Berlin - Manche Manuskripte sind untrennbar mit dem Selbstverständnis einer Gesellschaft verbunden. Shakespeares Dramen, Voltaires Kampfschriften, Puschkins Gedichte, Goethes „Faust“. Alexander von Humboldts legendäre Tagebücher seiner Südamerika-Reisen aber, über deren Verkauf die Erben derzeit mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verhandeln, wie sie der Berliner Zeitung bestätigten, gelten nicht nur einer, sondern vielen Nationen beiderseits des Atlantiks als geistiges Erbe. Der Präsident der Preußen-Stiftung, Hermann Parzinger, sprach von ihrer „immensen Bedeutung für das nationale Gedächtnis“ Deutschlands.

In Mittel- und Südamerika werden diese Manuskripte verehrt als Teil der von Simon Bolívar gerühmten „zweiten Entdeckung“ durch Humboldt, die Teil der Unabhängigkeitsbewegungen von Spanien und Portugal wurde. In Frankreich gilt Alexander von Humboldt als Franzose, in den USA als einer derjenigen, die die angelsächsische Tradition, Erfahrung höher zu bewerten als Theorie, internationalisiert haben. Die mehr als 3 000 dicht beschriebenen Seiten befinden sich bis heute im Eigentum der Humboldt-Nachfahren: der Familie von Heinz.

Seit 2005 verwahrte sie sie wieder im Humboldt-Schloss in Tegel, lieh sie dem Vernehmen nach aber großzügig für Ausstellungen aus und machte den Zugang für Wissenschaftler leicht. Nach Auskunft der Preußen-Stiftung sind die Humboldt-Manuskripte nicht von der DDR in die Liste national wertvollen Kulturguts eingetragen worden, nach 1990 holte der dann zuständige Berliner Senat dies für die Bundesrepublik nicht nach. Solch ein Eintrag − seit jeher eine in ihrer Wirkung umstrittene Schutzmaßnahme − garantiert nämlich keineswegs den öffentlichen Zugang. Sie verhindert auch nicht den Verkauf von Kulturgütern, nur deren Export.

Viele Interessenten

Solch einer „Teilenteignung“, wie Ulrich von Heinz sie nannte, beugte er vor, indem die Humboldt-Manuskripte ins Ausland gebracht wurden, wohl in die Schweiz oder nach Großbritannien. Er müsse, so von Heinz, an die Zukunft denken, etwa an die weitere Instandhaltung des Humboldt-Schlosses in Tegel. Dass es sich um ein auch legitimes Erbe der Familie handelt, ist unzweifelhaft. Die von Humboldts waren klassischer preußischer Beamtenadel, das Vermögen entstand gutbürgerlich aus eigener Arbeit.

Die Manuskripte sind also eigentumshistorisch nicht vergleichbar mit jenen einst aus Staatseinnahmen bezahlten Hof-Kostbarkeiten, die die einst regierenden Familien Baden, Wettin, Fürstenberg, Welfen, Hessen oder Hohenzollern seit den 1920er-Jahren skandalöserweise immer wieder auf den Markt bringen. Von Heinz verhandelt derzeit „exklusiv“ mit der Preußen-Stiftung. Aber was geschieht, wenn diese Verhandlungen scheitern? Von Heinz will „allein“ an eine „öffentliche Institution“ verkaufen. Sichere Interessenten sind etwa die Nationalbibliotheken und Nationalmuseen in Buenos Aires, Rio, Brasilia, Lima, Mexiko-Stadt, Washington, Paris und London, aber auch private Forschungs-Institutionen wie das Getty Institute in Los Angeles oder die Gates Foundation in Seattle.

Mit aller Kraft

In deren Besitz befindet sich etwa das teuerste Buch der Welt, der Codex Leicester mit Zeichnungen Leonardo da Vincis. 1994 erwarb es Bill Gates für 30,8 Millionen Dollar. Dieser Preisrekord könnte angesichts der national bewegten Konkurrenz um die Humboldt-Manuskripte leicht eingestellt werden. Die Preußen-Stiftung und die Bundesregierung müssen also alle Kraft zusammennehmen. Seit Jahren treiben sie den Kultur- und Bildungs-Kult um die Brüder Humboldt voran. Er ist inzwischen allenfalls mit der Würdigung um Goethe und Schiller zu vergleichen. Aber das Humboldt-Forum im Berliner Schlossnachbau zu eröffnen ohne sein wichtigstes intellektuelles Fundament, die Südamerika-Manuskripte Alexander von Humboldts – das wäre schlichtweg absurd.