Lachstürme im Kinosaal und wiederholter Szenenapplaus – bei einem deutschen Film  hat man das wohl noch nie erlebt beim Festival in Cannes. Doch Maren Ade macht das Unvorstellbare möglich: Ihre neue Regiearbeit „Toni Erdmann“ wurde an der Croisette von den Kritikern euphorisch gefeiert. Immer wieder brauste während der Vorführung Gelächter auf – wer sich je Sorgen darum gemacht hatte, ob denn deutscher Humor auch international verstanden wird, sah sich hier wunderbar entlastet. Mit dem ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag in Cannes seit dem Jahr 2008 ist auch eine unerwartete Leichtigkeit des Erzählens ins Festivalpalais eingezogen.

Die Geschichte ist weltweit anschlussfähig: „Toni Erdmann“ verhandelt eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung. Der 65-jährige Winfried Conradi ist ein Musiklehrer mit ausgeprägtem Hang zu Scherzen und Rollenspielen. Gleich zu Beginn des Films gibt er sich vor dem Paketboten als sein eigener – in Wahrheit nicht existierender – Bruder aus. Peter Simonischek verkörpert diesen Vertreter einer idealistischen Spaß-Guerilla, der seit langem mit seinem alten Hund zusammen lebt. Nachdem das Tier gestorben ist, macht sich Winfried spontan auf die Reise nach Bukarest, wo seine Tochter als Unternehmensberaterin erfolgreich ist. Mit Scherzgebiss und Sonnenbrille wartet er in der Lobby ihrer Firma auf sie. Doch der unangekündigte Besuch führt erwartbar zu heftigen Konflikten; zudem ist Ines das genaue Gegenteil ihres Vaters: leistungsorientiert, ernsthaft, eher distanziert. Allein schon durch sein mehr als legeres Erscheinungsbild sabotiert der Vater immer wieder die berufliche Respektabilität der Tochter, die bei einem großen Outsourcing Projekt in Rumänien aufsteigen will und sich in einer Männerdomäne behaupten muss.

Was soll lustig sein an einem solchen Vater, der absolut übergriffig ins Leben seiner Tochter eindringt, könnte man nun fragen. Das ist doch eher traurig, und tatsächlich sieht man Ines von einer latenten Schwere verschattet, wenn ihr der Vater nicht gleich peinlich ist. Er will sich so gar nicht einfügen in andere Umgebungen, ihre berechtigten Abgrenzungsversuche ignoriert er. Völlig Gaga sind indes Winfrieds absurde Einfälle, die Simonischek so organisch wie skrupellos ausspielt. So behauptet Winfried auf einem wichtigen Wirtschaftsempfang, zu dem ihn Ines leichtfertigerweise mitnahm, dass er daheim in Deutschland eine Ersatztochter engagiert habe, weil er seine eigene ohnehin kaum sehen würde. Einmal gibt er sich als Business-Coach aus, ein anderes Mal als deutscher Botschafter – jeweils mit anderer Perücke, immer aber im schlecht sitzenden Anzug. Man muss Simonischeks bei aller Massigkeit fast tänzelnde Erscheinung vor Augen haben, um sich den absurden Witz des Ganzen vorstellen zu können.

Zwei Welten prallen aufeinander. Gags und Körperkomik sind so perfekt getimt wie die Auseinandersetzungen; überhaupt besticht der Film durch einen guten dramaturgischen Fluss. Doch es geht um weit mehr: Hier stehen zwei völlig unterschiedliche Lebensmodelle und zwei Generationen gleichermaßen auf dem Prüfstand. Lange scheint das auf Kosten von Ines zu gehen: Karrierefrauen wurden ja schon allzu oft als krankhaft ehrgeizig, notorisch unentspannt und unglücklich kompromittiert, ob nun im Kino oder anderswo. Doch Maren Ade untersucht auch, was Winfrieds ewige Scherze und Grenzübertretungen an Schrecklichem anrichten können, und am Ende sehen wir Ines zwar freier agieren, aber sie bleibt ihren Zielen treu  – sie ist auf dem nächsten Karrieresprung nach Singapur. Sandra Hüller, ausgewiesene Ausnahmeschauspielerin, verleiht ihrer Unternehmensberaterin noch in der Diszipliniertheit unzählige Facetten. Und Hüllers Gesangsnummer im Film – sie interpretiert Whitney Houstons „Greatest Love of All“ – wurde in Cannes frenetisch bejubelt.  Der Saal tobte. Was für ein Erfolg für Sandra Hüller und Peter Simonischek! Die Weltfilmbranche schaut nun auf sie. Was für ein Triumph für Maren Ade und das deutsche Kino! Ja, es kann auch Tragikomödie - und es wird verstanden.

Das Thema Familie habe sie schon länger beschäftigt, sagte die 39-jährige Ade in Cannes. Der Filmtitel  „Toni Erdmann“ meint auch eine von Winfrieds alternativen Identitäten: eine Kunstfigur, ein Konstrukt, das die Entfremdung zeitweise überbrücken hilft. Überhaupt geht es in diesem Film um die Rollen, die man im Leben ausfüllen will oder muss. „Ein menschlicher, wahnsinnig komischer Triumph“, schreibt das US-Branchenblatt Variety am 14. Mai. „Ein kleines Wunder“, bekennt der britische Guardian. Wie einen frischen Wind hat Maren Ade ihren Film in die Konkurrenz von Cannes geschickt. Nun scheint alles möglich, sogar ein Hauptpreis in Cannes.