Bruchstücke einer versehrten Welt fliegen einem förmlich um die Ohren. Bildnisse, von Mensch, Gesellschaft, Landschaft, sind darin eingebrannt – und wuchern erneut unheilvoll daraus hervor. Der solches, mal mit schwärzlich brauner Tusche, mal als dicke Ölfarbengebirge auf Leinwände und Sperrholzplatten setzt, ist ein malender Bildhauer, einer, der formt und zerstört, um erneut zu formen.

Alles ist Ambivalenz zwischen schön und monströs, zwischen heil und deformiert, zwischen zärtlich und brutal, obszön und traurig. In diesen Körpern, Köpfen, Landschaften setzt sich einer mit wenig Gelassenheit auseinander mit dem Bild unserer Zivilisation in einer wirren, verwirrenden Zeit, in der Werte wertlos scheinen.

Der Berliner Marc Gröszer, Jahrgang 1973, hat nach der Steinmetzlehre Bildhauerei an der Kunsthochschule Weißensee studiert. Von der Realität konnte und wollte er sich nie lösen; aus dem Gegebenen holt er sich sein künstlerisches Vokabular.

Dieser heftige Angriff auf die Wirklichkeit, die hehre Kunstgeschichte, die pathosgeladenen Klischees eines Menschenbildes im Sozialistischen Realismus und auch der Errungenschaften einer demokratischen Gesellschaft freilich trifft die meisten im Publikum der Galerie Pankow wohl unvorbereitet. Dieses wollüstig bis ungerührt-sarkastische Durchhäckseln der Vergangenheit und der gegenwärtigen Weltsituation mit ihrem dekadentem Überfluss auf der einen, den Kriegen, der Flucht, Vertreibung, Umweltzerstörung, dem Ende aller Gewissheiten auf der anderen Seite, noch auf das respektlose Vermischen und Verwursten von Populär-und Hochkultur. Man wähnt sich als Betrachter fast im Land der Letzten Dinge.

Von Mittelalter bis Moderne

Zehn Jahre lang hat Gröszer, der sich sonst eher rarmacht, für diese Ausstellung gearbeitet, hat abendländische wie ostasiatischen Malerei-Geschichte vom Mittelalter bis zur Moderne durchforstet, umgepflügt, mit Comic- und horriblen Splatter-Szenen vermengt. Das alles zeigt er nun, zumeist in Petersburger Hängung, eng neben- und übereinander bis unter die Decke.

Marc Gröszer, Berliner, Jahrgang 1973, ist ein Maler-Sohn. Wer wie er von klein auf zwischen den wunderbar massigen, schrillen, aber auch verletzlich-veristischen (Frauen)-Bildnissen seines viel zu früh gestorbenen Vaters Clemens Gröszer gespielt und auf herumliegendes Papier gezeichnet hat, ist schon mit dieser an der Wirklichkeit geschulten, dann ins Extreme zugespitzten Bildsprache aufgewachsen. Aber er musste natürlich auch dagegenhalten, des eigenen Weges wegen, musste sich reiben und absetzten, den ihm gemäßen Ausdruck finden gegenüber der väterlichen Bildkraft. Also wurde der Sohn zunächst Steinmetz, studierte Bildhauerei.

Dann aber zog es ihn doch magisch zur Malerei. Im zurückliegenden Jahrzehnt wurden Gesellschaft, Figuren, Landschaften immer stärker sein Thema auf der Fläche. Nun füllt er mit seinen großen bis nur schulheftgroßen Bildern die Wände der Galerie Pankow, von Sichthöhe bis ganz nach oben.

Wie Himmel und Hölle. Es ist ein exzessiver Auftritt, den man so schnell nicht vergisst: Körper, Köpfe, surreale schaffende oder zerstörende, kämpfende, saufende, raufende, kopulierende, massakrierende Gestalten oder ex- und implodierende, wie fleischfressende und monströs wabernde Landschaften, voller Vorstadtboviste. Mittelalterlicher Mummenschanz wird eins mit splatter-artigen Sciene-Fiction-Szenen: die renaissancehafte Erschaffung der Welt mutiert zum „Planet der Affen“, Jesus mit der Dornenkrone zum Pierrot aus der commedia dell’ arte. Und in Boschs „Garten der Lüste“ wütet Pieter Brueghels „Imker“.

Monströs wuchernde Homunkulus-Gestalten

In seiner Tusche-Serie „Dritte Halbzeit der Moderne“ führt Gröszer das Künstlerdasein als Narr der Gesellschaft vor – als Martyrium, auch böse als lächerliche Situation. Archetypische nackte Riesinnen bedrängen die eine Narrenkappe tragende Künstlergestalt.

In anderen Bildern treten Masken-Gestalten auf, Schützengraben-Untote, Schurken, Mörder, Diebe, irreale Zwischenwesen, Dämonen im Trance. Goyas „Nackte Maya“ quillt als Art-Brut-Gestalt über ein Landschaftsbild, als hätte der Maler kurz mal bei Jean Dubuffet reingeschaut. Die ungeheure Körpermasse stellte er her aus geschliffenem, sandfarbenem Mörtel, links ragt ein Geschützrohr, rechts die Kralle eines Krokodils in die Szene. Was für Menetekel! Arkadien – die große Malersehnsucht der „Berliner Schule“, sieht anders aus.

Ein Motiv mit dem verballhornendem Titel „Allchemie“ drängt einem Assoziationen auf, hin zu Dürerers Apokalypse (nach der Offenbarung des Johannes) und zu Brechts „Sieben Todsünden der Kleinbürger“. Bei Marc Gröszer aber sind die apokalyptischen Reiter monströs wuchernde Homunkulus-Gestalten am Taufbecken und die Todsünde ist eine fette, mit riesigen Zollnägeln dirigierende barbusige Frau. Es herrschen Fleischeslust, Lästerung, ja Krieg auf den Leinwänden, Papierbögen, Holzplatten. Denen sieht man an, dass es Fundstücke sind, keine Bildträger aus dem Künstlerbedarf. Ein Panzer rollt unter blauem Himmel übers Geröll, das Geschützrohr qualmt, wie eine Zigarre.

Am Busen der Krankenschwester

Gröszers Kunst, das ist die Topographie des Körpers in den Zwängen des Alltags. Sein Bildpersonal trägt Rüstungen oder Heiligenscheine aus Tellern und Satellitenschüsseln. Andere haben Stahlhelme auf den Kopf, sind ansonsten aber splitterfasernackt. Wieder andere haben nur Nacht-oder Hospitalhemden an, liegen auf Pritschen, spielen abwesend mit Kugeln, Stricken, Pistolen, hängen an Schläuchen. Verrückt, hilflos, lächerlich sehen sie aus, wie sie da gegen ihr eigenes Spiegelbild zu Felde ziehen oder im Medikamentenrausch vom Riesenbusen der Krankenschwester albträumen.

Das hier ist profaner Alltagskrieg, Beziehungskrieg, Phobien-Terror. Hier tobt eine zivile Krise. Gröszers simple, wüste, spukartige, sexuell aufgeladenen Metaphern sind Reaktionen auf den Zeitgeist und die kranke Gesellschaft. Dieser Maler konstatiert – ohne so zu tun, als wüsste er einen Ausweg