Das Haus am Lützowplatz feiert seinen 50. Geburtstag. Nicht nur das. Denn das in der City-West, an einer verkehrsflankierten Grünzone gelegene Haus – in Blicknähe zum Landwehrkanal, Bauhaus-Archiv und zum CDU-Präsidium – hat auch einen neuen Leiter. Der Kunsthistoriker Marc Wellmann ist kein Unbekannter in der Berliner Kunst- und Institutionen-Szene. Von 2007 bis 2012 verantwortete er ausgesprochen innovativ das künstlerische Programm am Georg-Kolbe-Museum im Berliner Westend. Nun ist er soeben eingezogen ins ein Büro am Lützowplatz und steckt bis zum Hals in der Planung der Ausstellungen, des Programms.

Diese Arbeit, die Nachfolge der engagierten, in den Ruhestand gegangenen Karin Pott, habe ihn gereizt, sagt er. Und man spürt, dass er hier richtig ist. Im September letzten Jahres war die Stelle ausgeschrieben, das habe sich gut gefügt, weil sein Vertrag beim Kolbe-Museum auslief. In Hamburg geboren, ist er in Westberlin aufgewachsen, davon viele Jahre an der Seite seines Ziehvaters, des Berliner Bildhauers Bernhard Heiliger. Ein bisschen sei er mit dem Haus am Lützowplatz sozialisiert worden, erzählt er. Das Programm habe ihn immer interessiert. Das Haus sei schließlich eine wichtige Kultur-Institution in Berlin, zudem mit guten Perspektiven. Zudem findet Wellmann die Lage des Hauses „fantastisch und stadtpolitisch sehr interessant, so unmittelbar im Spannungsfeld zwischen Ost und West.“

1963 wurde das Haus am Lützowplatz von der SPD und der Gewerkschaft als Verein gegründet und als Kulturzentrum eröffnet. Es stand damals für ein „Mäzenatentum der Arbeiterklasse“ zur Förderung zeitgenössischer Kunst, angeregt von Willy Brandt, Günter Grass und dem Gewerkschaftsführer Horst Wagner. Das Besondere an dem Verein aber ist, dass ihm die Immobilie, das großbürgerliche Palais, auch gehört. Das unterscheidet ihn von großen Kunstvereinen wie NBK, NGBK oder Hamburger und Kölner Kunstverein, die auf viele Mitglieder angewiesen sind.

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Das habe dieser Verein nicht nötig, sagt Wellmann, weil die Immobilie seine Einnahmequelle ist und die Räume an die Kulturstiftungen „Trompete“ sehr gut vermietet sind. „Das macht uns unabhängig – und es fühlt sich sehr gut an“, sagt Wellmann, „wir schwimmen zwar nicht im Geld, müssen ein sehr enges Budget verwalten, aber es ist selbst erwirtschaftet.“

Kontinuität als Markenzeichen

In den 50 Jahren seit seiner Gründung gab es nur zwei künstlerische Leiter, dreißig Jahre lang stand Jule Hammer vor und danach über zwanzig Jahre Karin Pott. Das sagt viel über das Haus und seine Kontinuität aus. Hier wechselt – nicht wie an anderen Institutionen – aller paar Jahre die künstlerische Leitung. Auch Wellmann hat sich für unbefristete Zeit verpflichtet. „Ich habe schon vor, hier eine Weile zu bleiben“, betont er.

Nun sei natürlich die Gelegenheit, jeden Stein umzudrehen, an den Strukturen und Arbeitsabläufen und an der wesentlichen Substanz, am Programm nämlich, zu arbeiten. „Es gibt hier Grenzen einer politischen Tradition“, sagt Wellmann. Grenzen haben ihn aber auch in seiner bisherigen Arbeit, im Kolbe-Museum war es die ausschließliche Beschäftigung mit Bildhauerei, nicht gehindert, sich in den Ausstellungen zu entgrenzen. Natierlich werde er das Programm zum einen an der politischen Tradition des Hauses orientieren. Zum andern aber möchte er in ebendieser Tradition einen Realitätsbegriff herauskehren, der sich in einem kritischen Verhältnis zur Wirklichkeit verhält. „Aber ohne daraus gleich einen kritischen Realismus zu machen wie er in den Sechzigern, Siebzigern als Stilbegriff hier am Ort auch stark galt“, erklärt Wellmann mit Blick auf die Geschichte.

Die Ausstellungen und Begleitprogramme sollen unabhängig vom künstlerischen Medium einen Bezug zur gesellschaftlichen Realität haben. Malerei müsse die zentrale Rolle spielen. Diesen Ansatz illustriert die Künstlerin Jen Ray, mit der Wellmann gerade eine Einzelausstellung für den Herbst vorbereitet. Die Malerin aus der New Yorker Off-Szene öffnet in ihren großformatigen Zeichnungen magische, fast surreale Welten. Die Bilder haben einen starken Bezug zur Popkultur, tan gieren den japanischen Manga-Stil und außerdem liest man aus ihnen eine ziemlich entschiedene feministische Botschaft. Wellmann möchte Kunst zeigen, die nicht dem launischen und oft beliebigen Kunstmarkt angepasst ist, sondern sich klar, frei und unbequem mit dem Zustand der Welt von heute befasst. Bei alledem haben, das gefällt Wellmann besonders, hätten Rays Arbeiten auch Humor. Um das zu zeigen, blättert er im Katalog, der gerade druckfrisch auf dem Tisch liegt, weist auf die Abbildungen.

Die gegenwärtige Ausstellung „Streitobjekt Arbeit. Kunstwerke aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus“, kuratiert von Maren Ziese, wurde noch von Wellmanns Vorgängerin zum Jubiläum des Hauses geplant. Zu sehen sind packende Bilder der Arbeitswelt im frühen 20. Jahrhundert, veristische Zeichnungen von Grosz, herbe Drucke der Kollwitz, Arbeiterszenen von Felixmüller, die einen tiefen Einblick in die prekäre, durchindustrialisierte Arbeitswelt der 1920er und 30er Jahre geben.

Für Wellmann ist die Rückschau ein Moment des Übergangs. Was folgt, greift mehr ins Heute.

Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr. Bis 30. Juni