BerlinWürde die Aufräumexpertin Marie Kondo mein Wohnzimmer betreten, würden ihre Augen wohl aufleuchten: viel zu tun. Und das liegt vor allen an den Bücherstapeln. Denjenigen, die vor dem bereits vollen Bücherregal aufgeschichtet sind, den kleineren entlang der Wand, denen unter dem Fensterbrett. Bei einem habe ich es übertrieben und ihn so hoch gebaut, dass er sich nicht mehr halten konnte und in sich zusammengestürzt ist. Ordentlich sieht das nicht aus. Aber die zum Patent gewordene KonMari-Methode würde hier trotzdem nicht funktionieren, auch wenn Marie Kondo behauptet, sie würde sich auch auf Bücher anwenden lassen.

Die Methode besagt, dass man beim Ausmisten jeden Gegenstand in die Hand nehmen soll, um zu spüren, ob er ein Glücksgefühl auslöst. Tut er das nicht: weg damit. Also los. Ganz oben liegt Hanne Orstaviks „Liebe“, ein Geschenk zum bereits ein halbes Jahr zurückliegenden Geburtstag. Mein Gefühl sagt: Du schönes Buch, ich werde dich lesen, sobald ich Zeit habe. So lange leuchtest du mir mit deinem türkisfarbenen Einband entgegen wie ein Versprechen, wie die Verkörperung der Hoffnung auf bessere Zeiten mit mehr Muße. Bei „Buch über Anna“ von Michail Ryklin, erschienen 2014, habe ich noch nicht mal die Plastikhülle entfernt. Aber: positive Gefühle auch hier. Und so weiter. Die aus Japan stammende Marie Kondo könnte das wissen.

Denn in ihrer Muttersprache gibt es sogar ein Wort für das, was Menschen wie ich tun: tsundoku. Die beiden japanischen Schriftzeichen, aus denen es geformt ist - bedeuten „aufstapeln“ und „lesen“.  Es ist kein neues Wort, sondern schon mehr als hundert Jahre alt, es stammt aus der Meji-Zeit (1868–1912).

Die große Frage ist nun, ob tsundoku einen wertenden, ja womöglich abwertenden Charakter hat. Das verneint der  Japanologe Andrew Gerstle von der University of London. Das Wort beinhalte keinerlei Stigma in Japan. Es gibt also kein Tsundoku-Syndrom, man kann sich des Tsundoku nicht schuldig machen. Laut Wikipedia gibt es Vorschläge, das Wort in die englische Sprache und in Wörterbücher wie das Collins Dictionary aufzunehmen. Die Duden-Redaktion in Mannheim sollte auch reagieren. Denn es gibt die Kunst, Bücher anzuschaffen, ohne sie zu lesen, ja auch hierzulande. Und wäre das Wort erst in die deutsche Sprache eingegangen, könnte man uns nicht länger den Messies zurechnen.