Rosamund Pike als Marie Curie in einer Szene des Films "Marie Curie - Elemente des Lebens".
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BerlinDas erste Gespräch zwischen Marie Skłodowska (Rosamund Pike) und ihrem späteren Kollegen und Ehemann Pierre Curie (Sam Riley) verläuft alles andere als romantisch. Während Loïe Fuller auf der Bühne eines Pariser Etablissements ihren berühmten Schleiertanz aufführt, machen sich die beiden Physiker trockene Komplimente für ihre wissenschaftliche Arbeit. Eine gewisse Anziehung ist zwar da, aber Pierres Annäherungsversuch ist zu ungelenk und Maries Reaktion darauf zu abweisend, um den Funken überspringen zu lassen.

Eigentlich zeigt diese im Jahr 1894 angesiedelte Szene aus „Marie Curie – Elemente des Lebens“ das Aufeinandertreffen zweier großer Persönlichkeiten, deren wegweisende Erforschung der Radioaktivität in die Geschichtsbücher eingehen wird. Die Besonderheit des Films ist jedoch, dass er diese Begegnung als holprigen Small Talk zweier Nerds inszeniert, die nur in ihrer Arbeit wirklich aufgehen.

Basierend auf einer Graphic Novel von Lauren Redniss erzählt die iranisch-französische Comiczeichnerin und Regisseurin Marjane Satrapi den Werdegang von Marie Curie als Liebesgeschichte mit Anlaufschwierigkeiten. Gelungen ist diese dramatische Zuspitzung immer dann, wenn sie um die Spannung zwischen Vernunft und Gefühl kreist. So genial die Curies als Wissenschaftler sind, so überfordert sind sie von allem Zwischenmenschlichen. Pierre hatte bisher vermutlich noch nie Sex und die notorisch rationale Marie steht ihren Gefühlen grundsätzlich misstrauisch gegenüber. Der Weg zum Ruhm und zum vorübergehenden Eheglück ist in „Elemente des Lebens“ nur möglich, weil es Marie schließlich gelingt, sich zu öffnen: der Teamarbeit im Labor ebenso wie der Liebe.

Trailer zu „Marie Curie – Elemente des Lebens“.

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Bemerkenswert an „Elemente des Lebens“ ist, dass er seine Hauptfigur nicht um jeden Preis zum Rolemodel stilisieren will. Als Pionierin in einem männerdominierten Wissenschafstbetrieb und zweifache Nobelpreisträgerin hat Curie zwar durchaus Vorbildfunktion, aber Satrapi porträtiert sie nicht in erster Linie als liebenswerte Heldin, sondern als unterkühlten Kontrollfreak, der sich im gesellschaftlichen Miteinander gerne mal überheblich, launisch und stur gibt. Weil der Film mit seiner romantisch verklärten Paris-Kulisse und seinen fantasievoll verspielten Traumszenen manchmal ein wenig glatt und künstlich wirkt, verleiht ihm Maries Widersborstigkeit die nötige Reibung.

Rosamund Pike verkörpert Marie in großmütterlicher Garderobe und mit notorisch skeptischem Blick, der im Labor manchmal einer kindlichen Begeisterung weicht. Aber da ist auch eine Inbrunst in Pikes Schauspiel, die Marie so bedeutsam auftreten und sprechen lässt, als wüsste sie schon um ihren prominenten Platz in den Geschichtsbüchern.

Auch sonst verlagert der Film seiner Aufmerksamkeit immer wieder von der Privatperson und Wissenschaftlerin zur idealisierten historischen Figur. Mehrmals springt Satrapi etwa in die Zukunft, um die Tragweite von Curies Schaffen zu vermitteln. Wir sehen, wie 1945 über Hiroshima die Atombombe abgeworfen wird; sind 1957 mit dabei, als ein krebskranker Junge in Cleveland mit Röntgenstrahlen behandelt wird und befinden uns 1986 inmitten der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Etwas unnötig wirken diese Momente nicht nur, weil sie uns von der eigentlichen Geschichte distanzieren, sondern auch, weil die Möglichkeit, Krebs zu heilen wie auch die Gefahren radioaktiver Strahlung bereits zu Curies Lebzeiten thematisiert werden.

Die Sprunghaftigkeit von „Elemente des Lebens“ wird vor allem dann zum Problem, als Pierre stirbt und die zentrale Liebesgeschichte in den Hintergrund gerät. Dabei hat Curies Leben auch weiterhin genug dramatisches Potenzial: Sie zerbricht fast an der Einsamkeit, wird als Polin diskriminiert, beginnt eine von den Medien hysterisch begleitete Affäre mit dem verheirateten Kollegen Paul Langevin (Aneurin Barnard) und behandelt während des Ersten Weltkriegs als Radiologin verwundete Soldaten. Der Film handelt diese Stationen jedoch eher pflichtschuldig ab, um den verschiedenen Facetten seiner Protagonistin gerecht zu werden. In eine überzeugende Dramaturgie übersetzt er sie nicht mehr.

Satrapi inszeniert ihre Heldin von Anfang an als Revolutionärin. Im Gegensatz zu den selbstgenügsam in ihren Sesseln fläzenden männlichen Wissenschaftlern hat es sich Marie zur Aufgabe gemacht, das Vertraute in Frage zu stellen. Die Regisseurin selbst verinnerlicht diesen revolutionären Geist zwar, führt ihn aber nicht konsequent zu Ende. Auch wenn Satrapi viel dafür tut, dass „Elemente des Lebens“ nicht zur braven biografischen Nacherzählung wird, geht sie letztlich doch vor der historischen Größe Curies in die Knie.

Marie Curie – Elemente des Lebens UK/Ungarn/China/FR/USA 2019. Regie: Marjane Satrapi. Darsteller: Rosamund Pike, Yvette Feuer, Mirjam Novak u.a.; 109 Min, in Farbe, FSK ab 12