Nils Holgerssons Reise mit den Wildgänsen beginnt hier.
Foto: NIkolaus Bernau

MårbackaIm schwedischen Värmland ist der Himmel im Sommer besonders hochgewölbt, blitzt der dunkle, fjordartig schmale, gut 100 Kilometer lange Fryken-See, wenn schnell ziehende Wolken der Sonne eine Lücke öffnen. Kleine falunrote Häuser mit Satteldach, weiß gestrichenen Fensterrahmen und obligaten Johannisbeersträuchern kuscheln sich hinter dichten Büschen gegen den Wind, der über die im Juli noch knallgrünen Wiesen mit brauen Kühen fegt. Ab und zu stehen auch Schafe herum. Bei klarer Sicht sind die Berge Norwegens zu sehen.

Mitten in dieser Idylle, etwas südlich von Sunne, in der Gemeinde Östra Ämtervik, liegt das bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Gut Mårbacka. Man fährt über eng gewundene Landstraßen hin, die die einstige Einsamkeit noch spüren lassen. Weiß strahlt das zweigeschossige Herrenhaus, sattrot die Wirtschaftsgebäude, blumenbunt der gepflegte geometrische Promeniergarten. Hier wurde 1858 Selma Lagerlöf geboren, im alten Haus, das noch bäuerlich-eingeschossig und rot war. In den 1920er-Jahren baute sie es nach Plänen des Reformarchitekten Gustav Clason aus zu einer repräsentativen Anlage, hier starb sie vor 80 Jahren hochgeehrt am 16. März 1940.

Mårbacka kann auch in diesen Corona-Zeiten besichtigt werden, zumal niemand in Schweden auf die Idee kommt, Kinder mitten im Sommer in Klassenzimmer zu zwingen. Manchmal halten die vielen Besucher sogar die schwedischen Abstandsregeln ein. Die Führungen durch das Haus folgen dicht hintereinander, man hört durch die eleganten Holztüren, wie erzählt wird: 1890 musste die Familie das Gut verkaufen, ein traumatischer Verlust. Lagerlöf schrieb dagegen an seit dem 1891 erschienenen „Gösta Berlings Saga“ über einen versoffenen und geläuterten Pfarrer. 

Selma Lagerlöf im Jahr 1909, in dem sie als erste Frau den Literaturnobelpreis bekam. 
Foto: Aron Jonason / Public domain

Ihre Werke gehörten lange zum Kernbestand auch deutscher bürgerlicher Bücherschränke. Immer dabei: „Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildgänsen“. Jenes Buch über einen auf Handspannenlänge verkleinerten frechen Jungen, das Lagerlöf die Finanzen gab, um Mårbacka 1908 zurückzukaufen. In dem Kapitel „Ein kleiner Herrenhof“ setzte sie Nils dafür ein eigenes Denkmal: Sie selbst rettet ihn darin bei einem Besuch des verfallenen Guts vor einer hungrigen Eule, woraufhin er ihr die Abenteuer seiner grandiosen Reise durch Schweden erzählt.

Nils Holgerssons Reise ist oft lustig, manchmal tragisch

1907 erschien der erste, 1909 der zweite Band, 100.000 Exemplare wurden im ersten Jahr nur in Schweden über die Schulausgabe hinaus abgesetzt. Mit dem Geld für den 1909 verliehenen Nobelpreis für Literatur – der erste, der an eine Frau ging – erwarb sie dann auch die Ländereien von Mårbacka zurück, baute einen matriarchalisch geführten Gutsbetrieb alten Stils wieder auf, mit unökonomisch viel Personal, gemischter Wirtschaft, Weihnachtsgeschenken für alle, angemessenen Löhnen, aber auch modernen Angeboten wie einer Hafermehlgrütze, die man bis heute hier kaufen kann. Doch letztlich finanzierte ihr Schreiben den Betrieb des Guts, nicht dessen Erträge.

