Hollywoods letzte große Party: Kino, Koks und Körperflüssigkeiten in „Babylon“

Damien Chazelle zelebriert das Leben in der Traumfabrik als Ritt zwischen Himmel und Hölle. War’s das jetzt mit Hollywood?

Margot Robbie als aufstrebender Stummfilmstar auf einer Hollywood-Party
Margot Robbie als aufstrebender Stummfilmstar auf einer Hollywood-PartyParamount Pictures

Spätestens nach einer Dreiviertelstunde kann man eigentlich nicht mehr, doch dann geht es erst richtig los. Im überlangen Auftakt zu Damien Chazelles dreistündigem Hollywood-Epos defäkiert ein Elefant auf einen Arbeiter, uriniert eine Frau auf einen reichen Fettwanst, dann beginnt die Party. Vielleicht ist die Garbo da, man munkelt es, wahrscheinlich hätte man sie nicht bemerkt, zwischen all den halb und ganz nackten Menschen, die auf der Tanzfläche zucken, manche im Takt der Musik, andere im Rausch der Kopulation oder als Held im ganz eigenen Kopfkino, projiziert mithilfe verschiedener Substanzen, die kiloweise in einer eigens für sie vorgesehen Vorratskammer warten. Es fliegen Vögel, Konfetti, Fäuste und Stühle, die Bläser auf der Bühne ducken sich und peitschen weiter.

Wer hier feiert, lebt von Träumen, ganz Hollywood ist da und solche, die dazugehören wollen. Der mexikanische Einwanderer Manny  (Diego Calva), weil er glaubt, dass man am Set Teil von etwas Großem wird, für ihn sind Filme wichtiger als das Leben. Die Partycrasherin mit dem Künstlernamen Nellie LaRoy applaudiert ihm für diesen Gedanken, sie selbst allerdings muss zum Film, weil sie dafür geboren ist. „Man wird kein Star. Entweder man ist einer oder nicht“, erklärt die arbeitslose junge Frau, bevor sie die zweite Portion Koks reinschnieft. Manny ist schockverliebt. Als die Feier und Chazelles Vorspiel zu Ende gehen, sind beide ihrem vermeintlichen Glück ein Stück nähergekommen.

Manny assistiert am nächsten Tag einem der größten Filmstars, den die Traumfabrik im Jahr 1926 zu bieten hat. Jack Conrad (Brad Pitt) steht mal wieder für einen Kostümschinken vor der Kamera, was ihn dazu bewegt, sich vor der alles entscheidenden Szene besinnungslos zu saufen („Die Europäer haben Bauhaus und wir haben Kostümfilme!“). Nellie soll in einer kleinen Rolle auf dem Tresen tanzen und wird dank ihres Schauspieltalents („eine Träne, oder lieber zwei?“) sogleich zur Muse der Regisseurin.

Traum- und Albtraumfabrik liegen nah beieinander

Während Damien Chazelle seine Arbeitsstätte Hollywood in „La La Land“ noch gnadenlos, wenn auch zur Verzückung eines großen Publikums und der Oscar Academy, die ihm als Dank zur Ehrung sechs Oscars hinterherwarf, in bunten Schmalz tauchte, zeigt er in „Babylon“ wie nah Traum- und Albtraumfabrik zusammenliegen. Er erzählt das in einer besonders heißen Phase des Umbruchs, dem Übergang vom Stumm- zum Tonfilm.

„Tonfilm ist Kitsch“, „Tonfilm ist Einseitigkeit“ und „Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord“ warnte in Deutschland 1930 der Deutsche Musikerverband. Und nicht nur dort fürchtete man arbeitslose Musiker, geschlossene Kinos und Filme, die nur noch abgefilmte Theatervorführungen waren. Auch in Hollywood krempelte die neue Tontechnik die Produktionsabläufe komplett um, und noch mehr als sonst wurde das Personal vor und hinter der Kamera im fliegenden Wechsel ausgetauscht. Die Stimmung kochte, und das nicht nur, weil in den Studios keine Klimaanlagen mehr laufen durften – zu laut!

