Es gibt einen Ort, den viele Menschen kennen, der jedoch nicht bei Google Maps verzeichnet ist. Nein, an dieser Stelle folgt kein Bielefeld-Witz. Die Rede ist vom Punkt exakt zwischen der Erleichterung eines Erwachsenen, kein Jugendlicher mehr sein zu müssen, und seiner Wehmut, keiner mehr sein zu dürfen. Für Menschen ab 25 ist dieser Ort ein beliebtes Reiseziel. Manche fühlen sich so wohl dort, dass sie ihn nie wieder verlassen. Andere gönnen sich zumindest alle paar Monate einen Wochenend-Ausflug. Straßen in diesem Ort haben Namen, wie „Deine Probleme möchte ich auch noch mal haben“, „Wir haben damals noch viel schlimmere Sachen gemacht“ und „In dem Alter konnte ich die Nächte noch durchmachen“. Würde der jährliche Deutsche-Post-Glücksatlas die Stimmung der Menschen an diesem Ort messen, so würde er festhalten: „Nicht ganz glücklich damit, dass heute nicht manchmal gestern ist, aber doch froh über das sehr erwachsene Herrschaftswissen, dass gestern eigentlich Quark war. Und überhaupt.“

Was waren wir naiv

Es ist nicht bekannt, ob Autor Marc Degens diesen Ort jemals besucht hat. Recherchen könnten ergeben, dass er gar sein Bürgermeister ist. Der neue Roman des 44-Jährigen jedenfalls dürfte bald zur festen Größe in den örtlichen Lesezirkeln werden. „Fuckin Sushi“ ist eine Coming-of-Age-Story, eine Geschichte des Erwachsenwerdens – oder zumindest des Nichtmehrkindseindürfens –, die beim Leser das perpetuelle Gefühl von „mein Gott, was waren wir naiv“ hervorruft. Es ist ein Ausflug in eine Welt, in der Schulranzen den Status bestimmen und in der Sommerferien nie enden zu scheinen, solang man genug McDonalds-Coupons in der Tasche hat. Grauzonen? Ein Erwachsenenkonzept. Hier sind Schwarz und Weiß noch klar abgesteckt. Jeder weiß: Schule ist nur dazu da, die Fantasie zu töten, und Mädchen mit großer Oberweite sind der Nabel der Welt.

In eben dieser Welt leben Niels, Durchschnittsgymnasiast mit dekorativen Glas-Gummibären neben dem Computer, René, großgewachsener „Germany’s Next Topmodel“-Gucker, Lloyd, Fast-Food-Junkie mit Angst vorm Autofahren und Nino, Punkgöre mit Vorliebe für selbstgedrehte Zigaretten. Ihre Träume für die Zukunft: Weltfrieden, nach der Schule in Rente gehen und eine Band gründen. Und weil das mit dem Weltfrieden nicht ganz so leicht ist, Abhängen nur mäßigen Stoff für einen Roman liefert und der Autor der Geschichte ein Kind der 70er und 80er Jahre ist, tun die Jugendlichen genau das, was man von guten Protagonisten in ihrem Alter erwartet. Sie gründen eine Band. „Fuckin Sushi“ ist geboren.

Spielte die Geschichte der Heranwachsenden in New York oder Los Angeles, sie würde in verrauchte Clubs, durch Nächte am Strand und zu großen Erkenntnissen im Drogenexzess führen. Aber sie spielt in Bonn. Und so führt sie stattdessen in Baumärkte, an Bahnschranken und in die Fußgängerzone von Bad Münstereifel. Erkenntnisse liefert sie dennoch, im Weingummirausch. Über das Leben, Ambitionen und vor allem über Freundschaft.

„Fuckin Sushi“ ist eine Aneinanderreihung von Popkultur-Bezügen, jugendlich-naiven Plattitüden, ausgedehnten Proberaum-Szenen und postpubertären Erste-Welt-Problemen. Das klingt zunächst nervig. Doch es ist genau diese Mischung aus dramatisierter Banalität, purer Freude am simplen Moment, pseudo-intellektuellen Analysen und fast schon unverschämter Naivität, die einen Großteil von Jungsein ausmacht. „Fuckin Sushis“ Jugend ist jedoch nicht die verlorene der Leser über 30. Sie hat sich nicht dem Rock oder Punk-Rock verschrieben. Sie hört Lieder nicht nach Genre, sondern nach Länge – auf Youtube. Oder auch nicht. Denn eigentlich will sie vor allem eins sein: anders als alle erwarten, egal was sie erwarten.

Degens trifft nicht immer den Ton

Degens gelingt es, das Gefühl zu beschwören, dass alles im Leben möglich ist, und den Finger erschreckend genau auf dessen Sollbruchstelle zu legen. Dabei ist es egal, dass er den Ton nicht immer trifft und Sätze, wie „Er glaubte nicht an Gott, dafür an die Ewoks“ weniger Abbild moderner Jugend sind als davon, wie sich Erwachsene eben diese vorstellen. Am Ende bleibt ein wehmütig-erleichterter Leser, der sich ein bisschen mehr Unbeschwertheit im Leben wünscht. Aber nicht zu viel. Die Wahrheit ist schließlich: Erwachsensein ist manchmal ganz schön schwierig. Jungsein allerdings auch.

Der Roman „Fuckin Sushi“ erscheint im DuMont Buchverlag, 320 Seiten, 19,99 Euro.