweige denn entgegenzusetzen hat. Es hoppelt eifrig mit. Das jedoch immerhin ordentlich laut.

Mania, 13., 20. 6.2015, Gorki Theater, Kartentelefon: 2022-1115.