Begleitet wird Helmut in „Marianengraben“ von der Hündin Judy, die mit einer Karotte im Maul nur rückwärts laufen kann.
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BerlinAls Jasmin Schreiber Kaspar fragt, wie sich das Ärmchen seines kleinen Bruders Leon anfühlt, antwortet der Fünfjährige: „Wie eine Bockwurst.“ Leon ist tot, ein Sternenkind. Jasmin Schreiber, geboren 1988, arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und ist dabei, als die Familie von Leon Abschied nimmt. Nachlesen kann man diese Stunden auf ihrem Blog „Sterben Üben“. So geht es nach der Wurst-Antwort weiter: „Alle lachen, es war, als hätte Leon einen bösen Geist aus dem Raum vertrieben.“

Liest man sich durch Schreibers wahre Geschichten, begreift man, warum ihr Debüt „Marianengraben“, dieser Roman über einen Trauerprozess und eine wunderliche Freundschaft, randvoll mit bizarren Szenen, schrägen Charakteren, neurotischen Tieren und kabarettistischen Dialogen, nie wie eine überdrehte Story daherkommt. Sondern wie das Sterben selbst. Weil das Sterben genauso viele Gesichter hat wie das Leben, traurige, schöne und ja, auch komische.

Ein Zehnjähriger ertrinkt

„Trauern ist kompliziert“, sagt Paula, die Ich-Erzählerin an einer Stelle, da hat sie es schon ein gutes Stück aus dem tiefsten Dunkel Richtung Meeresspiegel geschafft. 2230 steht über dem Kapitel. 11000 über dem ersten. 11000 Meter tief ist der Marianengraben, „würde man den Mount Everest hineinwerfen, versänke er spurlos darin“. Paulas Bruder Tim, den sie im Buch direkt anspricht, war verrückt nach dem Meer und seinen Bewohnern. Ein versessener Forscher, Frager und Bescheidwisser. Einer, der jedes neue Wissen mit einem „krass!“ oder „megakrass!“ begrüßt. Als er zehn ist, ertrinkt er.

Das Buch

Jasmin Schreiber: Marianengraben. Roman. Eichborn, Köln 2020.
254 S., 20 Euro.

Seitdem sind für Paula „elftausend Meter unter Wasser (…) gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.“ Bis sie Helmut trifft. Die Begegnung auf dem nächtlichen Friedhof, wo die menschenscheu gewordene Paula Tims Grab zum ersten Mal besucht und Helmut die Urne seiner Lebensgefährtin Helga ausgräbt, führen zu einer Wohnmobiltour, und die Reisegesellschaft könnte kaum kurioser sein.

Helmut, ein alter Mann mit „Kükenflaumhaaren“ und sprödem Naturell, hat einen ausgeprägten Ordnungssinn. Als er kurz vor der Abfahrt einen toten Kater vor seiner Terrassentür erblickt, findet er das nicht traurig, sondern „extrem unhöflich, dass sich der Kater ausgerechnet seinen Garten zu Sterben ausgesucht hatte (...) Wo kämen wir denn hin, wenn jeder dort stürbe, wo es ihm gerade in den Kram passt?“ Helmut will seine Helga in den Bergen verstreuen, dort, wo er herkommt. Dort, wohin er mit ihr fahren wollte. Versprochen ist versprochen.

Unterwegs mit Huhn und Hund

Begleitet wird Helmut von der Hündin Judy, die mit einer Karotte im Maul nur rückwärts laufen kann. Und recht bald fährt noch ein Huhn mit, welches die alternativplanlos mitreisende Paula von der Straße aufliest. Es hat ein gebrochenes Bein. Paula nennt das Huhn Lutz, was für Helmut gar nicht geht. Das Bein schient er trotzdem. Über lustigen Szenen wie dieser vergisst man seitenweise, warum Paula keinen Lebensplan mehr hat. Wie tief der Marianengraben ist.

Helmut und Paula werden unbeholfen Vertraute und die Gespräche, die sie führen über die Monster Trauer, Schuld und Einsamkeit, aber auch Paulas monologische Versuche, die Bodenlosigkeit dieser 11000 Meter in Worte zu fassen, schnüren die eben noch vor Lachen bebende Brust zu, als befände man sich selbst zu lange unter Wasser: „Der Gedanke daran, dass du einfach so verlöscht und in die Dunkelheit getaucht bist, entsetzt mich bis heute. Wie soll ich nur damit umgehen?“ Als sich Paula diese Frage stellt, ist Tim zwei Jahre tot. Die Antwort findet sie nach und nach mit Helmut, ausgerechnet mit diesem Kauz, der ihr zu Anfang des Buches aus Versehen die halbe Helga über den Kopf gestreut hat, indem er die Urne zu hastig öffnete.

Die Angst erschafft Monster

Wegen der Großzügigkeit, mit der diese beiden Einsamen die Schrullen des jeweils anderen akzeptieren und ja, liebgewinnen, und wegen des Halts, den sie einander geben, geht man ungeheuer getröstet aus dieser Lektüre hervor. Man wurde an etwas erinnert: Weder Trauer, Schuld und Einsamkeit noch der Tod selbst sind Monster. Dazu werden sie erst in der Angst – über sie zu sprechen, zu heulen, zu lachen.

In ihrem Blog schreibt Jasmin Schreiber, dass auch sie Angst vor dem Tod habe. Doch die sei für sie gerade der Grund, sich „intensiver mit dem Sterben auseinanderzusetzen. Schließlich sterbe ich auch irgendwann und alle Menschen, die ich kenne (…) Umso besser, wenn man vorbereitet ist, oder?“ Selten war die Vorbereitung auf etwas Schwerwiegendes so leicht wie mit diesem Roman.