Den Friedhofsengeln misstraut die Erzählerin.
Foto: C.Hardt/Future Image

Hagar stirbt, und in diesem Leben wird sie nicht mehr aus ihrer Haut können. Ihr ist das erste bewusst, aber auch das zweite. Nicht nur steckt sie während ihrer letzten Tage in einem Krankenhausbett fest, auf jede Spritze wartend, die ihr Linderung bringt. 90 Jahre lang steckte sie in einem Wesen und Charakter fest, die sie das Unbarmherzige, Verletzende, Kleinherzige, oft das Böse sagen ließen. Manchmal zerriss es sie fast zwischen „Ich hätte ihm gern gesagt ...“ und „Kaum hatte ich es ausgesprochen, tut es mir auch schon wieder leid“. Manchmal ist sie wie aus Stein, ein Engel ist sie nicht.

Die Kanadierin Margaret Laurence war 38, als 1964 ihr Roman „Der steinerne Engel“ erschien, über eine 90-Jährige, die sich an ihr Leben erinnert. In Monika Baarks Neuübersetzung (die erste deutsche Übertragung gab es schon 1965) wird nichts bemäntelt, ist Hagar Shipleys Stimme fest, bitter. Was ihr einmal rausgerutscht ist, das nimmt sie nicht zurück. Und immer sind die anderen schuld. 

Bloß nicht ins Heim!

Den steinernen Engel, den Hagars Vater aufrichten lässt am Grab seiner Frau – sie war ihm doch nur eine „Zuchtstute“, denkt die Tochter und womöglich hat sie recht –, natürlich ist die Statue gemeint als Symbol für diese starrsinnige, bis tief ins Innere erstarrte Frau. Aber Margaret Laurence hat keine Figur erschaffen, die man als Hexe in eine Geisterbahn hängen könnte: In Hagar fließt allemal Blut. Doch Stolz und Kälte hat sie um sich gewickelt, Jahr um Jahr. Als sie begreift, dass ihr Mann ein Nichtsnutz ist, gewalttätig dazu. Und eine besonders dicke Schicht, als ihr Sohn John verunglückt, leichtsinnig und betrunken. Sie hat ihn mehr geliebt als Marvin, der sich nun, zusammen mit seiner Frau, um sie kümmert.

Die beiden gehen ihr schrecklich auf die Nerven, aber um keinen Preis würde Hagar ins Heim wollen. Es macht diesen Roman verblüffend modern, wie er mit den Augen einer alten, vergesslichen Frau erzählt von den Zumutungen des körperlichen Verfalls, der Herablassung der Jungen, der künstlichen Freundlichkeit der Profis, etwa des Pastors, von der Schwiegertochter bestellt. Eine Zumutung, seine vorgestanzten Sätze vom langen und erfüllten Leben. Immerhin ist das ein Spaß, den Hagar noch zustande bringt, den sie sich gönnt: den Pfarrer zu verschrecken durch ihre scharfe Zunge.

Sie ist stinkwütend über das Schwinden des Lichts. Sie kämpft bis zuletzt, steigt in den Bus, fährt ans Meer. Diese Flucht ist nun keineswegs der Beginn einer sentimentalen Abschiedsgeschichte, wie man sie aus dem Kino kennt. Das Leben ist eine verdammte Zumutung, und Hagar Shipley lässt es sich nicht nehmen, das auszusprechen.

Margaret Laurence: Der steinerne Engel. Roman. A. d. Engl. v. Monika Baark. Eisele. 336 S., 22 Euro.