Wer in diesen Zeiten vorgibt, Kunst könne etwas bewirken, wird zumeist mitleidvoll belächelt. Während die EU in der Migrationsfrage verzweifelt um Kompromisse ringt, erlebt man an ihrem südlichen Außenposten Sizilien seit jeher die soziale, humanitäre und ökonomische Wirklichkeit dieser alles überragenden Frage in vollem Umfang.

Für genau diese Art Weltwahrnehmung wurde die Wander-Biennale für zeitgenössische Kunst „Manifesta“ erfunden. Seit sie 1996 an den Start ging, war sie in Gent, Murcia, St. Petersburg, Zürich und in Städten abseits der Metropolen des Kunstbetriebs. Nun also Palermo, das sich unter dem Motto „Cultivating Coexistence“ als passendste Metapher anbietet: prachtvoll, porös, stolz, altehrwürdig, heruntergekommen und mafiös.

„Wer in Palermo lebt, ist Palermitaner“

Durch ihre Straßen, Kirchen, Gärten und Paläste verströmt sie noch die Erzählungen vom arabisch-normannischen und spanisch-barocken Erbe. Sie sind Beweis dafür, dass Palermo über die Jahrhunderte von so gut wie allen mediterranen Kulturen schon seit den Phöniziern überrannt und geprägt wurde.Illegale Plattenbauten sind Zeugnis für die politischen Verwerfungen, Ruinen für die Trägheit des Mezzogiorno. Migration gehört zum Stadtbild wie zu dieser Manifesta.

Und während Italien sich düster abschottet gegen die Flüchtenden, pflegt Leoluca Orlando, der Bürgermeister der „nördlichsten Stadt Afrikas“ und Anti-Mafia-Kämpfer, eine Politik der Aufnahme und der Inklusion: „Wir haben keine Migranten“, sagte er zur Eröffnung, „wer in Palermo lebt, ist Palermitaner.“ Das gilt nun auch temporär für die knapp fünfzig Künstler, Vermittler und die vielen Besucher der Kunstschau. So versteht sich diese Manifesta denn auch als „radikal lokal“ und fühlt sich am historischen Kreuzungspunkt vieler Kulturen der Welt.

Der Botanische Garten rückt ins Kunstblickfeld 

Hier waren schon vor Jahrhunderten sogar Pflanzen Einwanderer. Denn die Völker kamen, blieben oder gingen wieder, und haben oft Pflanzen hinterlassen. Rein sizilianisch ist hier kaum etwas, nicht einmal die Zitrusfrucht, die haben die Araber mitgebracht. Friedliche Koexistenz eben.

So macht sich die zwölfte Manifesta jenen „Planetarischen Garten“ zum Leitmotiv, den der französische Gartendesigner und Essayist Gilles Clément 1997 als globale Idee entworfen hat und wo der Menschheit die Aufgabe des Gärtners zufällt.Der beliebte Orto Botanico, der botanische Garten Palermos, ist berühmt für seine Artenvielfalt und rückt nun ins Kunstblickfeld. Jasmin, Hibiskus und Bougainvillea blühen zwischen den Palmen und Ficusbäumen so groß wie Kathedralen. Manche Ideen der Künstler verdampfen in der Schwüle dieses Treibhauses wie die „New Herbs“: Plastikblumen, die der Künstler Alberto Baraya in Rahmen fasste und in die Gewächshäuser hängte.

Würdevoller Verfall der Palazzi 

Die Stars dieser Manifesta aber sind die Palazzi. Oft seit Jahrzehnten verschlossen, sind sie notdürftig durch Gerüste abgestützt, die verblichenen Barockdecken aufgerissen, dahinter klafft ihr Skelett, Fenster sind mit Sackleinen zugehängt. So würdevoll hat man Verfall und Morbidität kaum je gesehen.

Da hat es die Kunst schwer und doch steckt in den Werken einiges an Vitalität. Etwa die moderne Interpretation eines Deckengemäldes im Palazzo Aiutamichristo, das der Holländer Richard Vijgen an die Decke projiziert wie ein rundes Guckloch hinaus in den Himmel. Dank öffentlich zugänglicher Datenströme zeigt sich da in Echtzeit, was sich über unseren Köpfen abspielt: von der chemischen Beschaffenheit der Luft über bewegte Mobilfunk-Datenströme bis hin zu Flugtrassen.

Gotische Säle mit arabischen Wandreliefs

Im gleichen Palazzo zieht sich auch der Muos-Comic des sizilianischen Aktivisten Guglielmo Manenti über eine Wand: Der Kampf gegen Muos, das Mobile User Objective System, ist ein Kampf gegen die amerikanische Bevormundung, die in Sizilien mit der Landung der Alliierten einsetzte. Mit Muos beschäftigt sich in der Forcella de Seta auch das Video, das die Oscar-Preisträgerin Laura Poitras zusammen mit einheimischen Künstlern gemacht hat. In einer langen Kamerafahrt nähern sie sich den gigantischen Parabolantennen, die die US-Streitkräfte zur Steuerung für amerikanische Drohnen in den Korkwäldern von Niscemi versteckt haben. Sizilien ist für die Amerikaner von strategischer Bedeutung für die Kontrolle über den Mittleren Orient.

In diesem maurischen Palazzo, wo auf dem Platz davor sich noch bis vor kurzem konkurrierende Mafiabanden bekämpften, wird ein gotischer Saal mit arabischen Wandreliefs zum Resonanzraum für einen leuchtend riesigen Salzberg: „The Soul of Salt“ der Holländerin Patricia Kaersenhout. Er verweist auf eine Legende, die afrikanischen Sklaven in Übersee Hoffnung gegeben hat: Wer kein Salz isst, wird ganz leicht und kann zurückfliegen nach Afrika.

Menschen aus der Nachbarschaft gewinnen

Im Palazzo Butera, einem langen Palastriegel von 1765 zwischen Meer und Altstadt, den ein Mailänder Sammlerpaar gerade restaurieren lässt, läuft man auf einem Saalboden mit losen Terracottafliesen. Sie haben kleine Dellen, die entstehen, wenn Zitronen auf weiche Erde fallen. Sinnbildlich ist auch das angesichts der vielen Dellen, die diese Stadt durchziehen. Im Raum daneben hat das Künstler-Duo Fallen Fruit einen rosa-grün-türkis-gelben Blumenraum installiert, der wie Balsam auf die Seele wirkt.

Wie nachhaltig das alles ist, lässt sich schwer sagen. Die Menschen aus den Nachbarschaften zu gewinnen, bleibt eine Herausforderung, sagt die Manifesta-Leiterin Hedwig Fijen. Kostenlose Führungen mit den Schulen sollen die Kinder ihren Eltern von der Manifesta erzählen lassen. Im Sommer gibt es am Stadtstrand in Mondello ein Kino, in dem Filme gezeigt werden, die in Palermo spielen.
Die Manifesta soll leicht und spielerisch sein, dass die Menschen aus Palermo, Trapani und Catania kommen. Dann kann Kunst und Kultur auch Wirkung zeigen.