Der Moderator Jimmy Kimmel spricht während der Verleihung der 72. Emmy Awards mit den Schauspielerinnen Lisa Kudrow, Jennifer Aniston und Courteney Cox , die per Videoschalte auf einem Monitor zu sehen sind. 
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Dass die 72. Verleihung der Emmy Awards denkwürdig werden würde, stand schon im Vorfeld fest. Der wichtigste Fernsehpreis der Welt ist die erste Großveranstaltung in der Unterhaltungsbranche, die in COVID-19-Zeiten über die Bühne gebracht werden musste. Moderator Jimmy Kimmel stand in der Nacht auf Montag allein vor leeren Rängen im Staples Center in Los Angeles auf der Bühne, nur hin und wieder von Distanz haltenden Gästen wie Jennifer Aniston flankiert, die die Gewinnerinnen und Gewinner verkündeten, die per Videotelefonat zugeschaltet waren aus ihren Wohn- oder Hotelzimmern, teilweise flankiert von Freunden und Familie. Eine kuriose, dreistündige Show war das, verantwortet von Reginald Hudlin, dem ersten schwarzen Produzenten der Emmy-Geschichte.

Denkwürdig war der Abend auch aus deutscher Sicht, denn in der Kategorie Beste Regie/Miniserie wurde Maria Schrader für „Unorthodox“ ausgezeichnet. Sie setzte sich mit ihrer Bestseller-Adaption über eine orthodoxe Jüdin gegen „Little Fires Everywhere“ oder „Watchmen“ durch. Schraders Auszeichnung blieb am Ende  einer von nur zwei Emmys für Netflix. Abräumer mit elf Preisen war der Pay-TV-Sender HBO.

Als Beste Dramaserie wurde „Succession“ geehrt, die Geschichte eines Medienmoguls und seiner Familie. Dazu kamen Preise für Regie, Drehbuch und Hauptdarsteller Jeremy Strong. Auch die neben Schrader zweite große Überraschungsgewinnerin  entstammt einer HBO-Produktion: Als jüngste Siegerin aller Zeiten in dieser Kategorie setzte sich als Beste Hauptdarstellerin/Drama die 24-jährige Zendaya für die kontrovers besprochene Teenage-Serie „Euphoria“ gegen Konkurrentinnen wie Aniston („The Morning Show“), Laura Linney („Ozark“) oder Olivia Colman („The Crown“) durch.

Dass die hinter den Emmys stehende, rund 25.000 Mitglieder starke Academy of Television Arts & Scienes in ihrem Geschmack  jünger, internationaler und diverser wird, ist nicht zu  übersehen. Nicht nur gab es so viele Schwarze Nominierte wie nie zu vor, auch die Auszeichnung von „Watchmen“ als Beste Miniserie zeigte, dass man den Finger am Puls der Zeit hat. Die herausragende Comic-Verfilmung setzt sich mit Rassismus in der US-Gesellschaft auseinander.

Politik wurde  groß geschrieben, etwa überreichten systemrelevante Beschäftigte Preise. Viele Ausgezeichnete nutzen ihre Rede als Aufruf, im November zu Wahl zu gehen – oder bekundeten Solidarität mit der Black Lives Matter-Bewegung. 

Sogar der  Durchmarsch von „Schitt’s Creek“ im Comedy-Bereich hat politische Aspekte. Die kanadische Produktion über eine verwöhnte reiche Familie, die sich plötzlich mit zwei heruntergekommenen Motelzimmern begnügen muss, ist eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten der letzten Jahre, zunächst kaum wahrgenommen und mit der finalen sechsten in sämtlichen Emmy-Kategorien erfolgreich. Vom Vater-Sohn-Gespann Eugene und Dan Levy  konzipiert ist sie zwar alles andere als eine realistische Auseinandersetzung mit dem Alltag. Doch als Feier einer Welt ohne Rassismus und Homophobie kann man sie als Kommentar auf unsere Zeit verstehen.