Schon 1907 publizierte Pauline Klaiber-Gottschau die lange maßgebliche deutsche Ausgabe von Nils Holgersson. Heute wirkt sie neben der 2015 von Thomas Steinfeld veröffentlichten, frisch-klaren Übersetzung (Andere Bibliothek) oft etwas betulich, und wie viele Kinderbuchbearbeitungen oder die allbekannten Zeichentrickfilme verkitschten das Werk schamlos. Dabei ist „Nils Holgersson“ kein niedliches Kinderbuch, sondern ein Schulbuch, das erste in neuer schwedischer Rechtschreibung. Der nationale Lehrerverband hatte es bestellt. Geschichte, Volkskunde, Geografie und Wirtschaft Schwedens sollten darin unterkommen, wilde Landschaften, geordnete Landwirtschaft, selbstbewusste Bauern, moderne Industrie, die neuen Kanäle und Kraftwerke, Dörfer, Schlösser und Klöster. Die Kinder sollten eine neue patriotische Idee erhalten in einer Zeit, in der Norwegen 1905 nach langen Streiten seine Unabhängigkeit erreichte und damit der letzte Rest der einstigen Großmachtrolle verloren ging.

Blick in die Bibliothek
Foto: Mårbackastiftelsen

Nils Holgerssons Reise ist oft lustig, manchmal tragisch, nicht besonders staatstreu oder fromm. Nur der 1907 gestorbene Unionskönig Oskar II. erhält sein Denkmal, wenn er im Freilichtmuseum Skansen über Stockholm als die Stadt aller Schweden schwärmen darf. Er hatte Lagerlöfs Karriere durch Stipendien zum Lauf verholfen, auch den Krieg um Norwegen verhindert. Schweden als Land des Friedens, in dem freie, gleichberechtigte Männer und Frauen über sich selbst bestimmten, fortschrittsfreudig, aber eng mit der Natur und der eigenen bäuerlichen Kulturgeschichte verbunden und moralisch hoch anspruchsvoll: Dafür focht Lagerlöf ähnlich wie die Schriftstellerin Sophie Lakan – mit ihr und Valborg Olander führte sie über zwei Jahrzehnte eine höchst spannungsreiche Dreiecksliebesbeziehung –, wie der Maler Carl Larrson, der Architekt Gustav Clason oder der Volkskundler Arthur Hazelius.

 Selma Lagerlöf betonte die kulturelle Vielfalt Schwedens

Doch während diese das Bild eines kulturell einheitlichen Schweden konstruierten, betonte Lagerlöf gerade die kulturelle Vielfalt des Landes. Sie erzählte von finnischen Einwanderern und der Urbevölkerung der Sami, gab den Gänsen, die Nils durch das Land geleiten, finnische und samische Namen, zeigte das Dänische in Schonen und das Deutsche in Stockholm. Sie schrieb über die immensen sozialen Spannungen der Zeit, die entstehende Industrie- und die zusammenbrechende Bauerngesellschaft. Wie das Gänsemädchen Åsa und ihr Bruder Klein-Mats von Schonen bis in die neuen Eisenerzwerke Lapplands wandern, um dem Vater zu erklären, dass die Familie an der behandelbaren Krankheit Tuberkulose und nicht wegen eines Fluchs gestorben sei, das ist kaum erträglich hart.

Ausgestopfte Wildgans.
Foto: Mårbackastiftelsen

Im Eingangsraum Mårbackas steht unter einem herrlichen Gemälde des wilden Winterwalds eine kräftige ausgestopfte Gans. Sie wurde in den 20er-Jahren von zwei Jungen aus Schonen geschickt, die den Vogel gefunden hatten. Ganz selbstverständlich dachten sie, dass diese Gans die uralte Akka sein muss, die Ziehmutter des Adlers Gorgo, die Schützerin von Nils. Allem voran ficht Lagerlöf nämlich für den Ausgleich zwischen Mensch und Natur. Fast am Ende seiner Reise sagt ihm Akka: „Wenn Du etwas Gutes gelernt hast, Däumling, dann bist du vielleicht jetzt nicht mehr der Ansicht, dass die Menschen allein auf der Welt herrschen sollten.“ Zu schade, dass aus Nils Holgersson kein Schulbuch-Typus wurde.