Bei der Arbeit zum nächsten großen Kostümfilm: Lukas Haas, Brad Pitt und Filmemacher Spike Jonze, der in „Babylon“ einen deutschen Regisseur spielt.
Bei der Arbeit zum nächsten großen Kostümfilm: Lukas Haas, Brad Pitt und Filmemacher Spike Jonze, der in „Babylon“ einen deutschen Regisseur spielt.Paramount Pictures

Auch für Nellie LaRoy, die schnell zum beliebtesten Stummfilmstar ihrer Zeit aufgestiegen ist, bedeutet der Ton den Untergang. Text lernen, auf Markierungen und Mikros achten, ist ihre Sache nicht. Am Set spielt plötzlich keine Musik mehr und niemand ruft Regieanweisungen, oder Aufmunterungen in Richtung Schauspieler – wie Zinnsoldaten werden sie dort platziert, wo es für Kamera und Ton am besten ist, dürfen weder zu laut noch zu leise sprechen, geschweige denn improvisieren. Während Nellie in der Stummfilmära mit ihrer furchtlosen Derbheit noch für Begeisterung sorgte, muss sie ihre Herkunft aus armen Verhältnissen plötzlich verbergen. Aussprache und Garderobe gehören akkurat, nicht nur beim Dreh. Je realistischer die filmische Abbildung wird, desto weniger Exzess findet auch drumherum statt – stattdessen weicht er in buchstäblich tiefere Gefilde von Hollywood ab, wo er Formen des Grauens annimmt, die nur in der Unterwelt wuchern können. Ein paar Hundert Meter höher werden auf Filmpartys plötzlich Canapés gereicht und saubere Witze erzählt.

Hollywood liegt im Sterben, doch das Kino lebt

Sowohl Nellie als auch Jack Corman können nicht fassen, was da gerade passiert. Voller Liebe lässt Chazelle den alten Leinwandstar eines nachts auf eine Szene blicken, die ihn an alte Zeiten erinnert: Mitten in der Wüste rasen Menschen wie kopflose Hühner durcheinander. Manche sacken plötzlich zusammen, andere schrotten ihre Autos, einer hat eine Klapperschlange am Hals baumeln. Kann all das denn wirklich vorbei sein?

Doch anders als in „La La Land“ verliert sich Chazelle diesmal nicht in der Nostalgie. Er nutzt sie als Instrument, um Sympathie für seine gefallenen Helden zu wecken und für eine Zeit der Ekstase, die nicht nur erklärten Feinden einer vermeintlichen Cancel Culture Herzchen in die Augen treibt. Mit Pitt und Robbie hat er dafür zwei der vielleicht letzten großen Kinostars versammelt, die diesen Status hier noch mal mit aller Kraft zementieren. Dass im alten Hollywood aber auch Ausbeutung, Sexismus und Rassismus grassierten, egal wie viel Glitzer man darüber streute, dass man für Profit über Leichen ging und Aufstieg eher selten etwas mit Arbeit zu tun hatte, schwingt bei „Babylon“ immer mit. Unvergesslich bleibt die Szene, in der der schwarze, aber für die Szene nicht ausreichend dunkle Musiker Sidney Palmer (Jovan Adepo), der zunächst vom Tonfilm profitiert, auf eine Dose Kohle starrt, die der Regisseur ihm mit aufforderndem Blick in die Hand drückt.

„Babylon“ kommt zu einer Zeit, die ebenfalls von Umbrüchen geprägt ist, technischen und gesellschaftlichen, auch für Hollywood. Dass Chazelle am Ende positiv in diese Zukunft blickt, überrascht nicht. All die Opfer und ihr Leid der drei vorausgegangenen Stunden rechnet er mit dem Kino auf, das daraus hervorgegangen ist. Ob es dafür jenseits von Hollywood und seinen Liebhabern noch ein großes Publikum gibt? In den USA war der Film mit seinem Budget von knapp 90 Millionen Dollar einer der größten finanziellen Flops des vergangenen Jahres. Die Menschen wollten lieber „Avatar“ sehen, der am Ende von „Babylon“ tatsächlich auch vorkommt. Insofern hatte Chazelle wohl den richtigen Riecher. Das Kino lebt noch, auch wenn Hollywood im Sterben liegt. Einen spektakuläreren Leichenschmaus als Babylon wird es wohl nicht mehr geben.

Babylon – Im Rausch der Ekstase. Spielfilm, 189 Minuten, Regie: Damien Chazelle, ab 18. Januar im Kino